Ökumene braucht Geduld
Im Vorfeld des ökumenischen Kirchentages in Berlin im nächsten Sommer mehren sich Stimmen wie diese: "Jetzt muss es doch endlich möglich sein, miteinander zum Tisch des Herrn zu gehen!" Oder auch: "Wenn ihr Katholiken und Protestanten es nicht einmal schafft, miteinander das Abendmahl zu feiern, welchen Sinn hat dann die ganze Ökumene?" Ich halte es für falsch, den Fortschritt in der Ökumene am Konsens über die Abendmahlsfrage zu messen. Wie viel hat sich bereits in den vergangenen Jahrzehnten geändert! Mein Vorvorgänger Dietzfelbinger und Kardinal Döpfner trafen sich nur auf "neutralem Boden". Jetzt gibt es gemeinsame Wortgottesdienste und Veranstaltungen, regelmäßige Besprechungen der Pfarrer, der Dekane, der Bischöfe.
Es ist mein sehnlicher Wunsch, dass katholische und evangelische Gemeinden mit dem vollen Einverständnis ihrer Kirchenleitungen zusammen das Abendmahl feiern. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass ich dies noch erleben darf. Aber bis dahin müssen wir in dieser Frage Geduld zeigen. Noch müssen wir akzeptieren, dass geltende Rechtsordnungen die römisch-katholische Kirche aus ihrer Sicht des Priesteramtes heraus hindern, Protestanten zur Eucharistie zuzulassen und den Katholiken den Gang zum Abendmahl zu gestatten.
Bis dahin müssen sich unsere katholischen Brüder im Bischofsamt freilich auch damit abfinden, dass wir Evangelische eine andere Sicht haben. Unsere Lehre erlaubt es, Menschen, die getauft sind und einer Kirche angehören, die sich auf das altkirchliche Bekenntnis gründet, und die Teilnahme am Heiligen Abendmahl begehren, diese Teilnahme zu gewähren. Wir können es von unserer Lehre her gar nicht verantworten, sie abzuweisen. Es ist ja Christus, der uns zur Mahlgemeinschaft einlädt, die Kirche selbst ist eingeladen. Ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Evangelischen ist aus unserer Sicht also möglich.
Aber wir wollen keine katholischen Mitchristen dazu drängen. In Gewissensnöte soll niemand geraten. Ich halte deshalb nichts davon, wenn evangelische und katholische Pfarrer für das gemeinsame Abendmahl öffentlich werben. Dies könnte ökumenische Veranstaltungen, insbesondere den Berliner Kirchentag, unnötig belasten. Sollten wir uns nicht Mühe geben, den Kirchentag als missionarische Gelegenheit zum gemeinsamen Zeugnis für Christus zu nutzen?
Kardinal Walter Kasper, im Vatikan für die Ökumene zuständig, schlägt vor, viel mehr Wert auf die "Ökumene des Lebens" zu legen, also die Gemeinsamkeiten, auf die wir uns in der Ökumene bereits verständigt haben, überall mit Leben zu erfüllen. Mehr als vierhundert Jahre haben wir uns auseinander gelebt. Heute können wir gemeinsam die Bibel lesen und beten, geistliche Erfahrungen austauschen und zusammen wirken, zum Beispiel bei sozialen Aufgaben oder in der Entwicklungshilfe, beim Schutz des Lebens und der Umwelt. So lernen wir uns immer besser gegenseitig kennen, werden einander immer vertrauter. Wo die Angst voreinander schwindet, fallen am Ende auch die Barrieren und es verringern sich die Differenzen in der Lehre.
(Dr. Johannes Friedrich ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Herausgeber des Magazins CHRISMON)
18.11.02
Aus: CHRISMON, 11/2002