Ökumenische
Fachtagung zu Ehren von Bischof Dr. Paul-Werner Scheele in Würzburg –
Evangelische, katholische und orthodoxe Theologen skizzieren Mühen um die
Einheit der getrennten Christen
Würzburg
(POW) Den jahrzehntelangen großen und unermüdlichen Einsatz Bischof Dr.
Paul-Werner Scheeles für die Einheit der getrennten Christen haben
evangelische, katholische und orthodoxe Theologen mit der Tagung „Einheit vor
uns“ gewürdigt. Anlässlich des 75. Geburtstags von Bischof Scheele
veranstaltete die Katholische Akademie Domschule Würzburg zusammen mit dem
Johann-Adam-Möhler-Institut Paderborn und der Katholisch-Theologischen Fakultät
der Universität Würzburg am Samstag und Sonntag, 3. und 4. Mai, ein
ökumenisches Symposium in Würzburg. Prominentester Redner war Walter Kardinal
Kasper, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen.
Bei der sonntäglichen Matinee zeigte er die gegenwärtige ökumenische Situation
und Perspektiven des Wegs zur Einheit der Christen auf (siehe eigener Bericht).
Bisher
Erreichtes, aktuelle Herausforderungen und künftige Ziele der ökumenischen
Bewegung beleuchteten Experten der verschiedenen christlichen Kirchen. Deutlich
wurde, wie sehr sich die Kirchen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962
bis 1965) näher gekommen sind und wie dieses Mühen um die Einheit der Christen
ein bestimmender Teil der Lebensgeschichte von Bischof Scheele ist. „Was wäre
die Ökumene in Deutschland ohne Bischof Scheele?“, fragte der Ständige
Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Erzbischof Longin von
Klin (Düsseldorf). Es werde schwieriger werden, wenn Bischof Scheele in den
Ruhestand trete. Doch hoffe er, dass der Papst Bischof Scheele in der Ökumene noch
weiter arbeiten lasse, sagte Longin, der die Grüße des Moskauer Patriarchen
Alexij und des Metropoliten Kyrill überbrachte. Ganz entscheidend habe Bischof
Scheele dazu beigetragen, dass sich im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren
des 20. Jahrhunderts heute die Balance zwischen Bewahren und Verändern zum
Besseren gewendet habe, konstatierte der katholische Professor Dr. Hans Jörg
Urban (Paderborn). Der evangelisch-lutherische Bischof i.R. Ulrich Wilckens
(Lübeck) sprach vom „alten Weggefährten Bischof Scheele“, mit dem er intensiv
und vertrauensvoll bei der Erstellung des evangelisch-katholischen Dokuments
„Communio sanctorum – Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen“
zusammengearbeitet habe.
„Kirchen
bleiben und eine Kirche werden.“ Diese von Kardinal Joseph Ratzinger
aufgestellte Zielvorgabe für die Ökumene bestimmte die Vorträge und
Diskussionen über Herausforderungen und Ziele des Mühens um die Einheit. Als
eine katholische Perspektive stellte Professor Dr. Wolfgang Thönissen, Direktor
des Johann-Adam-Möhler-Instituts in Paderborn, Kirchengemeinschaft als
ökumenisches Einheitsmodell vor. Das Faszinierende daran dürfte in der
Überlegung begründet sein, die Selbstständigkeit jeder Kirche bei
gleichzeitiger engerer Form der Gemeinschaft untereinander bewahren zu können.
Gemeinschaft entstehe hier durch die Teilhabe an Jesus Christus, sagte
Thönissen. Die Einheit in Christus schließe eine Vielfalt von Orts- und
Teilkirchen nicht aus. Das Modell gehe von einem Ineinander von Teilen und
Ganzheit aus. Nach den Worten Thönissen befinden sich die Kirchen bereits auf
dem Weg zur Kirchengemeinschaft. Unterstützung für dieses Modell erhielt der
Paderborner Theologe von Bischof Scheele, der den Vorschlag als realistische
und optimistische Idee bezeichnete. Wo christliches Leben praktiziert werde,
sei ein Schritt zur vollen Einheit getan.
Der
evangelische Bischof Wilckens schlug vor, alle Phantasie darauf zu verwenden,
gemeinsam das zu tun, was derzeit schon möglich sei. Stets müsse das gemeinsame
inständige Gebet Teil der Ökumene sein. Das im gemeinsamen Vorsitz mit Bischof
Scheele erarbeitete katholisch-evangelische Dokument „Communio sanctorum“
enthalte zahlreiche aktuelle ökumenische Herausforderungen und suche
entscheidende Schritte für die Zukunft zu bahnen: eine wirkliche Gemeinschaft
zwischen seit Jahrhunderten getrennten Kirchen und die Gemeinschaft miteinander
durch gemeinsame Teilhabe an Wort und Sakrament. Die beiden Kirchen forderte
Wilckens auf: „Von beiden Seiten aus müssen wir eine sichtbare Einheit und
Gemeinschaft unserer Kirchen weiterhin wirklich wollen und den langen Atem
behalten, die vielen zum Teil sehr streitigen Auseinandersetzungen
durchzustehen, die es auf dem Weg zu diesem Ziel sowohl von Kirche zu Kirche
wie auch je innerhalb unserer eigenen Kirche bedarf.“
Die
orthodoxe Sicht der Ökumene erweckte einen eher ernüchternden Eindruck. Die
vielversprechenden Aufbrüche nach dem Konzil erschienen in etlichen Bereichen
als erstarrt, stellte Erzbischof Longin fest. Nach dem Ende des Kommunismus erlebten
die osteuropäischen orthodoxen Christen eine Konfrontation mit westlichen
Kirchen und Missionaren, die ihren „Kreuzzug“ starteten und Gläubige abwerben
wollten. Folge sei eine kritische Einstellung zur Ökumene. Bittere Ernüchterung
sei eingetreten. Für ihn sei Ökumene eine selbstverständliche Sache,
unterstrich Longin, doch gebe es Orthodoxe, die den Ökumenismus total
ablehnten. Insgesamt sei in der Orthodoxie aber keine Kurskorrektur
festzustellen, jedoch müsste sie unter sinnvollen Bedingungen in der Ökumene
mitwirken. Ökumenische Treffen dürften nicht allein durch einige ehrwürdige
Bärte und Gewänder exotischer und interessanter werden. Die ökumenischen
Partner hätten ein Anrecht darauf, „dass wir Orthodoxen unsere einheitlichen
Positionen klar und eindeutig aussprechen – in aller Liebe, aber auch in Treue
zu der uns anvertrauten Wahrheit.“
Eine Absage
erteilte der russisch-orthodoxe Erzbischof einer Interzelebration oder
Interkommunion. Dies sei die Vorspielung einer in Wahrheit nicht existenten Einheit.
Erst die volle Einheit der Kirche ermögliche die gemeinsame Eucharistiefeier
aller Christen. Der ökumenische Dialog vermöge diese Gemeinschaft anzubahnen,
doch sei sie letztlich Geschenk Gottes. Aufgabe des Dialogs auf orthodoxer
Seite sei es, das Selbstverständnis der Orthodoxen Kirche wie auch ihre
Glaubenslehre, ihre rechtliche Struktur und ihre spirituelle Tradition zu
erklären, um so Unverständnis und Vorurteile zu überwinden. Darüber hinaus
seien Zuhören und Offenheit gefordert sowie die selbstkritische Sicht der
eigenen Kirche. „Wir stehen auch weiterhin für einen offenen Dialog auf allen
Ebenen, allerdings nicht für eine schnelle und letztlich nicht tragfähige
Pseudoeinheit!“, betonte der Erzbischof.
Als
Totalmobilmachung bezeichnete der Historiker Professor Urban die Aufforderung
des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Ökumene. Mehr als eine Etappe sei seitdem
erreicht worden, hinter die es kein Zurück mehr geben dürfe. Nach den Worten
des evangelischen Professors Dr. Wolfhart Pannenberg (München) sei die
katholische Kirche mit dem Konzil zur aktiven Teilnehmerin an dem Prozess
geworden, der auf eine Erneuerung der Einheit der Christen ziele. Statt nur die
unterschiedlichen Positionen zu Glaube und Kirche gegenüberzustellen, werde
seit dem Konzil versucht, so viel wie möglich gemeinsam zu formulieren als
Beschreibung des gemeinsamen Glaubens. Vom Ausspruch Papst Johannes’ XXIII.,
„Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt“, gelte es,
das gemeinsame Glaubensbewusstsein zu stärken, sagte Pannenberg.
Dass sich
die Kirche Jesu Christi auch in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
verwirkliche und nicht, wie in der Lehre vor dem Konzil, allein in der
römisch-katholischen Kirche, deuteten die Konzilstexte an, führte Urban aus.
Für viele Katholiken sei dies eine Provokation gewesen, die zu Verunsicherungen
und zu Polarisierungen geführt habe. Weitere Öffnung oder Schließung der
erfolgten Durchbrüche seien unterschiedliche Forderungen gewesen.
Die
evangelische und die orthodoxe Welt waren nach den Worten Urbans zunächst
überrascht von der Öffnung der katholischen Kirche. Im Protestantismus sei
diese Überraschung schnell in hohe Erwartungen, in der Orthodoxie in Skepsis
umgewandelt worden. Im Miteinander seien die Erwartungen der Protestanten
konkretisiert worden. Gegenseitig hätten sich die beiden Kirchen bereichert,
aber auch ihre Probleme damit gehabt: „Aktion als Geben und Nehmen, Reaktion
jedoch von der gekränkten oder zumindest beunruhigten konfessionellen Identität.“
Mit diesem Geflecht seien die Konfessionen aber miteinander im Gespräch
geblieben. „Das jahrhundertelange Gegeneinander oder bestenfalls distanzierte
Nebeneinander der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchenleitungen
ist einem Miteinander gewichen, das bisweilen sogar herzlich sein kann“, sagte
Urban. Weiter sei die Gemeinsamkeit unter Theologen und in den Gemeinden
gewachsen. Gemeinsame öffentliche Stellungnahmen der Kirchen seien gewichtiger
und glaubwürdiger. Das Ringen der Christen um die wesentlichen Inhalte ihres
Glaubens zwinge sie auch dazu, ihre Relevanz für den heutigen Menschen
nachzuweisen.
Als
beispiellosen Akt kirchlicher Rezeption ökumenischer Arbeit im Dialog zwischen
römisch-katholischer und lutherischer Kirche nannte Pannenberg die 1999
unterzeichnete gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Im Verhältnis der
Reformationskirchen zu Rom stelle sie den bisher wichtigsten Schritt auf das
Ziel einer Kirchengemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit hin dar. Ihr
müssten weitere Schritte bei den Themen Sakramente und ordiniertes Amt folgen.
Für die Herstellung von Kirchengemeinschaft sei die Verständigung über die
bischöfliche Verfassung der Kirche unerlässlich.
Kritisch
äußerte sich Pannenberg zur Erklärung „Dominus Jesus“ der römischen
Glaubenkongregation aus dem Jahr 2000. Den evangelischen Kirchen den Namen
„Kirche“ überhaupt abzusprechen, erscheine doch als sehr hartes Urteil, das
auch hinter die Positionen des Konzils zurückgehe. Durch dieses Dokument und
durch das in Folge veröffentlichte Votum der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD) über „Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis“
seien Irritationen in der Ökumene entstanden. „Man muss hoffen, dass diese bald
überwunden werden können“, sagte Pannenberg. In der jüngsten päpstlichen
Enzyklika zur Eucharistie sah der evangelische Theologe keine neuen
Schwierigkeiten begründet. Die Einstellung der römisch-katholischen Kirche zur
eucharistischen Gemeinschaft sei bekannt.
Der
katholische Dogmatiker Professor Harald Wagner (Münster) betonte, dass es
Johannes Paul II. mit der Enzyklika nicht darum gehe, den „status quo“ zu
zementieren. Vielmehr spreche der Papst die Hoffnung auf eine künftige volle
Glaubensgemeinschaft aus und fordere zu weiteren Schritten in der Ökumene auf.
Als aktuelle ökumenische Aufgabe nannte Wagner das Mühen um weitere
Übereinstimmung in Fragen, die bisher noch nicht hinreichend geklärt seien,
beispielsweise zum Papsttum, zum Amt oder zur Ethik. Weiter müsse der so
genannte differenzierte Konsens in seiner Denkform und sein grundlegender
Zusammenhang mit der Kirchengemeinschaft vertieft reflektiert werden. Die
katholische Theologie müsse sich intensiver dem Zusammenhang zwischen Kirche
und Rechtfertigung befassen.
An der
ganztägigen Tagung am Samstag, 3. Mai, nahmen rund 130 Gäste teil, unter ihnen
viele langjährige Weggefährten Bischof Scheeles im Mühen um die Einheit der
Christen. Am Sonntag, 4. Mai, schlossen sich ein Pontifikalgottesdienst in der
Michaelskirche und eine Matinee in der Neubaukirche mit Walter Kardinal Kasper
an.
(1903/0675)
06.05.2003
Quelle: http://katholische-kirche.de/