Ökumene: Theologin Miriam Rose: "Differenzen zwischen Kirchen verstärken sich"
Tagung der Evangelischen und der Katholischen Akademie in München

München, 15.6.2003 (epd). Die evangelische und katholische Kirchenbasis hat
die konfessionellen Differenzen emotional noch nicht überwunden. Diese
Ansicht formulierte die evangelische Theologieprofessorin Miriam Rose am
Wochenende bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing und der
Katholischen Akademie in München. Nach Ansicht der Expertin für
Fundamentaltheologie und Ökumene ist eher der Gegenteil der Fall: "Die von
den Gemeindemitgliedern der beiden Konfessionen gefühlten Differenzen
verstärken sich mehr und mehr".

Die Unterschiede in der konkreten Gestaltung des religiösen Alltags nähmen
zu - sowohl innerhalb der Kirchen als auch zwischen beiden Konfessionen. Das
äußere sich im Umgang mit religiösen Fragen, Lebenshaltungen oder
spirituellen Praktiken - etwa der Meditation. Grund sei die zunehmende
Betonung des Individuums in der Gesellschaft, so Rose: "Die Menschen wollen
ernst genommen werden mit ihren ganz individuellen Erfahrungen, bei denen
konfessionelle Prägungen eine wichtige Rolle spielen."

Die von der Kirchenbasis gefühlten Differenzen seien ein wichtiger Grund für
die momentane Stagnation des ökumenischen Prozesses, so Rose. In Anlehnung
an Eberhard Jüngel plädierte sie dafür, die Ökumene als eine "Gemeinschaft
gegenseitigen Andersseins" voranzutreiben. Dies bedeute, offen, ehrlich,
verbindlich und nicht-manipulativ über den verschiedenen Glauben und alle
daraus folgenden Unterschiede zu reden.

Im Gegensatz zu den gefühlten spielten die theologischen, rationalen
Differenzen bei der Kirchenbasis kaum noch eine Rolle - etwa der Streit über
die Anzahl und Art der Sakramente oder darüber, was "Kirche" sei. "Die
Gemeindemitglieder kennen die kirchenrechtlichen Differenzen oft gar nicht
mehr, oder sie halten sie für zu diffizil", sagte Rose.

(0945/15.06.03)

Quelle: http://www.epd.de/bayern/bayern_index_15679.htm