Ökumene: Ein detailliertes Konzept zur Wiedervereinigung der Kirchen?
Seit Jahren liegt es vor: Masterplan für den Dialog

Für die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands präsentierte Helmut
Kohl im November 1989 vor dem Bundestag seinen Zehnpunkteplan. Und für die
Einheit der getrennten Kirchen? Immer wieder wird im ökumenischen Gespräch
beklagt, dass hier ein detailliertes Konzept fehlt. Dabei gibt es längst
einen Masterplan - seit 1983. Damals veröffentlichte Karl Rahner zusammen
mit Heinrich Fries das Buch "Einigung der Kirchen - Reale Möglichkeit".

In acht Thesen entwickeln die beiden Theologen einen wissenschaftlich
vertretbaren und aus ihrer Sicht für die Kirchenleitungen akzeptablen Weg,
die Einheit zu erreichen. Dass dies Kompromissbereitschaft voraussetzt,
liegt auf der Hand. Doch ohne Zugeständnisse von Katholiken wie Protestanten
wird der Traum von der einen Kirche ohnehin auf den Sankt-Nimmerleins-Tag
verschoben. Gerade in einer Zeit, da das ökumenische Gespräch schwieriger
geworden und die Euphorie verflogen ist, scheint es angebracht, an das
Rahner-Fries-Konzept zu erinnern. Es enthält viele Impulse, die den Dialog
der Kirchen auch heute vorantreiben können. Karl Rahner wurde zeit seines
Lebens nie wirklich unter die Schar der Ökumeniker gezählt. Dabei gehörte
die Arbeit an den Einheits-Thesen bis kurz vor seinem Tod zu den Aufgaben,
"die er als immer dringlicher ansah", erinnert sich Heinrich Fries.

Rahner verstand Ökumene nicht als eigenständige Disziplin innerhalb der
theologischen Fächer. Schon 1968 hatte er in einem Aufsatz geschrieben: "Mir
scheint, dass die wichtigste Arbeit der ökumenischen Theologie gar nicht in
einer Theologie besteht, die als expliziter Dialog neben der sonstigen
Theologie der getrennten Kirchen betrieben wird, sondern in ihr als ganzer
und in allen Disziplinen. So gesehen fällt die ökumenische Theologie mit der
Theologie überhaupt zusammen."

Diese Definition hat Auswirkungen auf Rahners Methodik. Er tastet die
katholische Lehre Punkt für Punkt auf Bereiche ab, "in denen mehr
Pluralität, Toleranz und Freiheiten für nicht spezifisch römische Elemente
möglich wären, ohne dabei den Rahmen und die katholische Theologie und
Lehrverkündigung zu verlassen", analysiert der Theologe Ulrich Möbs. Diese
Vorgehensweise macht ein taktisches Aufrechnen von Zugeständnissen, das dem
Dialog nur schadet, nahezu unmöglich.

Trotz seines liberalen Ansatzes gibt es keinen Zweifel daran, dass Rahner
mit seinen Überlegungen fest auf katholischem Boden steht. Sein Ja zur
Kirche gehört für ihn zur selbstverständlichen Grundhaltung seines Lebens.
Weil er aber die Trennung der Kirchen als Skandal erachtet, redet er
bisweilen Klartext.

Entscheidend für Rahners Ökumeneansatz ist vor allem seine Überzeugung, dass
wir - Katholiken und Protestanten - "trotz der Differenzen im Bekenntnis
nicht nur eine Einheit des Glaubens suchen, sondern als schon gegeben uns
gegenseitig zubilligen". Denn wenn, so Rahner, Gott durch die Auferstehung
Christi aus allen Sündern Gerechtfertigte macht, besteht zwischen den
Kirchen bereits ein einigendes Band, das stärker ist als alle
geschichtlichen Zerwürfnisse. Gibt es aber jene Übereinstimmung im Glauben
schon, muss die Feststellung der Übereinstimmung möglich sein.

Die wesentlichen Schritte dazu sind:

Schritt eins: "Die Grundwahrheiten des Christentums - dazu zählen die
Aussagen der Bibel, des Apostolischen Glaubensbekenntnisses und der
Konzilien von Nicäa und Konstantinopel - sind für alle Teilkirchen der
zukünftig einen Kirche verpflichtend" (Rahner-Fries-These 1). Die eine
Kirche ist nur möglich, wenn sie eine Gemeinschaft des Glaubens ist. Daher
braucht es Basisübereinkünfte.

Schritt zwei: "Darüber hinaus gilt das Prinzip: In keiner Teilkirche (weder
bei Katholiken noch Protestanten, A. d. Verf.) darf dezidiert und
bekenntnismäßig ein Satz verworfen werden, der in einer anderen Teilkirche
ein verpflichtendes Dogma ist. Ein positives Bekenntnis aber einer
Teilkirche zu einem Dogma einer anderen Teilkirche ist über These 1 hinaus
nicht verpflichtend gefordert" (These 2).
Diese Überlegung ist das Kernstück des Einheitskonzeptes. Denn sie legt
fest, dass etwa die evangelische Kirche in Fragen der Heiligenverehrung
lediglich erklären muss, dass die katholische Praxis dem christlichen
Glauben nicht widerspricht. Sich selbst positiv zur Heiligenverehrung zu
bekennen, brauchen die Protestanten nicht. Dies, so Rahner, kann einem
"weiter gehenden Konsens der Zukunft überlassen werden".

Schritt drei widmet sich der Frage des Papstamtes - einem erheblichen
ökumenischen Streitpunkt. Die Klärung ist deshalb in zwei Richtungen
formuliert. Mit Blick auf die Protestanten wird festgehalten: "Alle
Teilkirchen erkennen Sinn und Recht des Petrusdienstes des römischen Papstes
als konkreten Garanten der Einheit der Kirche an" (These 4a). An die Adresse
der Katholiken ist formuliert: "Der Papst verpflichtet sich ausdrücklich,
die Eigenständigkeit der Teilkirchen anzuerkennen und zu respektieren. Er
erklärt, dass er von seiner obersten ihm vom Ersten Vatikanischen Konzil her
zustehenden Lehrautorität nur in einer Weise Gebrauch machen wird, die einem
allgemeinen Konzil der ganzen Kirche entspricht" (These 4b).
Mit dem Papstamt sind auch die konfessionellen Differenzen beim Bischofsamt
berührt. Die katholische Kirche versteht sich als eine "episkopale" Kirche,
für die der Bischofsdienst konstituierend ist. Die evangelischen Kirchen
dagegen sind presbyterial verfasst. Sie gehen von einer in der Alten Kirche
bezeugten Einheit von Bischofs- und Presbyteramt aus. Zugleich aber lehnen
die evangelischen Kirchen eine Untergliederung in verschiedene Dienste nicht
ab.

Schritt vier besagt deshalb: "Alle Teilkirchen haben nach alter
Überlieferung Bischöfe an der Spitze ihrer größeren Untergliederungen. Die
Bischofswahl in diesen Teilkirchen braucht jedoch nicht in der jetzt in der
römisch-katholischen Kirche als normal geltenden Weise zu geschehen" (These
5). Hier ist bereits angesprochen, was eng mit der Frage des Bischofsamtes
verknüpft ist und ebenso ökumenisch heftig umstritten ist: das Problem der
gültigen Ordination.

Dies kommt detailliert in den Blick in Schritt fünf: "Alle Teilkirchen
verpflichten sich, von nun an die Ordination durch Gebet und Handauflegung
so vorzunehmen, dass ihre Anerkennung auch der römisch-katholischen
Teilkirche keine Schwierigkeiten bereitet" (These 7). Es ist kein Zufall,
dass im ökumenischen Gespräch jene Ämterfrage heute als "letzte Steilwand"
des Dialogs bezeichnet wird. Denn die katholische Kirche bestreitet die für
die Feier der Eucharistie als notwendig vorausgesetzte Gültigkeit der
Ordination in den reformatorischen Kirchen. Sie bestreitet sie selbst dann,
wenn die Ordination wie heute üblich unter Gebet und Handauflegung
vorgenommen wird.
Der historische Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass die Pfarrer der
reformatorischen Kirchen in den ersten Jahren nach der Kirchenspaltung nicht
durch bischöfliche Handauflegung für ihr Amt bestellt wurden. Das aber ist -
Stichwort episkopal verfasste Kirche! - zur gültigen Ordination nach
katholischem Verständnis nötig. Mit Blick auf These 2 schlägt Rahner vor,
den Dissens in der Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Zugleich muss
künftig nach einem unstrittigen Modus ordiniert werden. Um dies zu
ermöglichen, sollten - zur Beruhigung katholischer Bedenken - bei künftigen
evangelischen Ordinationen römische Bischöfe mitordinieren. Ohnehin hält
Rahner dies, als sichtbares Zeichen für die Einheit der Kirche, für geboten.
An diesem Punkt lässt sich die jesuitische Spitzfindigkeit des Konzepts
erspüren. Um katholischer und evangelischer Position gerecht zu werden, ist
Rahner bereit, auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Der katholische
Würdenträger weiht das "Ordinationsdefizit" des evangelischen Kollegen
einfach weg. Den Protestanten seinerseits braucht es nicht zu stören, dass
ein katholischer Bischof die Weihe mitvollzieht.

Wer den Weg mitgeht, auf den wartet Schritt sechs, der große Schlussakkord:
"Es besteht zwischen den einzelnen Kirchen Kanzel- und Altargemeinschaft"
(These 8). In einer wiedervereinigten Kirche können die Gläubigen
wechselseitig am Abendmahl oder der Eucharistie teilnehmen. Auch
Predigtaustausch ist möglich.

Die Veröffentlichung der Thesen rief ein großes Echo hervor. Es gab
stürmische Begeisterung - und vernichtende Kritik - von beiden Kirchen. Der
Protestant Eberhard Jüngel sprach von der "theologisch bedeutsamsten
Publikation des Lutherjahres". Zugleich sah er größere Toleranzbereitschaft
von evangelischer Seite gefordert.

Ganz anders sein Kollege Eilert Herms. Der evangelische systematische
Theologe antwortete mit einem Gegenbuch. Sein Urteil fällt vernichtend aus:
Die evangelische Theologie, so Herms fast sarkastisch, müsse Rahners
Vorschläge unbedingt begrüßen. Denn hier werde eine ökumenische
Zielvorstellung entwickelt, von der man als Protestant "mit großer Klarheit
und Gewissheit sagen kann, was als Ziel der ökumenischen Bewegung jedenfalls
nicht in Betracht kommt".

Herms trifft sich in seiner kategorischen Ablehnung mit dem harschen Nein
Josef Kardinal Ratzingers. Der heutige Präfekt der Glaubenskongregation
urteilt, Rahners Konzept strebe eine formale Einheit ohne Inhalte an. Dies
beruhe "auf der Kapitulation vor der Möglichkeit, einander in Wahrheit nahe
zu kommen". Die Kritik ist vermutlich in ihrer Schärfe darin mitbegründet,
dass zwischen Rahner und Ratzinger zeitlebens eine hohe Rivalität bestand.

Auf katholischer Seite gab es indes von Wissenschaftlern wie Amtsträgern
auch viel Lob für die Thesen. Doch es gelang Rahner und Fries nicht, sie zum
selbstverständlichen Rüstzeug im ökumenischen Gespräch zu machen. Zwanzig
Jahre nach der Veröffentlichung ist es gänzlich still um den einstigen
Masterplan geworden. Zu Unrecht. Denn die Thesen könnten das ins Stocken
geratene ökumenische Gespräch neu beleben. Die besseren Argumente, hat
Heinrich Fries einmal nach dem Tod Rahners trotzig prophezeit, würden sich
eines Tages durchsetzen. Diese Hoffnung hatte auch Rahner. Vor allem aber
setzte der Jesuit sein Vertrauen in eine höhere Instanz: So bittet er im
letzten Gebet, das er wenige Tage vor seinem Tod schrieb, eindrucksvoll:
"Von uns, nicht von dir kommt die Spaltung unter den Kirchen. Doch allein
deine Gnade kann das Wollen und Vollbringen dieser Einheit schenken. Darum
kann all unser Bemühen doch nur immer mit dem Gebet beginnen: Gib, was du
von uns verlangst." (MATTHIAS GIERTH)

(Der Autor hat seine theologische Diplomarbeit 1994 über die Thesen von Karl
Rahner und Heinrich Fries geschrieben)

Aus: Rheinischer Merkur, 4.3.2004
Quelle: http://www.merkur.de/aktuell/cw/gg_041003.html