Ökumene: Misstrauen bestimmt das Verhältnis der Kirchen

 

Von Hartmut Meesmann

"Dass Protestanten aus der Kirche austreten, weil der Papst in Rom mal wieder gegen Frauen im Priesteramt wettert oder Sex nur in der Ehe für erlaubt hält, das macht mich verrückt", schimpft der evangelische Pfarrer. Und er fragt erregt: " Wissen die denn nicht, dass wir Evangelischen in diesen Punkten anders denken und handeln?" Nein, das wissen viele Menschen eben nicht- nicht mehr. Der Institution Kirche und auch dem christlichen Glauben immer mehr entfremdet, unter- scheiden sie nicht mehr groß zwischen "katholisch" und "evangelisch". Ist doch alles eins, sagen sie.

 

Und einig sind sich die Kirchen ja auch in vielen Fragen, vor allem in den gesellschaftspolitischen. Sie melden sich viel öfter als früher gemeinsam zu Wort: zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland etwa, zum Lebensschutz, zur Gentechnologie, zu Krieg und Frieden. "Kein Blatt Papier" passe zwischen ihre Positionen, hatten Karl Lehmann, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, und Manfred Kock, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, beispielsweise bei der Vorstellung ihrer offiziellen Stellungnahme zur Gentechnologie unisono erklärt. Und auch den Irak-Krieg lehnten beide Kirchen mit deutlichen Worten ab.

 

Diese Gemeinsamkeiten im Grundsätzlichen, noch dazu öffentlich und offensiv präsentiert, sind eine Frucht der ökumenischen Annäherung. Sie erhielt in den 70er Jahren neue Impulse, nachdem sich die Katholiken in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) bereit fanden, auch mal über die eigenen konfessionellen Mauem hinauszuschauen. Unbehagen lösen die gemeinsamen Erklärungen der Kirchen allerdings bei so manchen evangelischen Kirchenchristen aus. Immer mal melden sich Stimmen zu Wort, die davor warnen, die protestantischen Anliegen durch eine zu bereitwillige Anpassung an katholische Positionen zu verwässern und den innerevangelischen Pluralismus einfach zu ignorieren. Doch bei den Kirchenleitungen hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass in einer Gesellschaft, die dem Christlichen zunehmend skeptisch gegenübersteht und die - aus Sicht der Kirchen - zugleich an ethischer Orientierungslosigkeit leidet, die Kirchen mit einer Stimme auftreten müssten, um überhaupt noch gehört zu werden. So meint denn auch die evangelische Präsidentin des Berliner Ökumenischen Kirchentages, Elisabeth Raiser, dass die Gemeinsamkeiten zwischen den Kirchen größer seien als das Trennende, "uns ähnliche Fragen umtreiben und dass ein gemeinsames Zeugnis und Handeln in der Welt eigentlich lebensnotwendig ist".

 

Vor Ort, in den Städten und Dörfern dieser Republik, kann man beides beobachten: ein ganz selbstverständliches Miteinander der Kirchengemeinden am Ort, ein- geschlossen die gelegentliche gemeinsame Abendsmahlsfeier, zumindest im kleinen Kreis; aber auch freundliches Desinteresse und sogar eine gewisse ökumenische Lustlosigkeit. Zugenommen hat die Lust an der Abgrenzung. Gerade weil Katholiken und Protestanten von vielen Menschen in einen Topf geworfen werden, ist in den Kirchen das Bedürfnis gewachsen, das eigene konfessionelle Profil schärfer herauszuarbeiten. "Evangelisch aus gutem Grund", lautet ein Slogan, der - in der hessen-nassauischen Landeskirche geboren und sogar in ein Symbol (stilisiertes Kreuz auf lila Grund) gegossen - inzwischen auch in anderen Landeskirchen be- gierig aufgegriffen wurde.

 

Bei der Suche nach einer möglichen Einheit der Kirchen herrscht daher heute eine gehörige Portion Nüchternheit, ja sogar Skepsis. Die Euphorie der 70er und 80er Jahre, als manche engagierte Ökumeniker gar von der Vision einer institutionalisier- ten Einheit träumten, ist verflogen. Heute praktiziert man nüchtern eine " versöhnte Verschiedenheit".

 

Viele Theologen sind von den Kirchenleitungen enttäuscht. Denn inzwischen liegen eine ganze Reihe von theologischen Gutachten auf den Tischen der Hierarchen, in denen steht, dass einer Kircheneinheit theologisch nichts mehr im Weg stehe. Das haben die drei Ökumenischen Institute in Bensheim, Tübingen und Straßburg erst kürzlich noch einmal in einer gemeinsamen Erklärung unterstrichen und die gegenseitige Zulassung zum Abendmahl - zumindest in bestimmten Situationen - gefordert. Doch die Kirchenleitungen, zuallererst Papst und Kurie in Rom, nehmen diese Gutachten einfach nicht zur Kenntnis. Das zeigt auch die jüngste Enzyklika des römischen Kirchenoberhaupts über die Eucharistie; in der keine konkreten Wege zur Einheit der Kirchen gewiesen werden.

 

Lukas Vischer, evangelischer Theologieprofessor aus Bern, über viele Jahre führend im Genfer Weltrat der Kirchen tätig, zieht ein eher resigniertes Fazit der vielen ökumenischen Gespräche: "Die Kirchen wollen in Wahrheit gar keine Einheit." Ja, seit Rom vor zwei Jahren in einem schroffen Dokument ganz offiziell erklärt hatte, dass die evangelischen Gemeinschaften aus katholischer Sicht überhaupt keine Kirchen seien, wachst bei den Protestanten wieder der gut begründete Verdacht, die katholische Kirche wolle letztendlich nichts anderes als die Rückkehr der verlorenen Brüder und Schwestern in den Schoß der allein selig machenden und einzig wahren Kirche Jesu. Insofern wäre es ein bedeutsamer, ja sensationeller Schritt, wenn die katholische Kirche die evangelischen Kirchen ganz offiziell und ohne Wenn und Aber als legitime Kirchen Jesu Christi anerkennen würde. "Doch davon", sagt ernüchtert der Marburger Kirchengeschichtler Wolfgang Bienert, Mitglied im Zentralausschuss des Weltkirchenrates, "sind wir weit entfernt." Meilenweit.

 

23.4.03

Quelle: Frankfurter Rundschau S. 2