Der erste bundesweite Ökumenische Kirchentag in Berlin soll nach Absicht seiner beiden Präsidenten, Elisabeth Raiser und Hans Joachim Meyer, ein gemeinsames "christliches Zeugnis in der deutschen Gesellschaft sein". In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußerten sich Raiser, die zugleich Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT) ist, und Meyer, der auch Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ist, am Montag in Berlin zu ihren Erwartungen an das Großereignis.
KNA: Frau Raiser, Herr Meyer, seit Mitte der 90er Jahre arbeiten Sie am Projekt eines Ökumenischen Kirchentags. Werden Ihre damaligen Erwartungen jetzt auch in inhaltlicher Hinsicht erfüllt?
Raiser: Wir haben damals die Initiative ergriffen, weil wir zeigen wollten, dass wir in sehr vielen Dingen sehr viel Gemeinsames haben und dass es das Trennende bei weitem überwiegt. Diese Botschaft können wir von Ökumenischen Kirchentag auch tatsächlich erwarten. Allein die Tatsache, dass er stattfindet, ist ein wichtiges Zeugnis von Christen in einer Welt, die zerrissen ist und in der viele Menschen ausgeschlossen werden. Nicht der Ausschluss, sondern der Einschluss ist das, was wir gemeinsam sagen, der Einschluss in die Liebe Gottes und in die Gemeinschaft aller Christen.
Meyer: Wir sind zuversichtlich, dass er ein großes christliches Ereignis in der deutschen Hauptstadt sein wird. Die Hoffnung auf das gemeinsame Abendmahl wird sich leider nicht erfüllen. Doch der Ökumenische Kirchentag wird, so hoffe ich, eine große Ermutigung sein auf dem Weg der Ökumene, und die ökumenische Perspektive wird geprägt von der Hoffnung auf das gemeinsame Abendmahl.
KNA: Da klingt auch ein bisschen Enttäuschung mit.
Meyer: Ich nenne das ökumenischen Realismus. Und ich glaube auch, dass es ein so überzeugendes Ereignis, ein wirkliches christlichen Zeugnis in der deutschen Gesellschaft sein wird, dass Enttäuschung wirklich unangebracht ist.
Raiser: Es gibt schon Enttäuschung in Bezug auf das Abendmahl, das wollen wir gar nicht leugnen. Wir selber hatten ja diesen Ökumenischen Kirchentag mit der Hoffnung auf ein gemeinsames Abendmahl verbunden. Ich bin enttäuscht darüber, dass die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" nicht mehr in Gang gebracht hat in der Beziehung der Kirchen zueinander. Das heißt aber nicht, dass wir das Projekt als solches in irgendeiner Weise in Frage stellen, denn das, was Laien zu sagen haben, bezieht sich ja vor allem auf die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit. (...)
KNA: 1980 gab es in Berlin erstmals eine Gegenveranstaltung zum Katholikentag von der Initiative "Kirche von unten" (IKvu). In Ihrer Amtszeit, Herr Meyer, ist es gelungen, die Initiative weitgehend in das offizielle Programm zu integrieren. Wie beurteilen Sie diesen Prozess des Aufeinander-Zugehens?
Meyer: Eine wesentliche Rolle hat dabei die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" gespielt, die zwar auf ihre Selbstständigkeit bedacht, aber zur Kooperation bereit ist. Eine Vertreterin von "Wir sind Kirche" ist ja auch im Gemeinsamen Präsidium. Jetzt wollen "Wir sind Kirche" und die IKvu zwei Gottesdienste gestalten, bei denen sie in besonderer Weise dem Anliegen offener eucharistischer Gastfreundschaft entsprechen. Diese Veranstaltungen gehören nicht zum Programm des Ökumenischen Kirchentags, aber finden natürlich gleichsam im weiteren Umfeld statt. Ich betrachte das mit Gelassenheit und hoffe, dass alle Beteiligten, so wie sie dies erklärt haben, das nicht als eine Demonstration oder Provokation ansehen und gestalten wollen, sondern als einen Hinweis auf noch ungelöste und noch weiter zu erhellende Probleme des rechten Umgangs miteinander. Insofern ist das auch ein Hinweis auf die Wirklichkeit des christlichen Lebens in Deutschland. Ich sehe keine Veranlassung, das in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit zu stellen. (...)
Interview: Birgit Wilke/Norbert Zonker (KNA)
12.5.03
Quelle: http://www.kna.de
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