Ökumene: "Wir müssen noch viel enger zusammenstehen"
Der Ökumenische Kirchentag in Berlin soll nach Auffassung des gastgebenden katholischen Berliner Erzbischofs Kardinal Georg Sterzinsky den Kirchen vor allem die Möglichkeit geben, sich gemeinsam zu gesellschaftlichen Fragen zu äußern. "Natürlich lässt sich die Frage, was wir einander zu sagen haben, nicht ausklammern", sagte Sterzinsky am Montag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Außerdem äußerte sich der Kardinal zum Stand der Ökumene und zu ihrem Ziel.
KNA: Herr Kardinal, was ist aus Ihrer Sicht das Ziel der ökumenischen Beziehungen zwischen den Kirchen?
Sterzinsky: Die Einheit der Kirchen ist das Ziel, aber eine aus dem Geist Jesu Christi gewachsene und gereifte Einheit. Und deshalb besteht der Weg zu diesem Ziel darin, dass sich jede Kirche am Willen Christi orientiert und sich so wandelt, dass sie die Gemeinschaft mit den anderen schließlich wie eine Frucht empfängt.
KNA: Wo befinden wir uns jetzt auf diesem Weg zur Einheit?
Sterzinsky: Das wichtigste Ergebnis der Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten ist die Überzeugung, dass die Einheit notwendig ist, wenn wir die Kirche Christi im Vollsinn des Wortes sein wollen. Christen können nicht in der Abgrenzung voneinander und schon gar nicht in der Konfrontation mit anderen wahre Kirche Christi sein. Wir wollen, dass es zu einer großen Einheit kommt. Das ist das charakteristische Merkmal der heutigen ökumenischen Bewegung. Dass es eine Vielfalt in der Erscheinung der einen Kirche geben wird, ist dabei selbstverständlich.
KNA: Welchen Stellenwert hat aus römischer Sicht die innerdeutsche Ökumene, die ja vor allem durch den Dialog zwischen Katholiken und Protestanten geprägt ist.
Sterzinsky: Mir scheint, dass Rom erwartet, dass die Länder nördlich der Alpen Schrittmacher sind auf dem Weg zur Einheit der römisch-katholischen Kirche mit den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind. Deutschland ist nicht nur das Ursprungsland der Reformation, sondern auch ein Land mit kräftigem Potenzial an Theologie und Theologen. Auch ist hier das quantitative Verhältnis von katholischer Kirche und anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften so beschaffen, dass alle auf Augenhöhe miteinander sprechen können.
KNA: Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Ökumenische Kirchentag?
Sterzinsky: Der Ökumenische Kirchentag ist konzipiert als Tag, an dem das Gemeinsame erlebt wird, so dass es fruchtbar wird zum Wohl der Gesellschaft. Es geht mehr um die praktischen Folgen und Folgerungen aus dem Glauben; die Verschiedenheiten selbst werden nicht verschwiegen, sind aber nicht so sehr das Thema. Die erste Frage wird immer sein, was haben wir gemeinsam der Gesellschaft, in der wir leben, zu sagen. Natürlich lässt sich die Frage, was wir einander zu sagen haben, nicht ausklammern. Dies soll jedoch nicht konfrontativ geschehen, sondern vielmehr in einer großen Offenheit: Was haben wir uns bereichernd, anregend, weiterführend zu sagen?
KNA: Welcher Impuls soll von diesem Kirchentag für die säkulare Stadt Berlin und für Deutschland ausgehen?
Sterzinsky: Es wäre schon viel erreicht, wenn deutlich würde, dass wir gar nicht so wenige Christen sind, wie es manchmal gesagt wird, und dass wir etwas zu sagen haben nicht nur für uns selbst und unser innerkirchliches Leben, sondern auch für die Gesellschaft. Dass wir wieder gefragt werden nicht nur nach unserem diakonischen Dienst, sondern auch nach unserer Überzeugung. Im gesellschaftlichen und kulturellen Leben Berlins kommen die Kirchen ja kaum noch zur Geltung. Sie werden bei bestimmten Anlässen protokollarisch berücksichtigt oder bei bestimmten Anliegen angefragt, aber oft so wie eine zu vernachlässigende Größe. Das liegt auch an den Christen selbst, die nicht immer das Selbstbewusstsein haben, sich so zu Wort zu melden, dass man die Quellen ihrer Überzeugung erkennen kann. Andererseits gibt es die Tendenz, dass man die Kirchen gar nicht so zur Geltung kommen lassen will. Dann wird behauptet, Religion sei eine Privatsache, sie dürfe nicht in die Öffentlichkeit hineinreden. Und es wird unterstellt, die Kirchen wollten, wenn sie sich zu Wort melden, nur eigene Interessen wahrnehmen. Da ist manches aufzubrechen. Wir können uns nicht darauf beschränken, theologische Fragen im innerkirchlichen Raum zu bedenken, sondern es geht auch um die Konsequenzen für das ganze Leben.
KNA: Viele hatten die Hoffnung, dass es beim Ökumenischen Kirchentag zu einer gemeinsamen Abendmahlfeier kommen könne. Im offiziellen Programm konnte das nicht verwirklicht werden. Wie werden Sie damit umgehen, dass es trotzdem außerhalb des Programms solche Feiern geben soll?
Sterzinsky: Ich werde es behandeln als etwas, das unabhängig vom Ökumenischen Kirchentag geschieht. Ich lege großen Wert auf diese Unterscheidung: Es kann sein, dass es zum Zeitpunkt des Kirchentages so etwas gibt, und dann muss auch zu dem Zeitpunkt darauf reagiert werden. Aber das ist nicht Thema des Kirchentages. Es steht damit nicht im Zusammenhang.
KNA: Wie wird diese Frage beim Kirchentag selbst aufgegriffen?
Sterzinsky: Es wird verständlicherweise bei verschiedenen Gelegenheiten der Wunsch geäußert werden, dass wir auf dem Weg zu einer Verständigung über das Sakrament des Altares weitergehen, und zwar ganz beherzt weitergehen. Das Thema wird uns also nicht gleichgültig lassen. Dann wird sicherlich auch mit einem gewissen Schmerz gesagt werden, die Einheit am Tisch des Herrn haben wir noch nicht, aber mehr als Impuls, diese Einheit zu suchen, denn als Vorwurf, dass wir sie noch nicht haben.
KNA: Wie geht es nach dem Kirchentag weiter in den zwischenkirchlichen Beziehungen in Berlin und in Deutschland?
Sterzinsky: Ich habe die Hoffnung, dass nicht nur hier in Berlin, sondern deutschlandweit die katholischen und die evangelischen Christen, die an dem Kirchentag teilgenommen oder ihn beobachtet haben, spüren, dass wir noch viel enger zusammenstehen müssen. Nicht die Gemeinsamkeit bedarf der Rechtfertigung, sondern die Trennung. Und in dem Maß, in dem wir das, was gemeinsam möglich ist, auch tun und nicht aus Bequemlichkeit oder Routine doch wieder getrennte Wege gehen, werden wir auch zur Einsicht kommen, was noch zu tun ist, damit wir zur vollen Einheit in der Vielfalt der Form finden. (...)
Interview: Birgit Wilke/Norbert Zonker (KNA)
12.5.03
Quelle: http://www.kna.de