"Weg zur Ökumene unumkehrbar"

Theologen beleuchten die Ansichten der jeweils anderen Konfession

Kirchenverständnis aus evangelischer und katholischer Sicht

Würzburg (POW) Unterschiede und Gemeinsamkeiten des evangelischen und katholischen Verständnisses von Kirche sowie Chancen für die Ökumene sind bei der Tagung "Evangelisches und katholischen Kirchenverständnis" der Katholischen Akademie Domschule im Sankt-Burkardus-Haus thematisiert worden. Das evangelische Kirchenverständnis aus katholischer Sicht beleuchtete Professor Harald Wagner aus Münster. Mit den Grundzügen des katholischen Kirchenverständnisses aus evangelischer Perspektive befasste sich dagegen Professor Gunther Wenz aus München.

Wenn man heute nach den Grundlinien des katholischen Kirchenverständnisses fragt, kann nach den Worten von Professor Wagner auf das Zweite Vatikanische Konzil verwiesen werden. Vor allem die Kirchenkonstitution "Lumen gentium" enthalte "Mosaiksteinchen des gegenwärtigen Kirchenverständnisses" – wobei es bis heute verschiedene Interpretationen des Textes gebe, wie etwa die Erklärung "Dominus Jesus" zeige. Die katholische Theologie sei in der günstigen Situation, auf ein Dokument verweisen zu können, das nur wenige Jahrzehnte alt ist. "Lumen gentium" sei ein Endpunkt der Entwicklung der vorangegangenen 150 Jahre gewesen.

In der evangelischen Kirche gebe es nichts Vergleichbares, auch weil es dafür bisher keinen Grund gegeben hätte. Aus der Reformation seien bald verschiedene Gemeinschaften hervorgegangen, und es gebe vielfältige evangelische Vorstellungen von Kirche. Wenn man auf die Gliedkirchen der evangelischen Kirche schaue, werde man immer wieder fragen müssen, was kommt aus der lutherischen, der reformierten oder der unierten Tradition, ohne dabei zusätzlich noch die Freikirchen thematisiert zu haben. In der evangelischen Kirche herrsche Vielfalt, in der katholischen Homogenität – das sei keine überhebliche Aussage, sondern einfach Fakt und mache es schwer, das evangelische Kirchenverständnis festzulegen, sagte der katholische Theologe. Als katholischer Christ sei man gut beraten, der Ekklesiologie Martin Luthers besondere Beachtung zu schenken.

Zur Reformationszeit wurde die Kirche laut Wagner vor allem als sichtbare Institution verstanden: geleitet vom Papst und begründet auf dem Glaubensbekenntnis. Die evangelische Kirche dagegen war von Anfang an christusorientiert. Wegen der Göttlichkeit Jesu und der Sündhaftigkeit der Menschen könne die Kirche nicht in Analogie zu Christus gesehen werden und habe von ihrem Wesen her keinen Anteil an göttlicher Verfasstheit. Aus lutherischer Sicht sei die Kirche Geschöpf des Wortes, begründet durch den Heiligen Geist. Die Sakramente seien Form der Verkündigung und sichtbare Zeichen der Kirche – Bischöfe, Pfarrer, Prediger seien notwendige Ausführende. Doch Wort und Sakrament sind laut Wagner nicht ausreichend für eine evangelische Ekklesiologie, denn der Prozess der Findung des "rechten evangelischen Glaubens" verlaufe nach einer wesentlich komplexeren Systematik.

Das Papier "Communio Sanctorum" gehört nach Aussage Wagners zu den "schönsten Ergebnissen der ökumenischen Entwicklung". Unter dem Stichwort "differenzierter Konsens" gehe es nicht darum, mit denselben Worten Sachverhalte wiederzugeben, sondern mit eigenen Worten verschiedene Akzente zu denselben Aussagen zu setzen. Ohne diese Methode wäre die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Jahr 1999 nicht entstanden – wie auch andere Schritte auf dem ökumenischen Weg. In "Communio Sanctorum" sei so etwas wie ein gemeinschaftliches Kirchenverständnis formuliert worden. Unterschiede erschienen nur in Sprache oder Akzentuierung. Hervorzuheben sei dabei auch, dass die lutherische Kirche dem Papsttum etwas Positives abgewinnen könne – "die Bindung an einen universalen Petrusdienst liegt nahe". Kritik übte Wagner an dem "Schnellschuss"-Dokument "Dominus Jesus" und der katholischen Ansicht, dass von einer sichtbaren, vollen Einheit der Kirche ausgegangen werde. "Der Weg der Ökumene ist trotzdem unumkehrbar", sagte Wagner.

"Im Sinne Luthers ist der Kirchenbegriff schwer definierbar, vom Gebäude beginnend bis zu ihren anderen Gestalten", erklärte Professor Wenz. Der Begriff "ecclesia" mache es auch nicht leichter. Für seinen Versuch einer Definition bezog sich der evangelische Theologe auf den siebten Artikel der "Confessio Augustana". Demnach sei die Kirche die Gemeinschaft der Heiligen, in der evangeliumsgemäß das Wort verkündet und die Sakramente verwaltet würden. Für die evangelische Kirche ist diese "congregatio sanctorum" als Kirche die konkret versammelte Gottesdienstgemeinde. Für die katholische Kirche gelte das nicht nur sekundär, sondern diese sei im vollen Sinne Kirche – eine Schwierigkeit hierbei sei das Verhältnis von Diözese zur konkreten Gottesdienstgemeinschaft. Ein ökumenisches Einverständnis könne es in diesem Fall nur geben, wenn die Kirche am Ort voll und ganz Kirche Christi sei und zu ihr ein institutionell ausgeprägter Vollzug gehöre. Weitere Punkte seien die Themen Wort und Sakrament. Der Sakramentsbegriff sei einst gar nicht so definitiv gewesen, wie er heute dastehe – weder in seiner Form, noch hinsichtlich der Anzahl. Einigkeit zwischen beiden Kirche herrsche bei den Grundsakramenten Taufe und Abendmahl, zudem ließen sich von ihnen her Bezüge auch zur "confirmatio", zur Krankensalbung und selbst zur Ehe herstellen. "In der Sakramententheologie besteht kein trennender Gegensatz. Doch würde ich der evangelischen Kirche hier eine Differenzierung empfehlen", sagte Wenz.

Ein weiteres Thema sei die unsichtbare Kirche. In diesem Zusammenhang entstehe ein Problem durch die Ansicht, dass alles, was nicht römisch-katholisch sei, nicht Kirche ist – "so wären wir bei ‚Dominus Jesus’". Doch werde die orthodoxe Kirche anerkannt, obwohl sie sich nicht dem Primat des Papstes unterordne, was nach katholischem Verständnis konstitutiv zur Kirche hinzugehöre. Dass die Kirche keine unsichtbare Größe sei, müsse die katholische Ekklesiologie den anderen deutlich machen. Auch Luther sei bald von der unsichtbaren zur verborgenen Dimension der Kirche übergegangen. Auch die evangelische Kirche müsse nach einem sichtbaren Ausdruck der Einheit streben. Wo kein Elementarkonsens im Glauben vorhanden sei, könne es keine Kirchengemeinschaft geben. Hierbei sei ein höheres Maß an Flexibilität gefordert. Das bedeute etwa nicht eine bedingungslose Abendmahlgemeinschaft, aber ein konsequentes Ausschöpfen der Möglichkeiten, die der katholischen Kirche bereits zur Verfügung stehen.

Einen wirklichen theologischen Knackpunkt gebe es bei der Amtsfrage. Es sollte dabei der universale kirchliche Einheitsdienst, der Petrusamt genannt werden könnte, vom Papst in Rom unterschieden werden. Für die orthodoxe Kirche sei es ja gerade die Stellung des Papstes, die eine Einheit verhindere. Eine weitere zentrale Frage im Bezug auf die Ämter sei die Differenzierung zwischen dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften und dem ordinationsgebundenen Amt. "Nach meinem Fürhalten kann es kein Monopol für das ordinationsgebundene Amt geben – besonders auch aus der Sicht des evangelischen Theologen", betonte Wenz. An dieser Stelle sollten die Gewichte im Einheitsprozess nicht so schwer gehängt werden – "wer das anders macht, hat verspielt".

jo (POW)

(4901/1605)

07.12.2001

www.katholische-kirche.de