Ökumene
Kardinal Kasper: Konfessionelle Selbstgenügsamkeit aufbrechen
Ökumenische Einheit der Kirchen setzt eigene Umkehr und Erneuerung voraus. Dem Geist Gottes Spielraum lassen- Gastvorlesung in Tübingen
Tübingen (drs). Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, sieht in der Selbstbescheidung der Konfessionen und der nachlassenden Dynamik auf die größere ökumenische Kirchengemeinschaft hin gegenwärtig das Kernproblem der Ökumene. "Das Vordringlichste in der gegenwärtigen Situation ist, die konfessionelle Selbstgenügsamkeit aufzubrechen und die Sehnsucht nach der Fülle der Wahrheit in der größeren ökumenischen Gemeinschaft neu wachzurütteln", sagte Kasper am Montagabend (7. Januar) bei einer öffentlichen Gastvorlesung in Tübingen.
Auf Einladung der Katholisch-Theologischen Fakultät und des Instituts für Ökumenische Forschung sprach der Kardinal als Honorarprofessor der Tübinger Universität im Audimax zum Thema "Kirchengemeinschaft als ökumenischer Leitbegriff". Vorangegangen war eine Seminarveranstaltung im Theologicum zum Papstamt in ökumenischer Dimension.
In seiner Vorlesung ließ der Präsident des Einheitsrates keinen Zweifel daran, dass die volle Kirchengemeinschaft mit den anderen Konfessionen Ziel aller ökumenischen Bemühungen der katholischen Kirche ist. Dies sei allerdings nicht ein Ziel in sich. Der Prozess kirchlicher Annäherung solle die Kirchen vielmehr befähigen, sich gemeinsam den Fragen der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt sowie dem Gespräch mit anderen Religionen zuzuwenden. "Alle sollen eins sein, damit die Welt glaube'", zitierte Kasper das grundlegende Jesus-Wort aus dem Johannesevangelium.
Nach Ansicht des Kardinals könne man gegenwärtig insgesamt "nicht von Verhärtung, wohl aber von einem Wandel der ökumenischen Situation sprechen". Die Konfessionen fragten verstärkt nach der eigenen Identität. Diese müsse aber als eine "offene und dynamische Größe" begriffen werden. Die Rückbesinnung der Konfessionen auf das, was sie eigentlich sind, führe dann weiter, wenn sie die Bereitschaft zum Dialog und zur Entwicklung einschließe. Letztlich seien eigene Umkehr und Erneuerung die Voraussetzungen für die ökumenische Annäherung, und zwar "die Bekehrung zu Jesus Christus und nicht zu einer anderen Kirche oder Konfession".
Kasper lehnte es ab, von vornherein das Ergebnis dieses ökumenischen Umkehrprozesses "am grünen Tisch festzulegen". Er halte wenig von "Sandkastenspielen mit konkreten Modellen künftiger Kircheneinheit". Vielmehr sollten die Kirchen "dem Geist Gottes Spielraum lassen, aber auch das hier und heute Mögliche tun".
Um noch mehr zu einem "Ökumenismus des Lebens" zu gelangen, sei etwa auf alle Formen der Abwerbung von Gläubigen anderer Konfession (Proselytismus) zu verzichten. Die Auswirkungen kircheninterner Entscheidungen auf den ökumenischen Partner müssten jeweils mitbedacht und die Ergebnisse der offizielle Dialoge der Konfessionen rezipiert werden. Auch der Austausch geistlicher Erfahrungen, gemeinsame Wortgottesdienste, ein besseres Verständnis der gemeinsamen Tradition und nicht zuletzt die Förderung von Begegnungen und Beziehungen führten weiter.
In der Frage der Abendmahlsgemeinschaft der Kirchen machte sich der Kardinal die Position seines Wiener Amtskollegen, Kardinal Christoph Schönborn, zu eigen. Dieser habe als "Handregel" für individuelle Einzelsituationen aufgestellt, dass jeder Getaufte an der Eucharistie teilnehmen dürfe, wenn er aus innerer Glaubensüberzeugung mitvollziehen könne, "was im Eucharistischen Hochgebet gesagt wird und was dort nach katholischer Glaubensüberzeugung geschieht". Dabei spreche der Priester im Hochgebet nicht nur von der Gegenwart Christi in Gestalt von Brot und Wein, sondern auch von der Gemeinschaft mit den Heiligen, mit dem Papst und mit dem Ortsbischof. Wer hingegen die Gemeinschaft mit dem Papst nicht als seine eigene Glaubensüberzeugung ansehe, "der kann, wenn er ehrlich ist, gar nicht an der Eucharistie teilnehmen wollen". Auch die Kategorie der "Gastfreundschaft" wies Kasper unter Verweis auf den Apostel Paulus ab, weil der Teilnehmer an der Eucharistie "kein außerordentlicher Gast" sei: "Er hat keinen Gaststatus, er gehört zur Familie, er ist in Kirchengemeinschaft."
Als das ökumenische Grundproblem bezeichnete Kasper das Verhältnis von Jesus Christus als Gottes Wort zur Kirche. In der Reformation werde dieses Verhältnis als "kritisches Gegenüber bestimmt, das Identifikationen ausschließt und das die Kirche im Blick auf das Evangelium immer wieder neu zu Reformen herausfordert". Auch aus katholischer Sicht sei "Christus allein" der Grund der Kirche. Doch sei Christus "als Haupt der Kirche in und durch die Kirche als seinem Leib geschichtlich gegenwärtig und wirksam". Christus und Kirche dürften zwar nicht identifiziert, aber auch nicht voneinander getrennt werden.
Auch das katholische Lehramt habe nicht einfach das Monopol in der Auslegung des Wortes Gottes, so der Kardinal. Vielmehr gebe es "innerhalb der Kirche neben dem Lehramt eine Vielzahl von Bezeugungs- und Auslegungsinstanzen", so das Zeugnis der Liturgie, der Kirchenväter, der Theologen und der Heiligen. Jede dieser Instanzen habe ihre "unverwechselbare, unvertretbare, relativ eigenständige Funktion". Sie müssten zusammenwirken, zusammenspielen und aufeinander hören. Denn nur so sei "die Freiheit des Geistes gewahrt". (drs/kwh)
09.01.2002