Ökumene - "Blick über den nationalen
Gartenzaun"
Interview
mit Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der
Einheit der Christen – Deutschland darf seine ökumenischen Probleme nicht
verabsolutieren
Würzburg/Rom
(POW) Anlässlich der Ökumenetagung zu Ehren von Bischof Dr. Paul-Werner Scheele
war Walter Kardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der
Einheit der Christen in Würzburg. In folgendem Interview äußert er sich zur
Einheit am Tisch des Herrn, zur Bedeutung Deutschlands in der Ökumene und zu
Reaktionen im orthodoxen Umfeld auf die Enzyklika des Papstes.
POW: Die
Einheit am Tisch des Herrn ist der große Wunsch aller Christen. Ist für Sie
diese Einheit auf Erden realisierbar oder müssen wir doch auf die Ewigkeit
warten, um alle vereint zu sein?
Kardinal
Kasper: Wenn ich zurückschaue auf die Geschichte der Ökumenischen Bewegung und
auf meine eigene Biografie, dann haben wir in den vergangenen 40 Jahren mehr
erreicht als in den Jahrhunderten zuvor. Es gibt überhaupt keinen Grund zu
resignieren oder frustriert zu sein. Wir haben uns in der Substanz geeinigt,
über das Zentrum des Evangeliums, die Rechtfertigungslehre. Einen Termin für
die Einheit am Tisch des Herrn kann man nicht bestimmen. Aber ich gehe davon
aus und hoffe, dass wir in absehbarer Zeit weiterkommen und bald am Tisch des
Herrn vereint sind.
POW:
Glauben Sie, dass Sie das noch selbst erleben werden?
Kardinal
Kasper: Ich hoffe das natürlich. Ob es so wird, weiß ich nicht. Aber ich hoffe
darauf, sonst müsste ich meinen Job wechseln.
POW: Vor
allem angesichts des Ökumenischen Kirchentags hört man derzeit von offizieller
kirchlicher Seite immer wieder das Argument, dass die Kirche in Deutschland ja
nur ein kleiner Teil der Weltkirche sei und sie sich nicht so wichtig nehmen
solle. Wie stark wird in Rom die Ökumene in Deutschland und der Ökumenische
Kirchentag beachtet?
Kardinal
Kasper: Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation. Deshalb spielt es in
der Ökumene eine bedeutende Rolle. Auch die deutsche Theologie war vor allem
beim Zweiten Vatikanischen Konzil sehr einflussreich. Auf sie schaut man nach
wie vor. Auf der anderen Seite ist Deutschland nur ein Teil der Weltkirche. Man
darf die deutsche Problematik nicht verabsolutieren. In anderen Ländern, vor
allem in den USA und in Kanada, gibt es Entwicklungen zwischen Katholiken und
Lutheranern, auf die man in Deutschland nur neidisch sein kann. Deshalb blickt
man von dort manchmal etwas unverständlich auf Kontroversen, die in Deutschland
geführt werden. Ich denke, man muss in Deutschland wieder etwas mehr über den
eigenen Gartenzaun hinausschauen. Sonst besteht die Gefahr des Provinzialismus.
Deutschland ist in der Ökumene nicht unbedeutend. Aber andererseits muss auch
Deutschland den Blick auf die Weltkirche richten. Es muss schauen, was weltweit
in der Ökumene vor sich geht und davon lernen. Beispielsweise ist die Reaktion
auf die neue Enzyklika des Papstes zur Eucharistie in Amerika sehr ruhig,
während es in Deutschland viele Aufgeregtheiten gibt. Ökumene bedeutet weltweit
denken und nicht nur national.
POW: In der
deutschen Öffentlichkeit wird die jüngste Enzyklika des Papstes zur Eucharistie
eher negativ gesehen – vor allem im Blick auf den Wunsch nach einem gemeinsamen
Abendmahl. Als Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der
Christen haben Sie die weltweite Christenheit im Blick. Welche Bedeutung kommt
der Enzyklika in der Ökumene beispielsweise mit den Orthodoxen Kirchen zu?
Kardinal
Kasper: Die Reaktion der Orthodoxie ist sehr positiv. Dies ist verständlich,
denn die katholische und die orthodoxe Position zur Eucharistie und zur so
genannten Interkommunion sind faktisch identisch. Es gibt keine Kontroversen.
Der Papst hat in der Enzyklika an mehreren Stellen den heiligen Kirchenlehrer
Johannes Chrysostomus zitiert, der für die orthodoxen Christen im
Eucharistieverständnis grundlegend ist. Die Orthodoxen haben manchmal den
Verdacht, dass wir Katholiken die Eucharistielehre verwässern und sind dankbar,
dass der Papst in seiner Enzyklika die Bedeutung der Eucharistie herausgestellt
hat.
POW: An der
Basis, in den Pfarrgemeinden wird in der Ökumene oft schon praktiziert, was von
offizieller Seite nicht oder noch nicht erlaubt ist. In nenne nur die
gegenseitige Gastfreundschaft am Tisch des Herrn oder ökumenische Gottesdienste
am Sonn- und Feiertagmorgen. Oft fehlt das Bewusstsein für das Trennende
zwischen den Kirchen. Wie wird im Vatikan dieses Auseinanderdriften zwischen
Lehramt und Kirchenvolk gesehen?
Kardinal
Kasper: Die Basis ist keine einheitliche Größe. Es gibt Christen, die meinen,
auf dem Weg zur Einheit weiter zu sein, und solche, die mit Sorge auf die
ökumenische Entwicklung blicken. Von letzteren wäre ich froh, wenn sie schon so
weit wären, wie es Papst Johannes Paul II. ist. Von einem wilden Ökumenismus
halte ich gar nichts. Es ist eine schlechte Ökumene, wenn man Spaltungen und
Trennungen in der eigenen Kirche verursacht, um der anderen Kirche näher zu
kommen. Die Kirchen müssen sich als Ganzes bewegen. Dazu ist von allen Seiten
Mut nötig.
POW:
Welchen Rat geben Sie konfessionsverbindenden(-verschiedenen) Ehepaaren im
Bezug auf deren Gottesdienstpraxis und deren gemeinsames Glaubensleben?
Kardinal
Kasper: Als erstes würde ich dem konfessionsverschiedenen oder konfessionsverbindenden
Ehepaar den Rat geben, überhaupt religiös zu leben. Denn es gibt viele
konfessionsverschiedene Ehepaare, die religiös mehr oder weniger gleichgültig
leben und höchstens in die Kirche kommen, wenn die Oma gestorben ist. Wichtig
ist zunächst einmal, dass sie sich überhaupt um das religiöse Leben mühen. Wenn
sie sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen, ist es Voraussetzung, sich über
die Gemeinsamkeiten, aber auch über die Unterschiede auszusprechen. Da gibt es
schon Ehepaare und Familien, die sich mühen und unter dem Trennenden leiden,
dass sie nicht gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen können. Ich rate durchaus,
dass sie am Sonntag gemeinsam zum Gottesdienst und nicht getrennte Wege gehen.
Der evangelische Partner kann – und das ist eine Praxis, die ich oft in
Skandinavien und in manch anderen Ländern angetroffen habe – zum Altar kommen,
die Hand aufs Herz legen und sich segnen lassen. Er wird nicht einfach
ausgeschlossen von der Gemeinschaft. Wenn der katholische Partner zu den Evangelischen
geht, könnte dies ebenso praktiziert werden. So wird es in vielen Ländern
gehandhabt. Das ist eine Form, die wir schon heute praktizieren können und die
ausdrückt, wie viel wir gemeinsam haben, auch wenn uns noch Wichtiges trennt.
Wenn es wirklich eine schwere geistliche Not gibt und beide Partner den selben
Glauben teilen, kann es im Einzelfall nach Absprache mit dem Seelsorger vor Ort
möglich sein, dass der Partner zur katholischen Eucharistie hinzugeht.
POW: Wie
ist das bei einer Trauung konfessionsverschiedener Partner zu handhaben?
Kardinal
Kasper: Offiziell ist eine gemeinsame Teilnahme am Tisch des Herrn nicht
möglich, sie kann aber im Einzelfall stattfinden. Das muss der Pfarrer vor Ort
besprechen und er muss schauen, dass kein Ärgernis in der Gemeinde entsteht.
Grundvoraussetzung ist aber der gemeinsame Glaube. Die Partner müssen am
Schluss des eucharistischen Hochgebetes, in dem auch für Papst und Bischöfe
gebetet wird, gemeinsam „Amen“ sagen können.
POW: Dem
einen Christen geht die Ökumene zu weit, andere Christen möchten schneller auf
dem Weg zur Einheit der Christen vorankommen. Welchen nächsten Schritt
empfehlen Sie den Christen in Deutschland?
Kardinal
Kasper: Der nächste Schritt ist sicher der Ökumenische Kirchentag. Ich hoffe,
dass dieser nicht zu vereinigten Frustrationen führt. Wir sollten in einer
säkularisierten Welt gemeinsam mit Freude Zeugnis geben von dem, was uns
verbindet. In der Ökumene sind sowohl Aktionen als auch Expertengespräche
nötig. Herz und Mitte der Ökumene muss aber die geistliche Ökumene sein.
POW: Warum
ist es dem Papst und Ihnen so wichtig, dass Bischof Dr. Paul-Werner Scheele
weiter weltweit in der Ökumene tätig ist?
Kardinal
Kasper: Bischof Scheele hat eine unheimlich große Erfahrung auf diesem Gebiet. Er
war schon als Professor und später als Bischof Jahrzehnte in der Ökumene tätig
und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wir sind dankbar, dass er
weiterhin mit Rat und Tat in der Ökumene mitwirkt und wir auf seine großen
Erfahrungen zurückgreifen können
07.05.2003
Quelle: http://katholische-kirche.de/