Würzburg, 30.6.2003 (epd). Missglückt ist am vergangenen
Sonntag ein so
genannter Kanzeltausch zwischen der katholischen und evangelischen Gemeinde
im Würzburger Stadtteil Heuchelhof. Während die katholische
Gemeindereferentin Barbara Stehmann in der evangelischen Gethsemanekirche
wie geplant predigte, verließ die evangelische Pfarrerin Stéphanie Fessler
vorzeitig den katholischen Gottesdienst in St. Sebastian: Der katholische
Pfarrer Helmut Baierl hatte sie nicht zu Wort kommen lassen.
Führende Vertreter der evangelischen Gemeinde forderten Baierl am Montag
auf, sich "sowohl öffentlich als auch persönlich bei den Betroffenen für
sein beleidigendes Verhalten zu entschuldigen". Sie warfen ihm vor,
schriftliche Vereinbarungen nicht eingehalten zu haben. Baierl war für eine
Stellungnahme nicht zu erreichen.
Der evangelische Würzburger Dekan Günter Breitenbach sprach von einem
unerklärlichen Vorgehen des katholischen Geistlichen und kündigte Gespräche
mit der Diözese Würzburg an. "Ich hoffe, dass sich diese Angelegenheit als
lokales Problem herausstellt", so Breitenbach. Er könne aber nicht
hinnehmen, dass ein evangelischer Pfarrer als Prediger in einen katholischen
Gottesdienst eingeladen werde und dann nicht zu Wort komme.
Predigertausch zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden zu
besonderen Anlässen wird in Bayern seit vielen Jahren praktiziert. In
Würzburg übernahm selbst der katholische Bischof Paul-Werner Scheele eine
Predigt in der evangelischen Stephanskirche.
Der Vorgang im Stadtteil Heuchelhof hat nach Angaben des evangelischen
Pfarrers Jörg Breu "tiefe Betroffenheit" unter evangelischen und
katholischen Christen ausgelöst. Der Predigttausch sei zunächst von dem
katholischen Pfarrer als "sehr erfreuliche Sache" begrüßt worden,
nachdem
ein ursprünglich geplanter ökumenischer Gottesdienst zum Auftakt des
gemeinsamen Sommerfestes vom Ordinariat untersagt worden war.
Den Angaben des evangelischen Pfarramts zufolge habe Baierl seine im Talar
erschienene evangelische Kollegin bereits am feierlichen Einzug in das
Gotteshaus gehindert und ihr statt dessen einen festen Platz zugewiesen.
Abweichend von der abgesprochenen Gottesdienstordnung habe er dann nicht
über den Guten Hirten, sondern über das Trennende in der Ökumene gesprochen.
Er habe den evangelischen Gottesdienstbesuchern deutlich gemacht, dass er
ihnen keine Kommunion spenden könne.
Während des Gottesdienstes seien Vertreter verschiedener Mitgliedskirchen
der neuen Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK) in Würzburg begrüßt
worden, nicht aber die evangelische Pfarrerin. Fessler habe zu Beginn der
Eucharistiefeier mit dem evangelischen Diakon Georg Pfundt und der
Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, Gisela Selbach, die katholische Kirche
verlassen und im noch laufenden evangelischen Gottesdienst über den Vorgang
berichtet. Die Gemeinde reagierte nach Aussagen von Gottesdienstbesuchern
mit Unverständnis bis hin zu Tränen.
30.6.03
Quelle: http://www.epv.de/aktuell/news.php?jr=2003&cid=aktuelles&sid=031033
Würzburg, 1.7.2003 (epd). Im Fall des missglückten
Predigertauschs zwischen
der katholischen und der evangelischen Gemeinde im Würzburger Stadtteil
Heuchelhof bemühte sich das Bischöfliche Ordinariat Würzburg am Dienstag um
Schadensbegrenzung. Die evangelische Gemeindeleitung blieb bei ihrer
Forderung nach einer öffentlichen und persönlichen Entschuldigung des
katholischen Pfarrers Helmut Baierl (45), der die evangelische Pfarrerin
Stéphanie Fessler (32) am vergangenen Sonntag bei einem ökumenischen
Sommerfest nicht mit einziehen und predigen ließ. Baierl selbst lehnte
gegenüber dem Evangelischen Pressedienst eine Erklärung mit dem Hinweis ab,
dass "Christen ihre Differenzen nicht in der Öffentlichkeit austragen
sollten". Der evangelische Dekan Günter Breitenbach sieht weiter
"Klärungsbedarf".
Das Würzburger Ordinariat drückte in einer Stellungnahme sein Bedauern
darüber aus, dass im Vorfeld der vereinbarten Parallelgottesdienste im
Stadtteil Heuchelhof "kein Weg gefunden wurde, die Situation einvernehmlich
und eindeutig abzuklären". Es verwies darauf, dass nach katholischem Recht
"die Homilie (Kurzpredigt, Red.) eines evangelischen Amtsträgers nicht
während einer Eucharistiefeier stattfinden soll, um die Einheit von Wort und
Sakrament auch personell deutlich zu machen". Die Pressestelle der
Kirchenbehörde sprach die Hoffnung aus, "dass sich die in 30 Jahren
gewachsenen ökumenischen Beziehungen im Stadtteil Heuchelhof auch in einer
solchen Situation bewähren".
Sowohl Breitenbach als auch die Gemeindeleitung Heuchelhof erinnerten daran,
dass Baierl selbst die evangelische Pfarrerin zur Predigt in der
katholischen Kirche eingeladen habe. In einer schriftlichen Mitteilung an
die "Liebe Stéphanie" vom 28. Mai habe er das Projekt noch als
"sehr
erfreuliche Sache" bezeichnet. Für eine Absage des Kanzeltauschs wegen
kirchenrechtlicher Bedenken wäre anschließend immer noch genügend Zeit
gewesen, so die evangelische Gemeindeleitung. Durch sein Vorgehen im
Gottesdienst, die nicht abgesprochene Änderungen des vereinbarten
Predigtthemas und die "schroffe Belehrung" der Gottesdienstbesucher
über das
Trennende im Glauben habe der katholische Pfarrer eine "vermeidbare
öffentliche Demütigung der evangelischen Vertreter im Gottesdienst bewusst
in Kauf genommen", heißt es in ihrer Erklärung.
1.7.03
Quelle: http://www.epd.de/bayern/bayern_index_16003.htm