Ökumene: Bischof Paul-Werner Scheele zu Eucharistie und Abendmahl

"Das war kein kleiner Irrtum"

 

RM, 3.7.2003. Er war in vielen Ämtern der Einheit der Christen verpflichtet.
Im RM zieht er eine Bilanz und spricht über die Konsequenzen des Berliner
Kirchentags.

RHEINISCHER MERKUR: Herr Bischof, in Kürze treten Sie von Ihrem Amt zurück.
Das Motto für Ihr letztes Amtsjahr lautete: Alle eins. Wie fällt Ihre Bilanz
des Ökumenischen Kirchentages aus?

PAUL-WERNER SCHEELE: Ich habe den Kirchentag intensiv mit vorbereitet. Schon
hier standen beim Ringen um Foren und Themen nicht katholische und
evangelische Parteien gegeneinander. Wir haben gemeinsam geplant. In Berlin
selbst ist dann viel Vertrauen gewachsen.

RM: Das mit der Zeit wieder in Vergessenheit geraten wird?

Ich hoffe nicht. Ob Berlin ein Strohfeuer war, hängt davon ab, wie wir jetzt
mit den Ergebnissen verfahren. Ich habe oft auf Kirchentagen, evangelischen
wie katholischen, diskutiert. Ich habe nie ein so positives Klima erfahren
wie in Berlin. Die Teilnehmer waren wirklich bereit, auch andere Positionen
zur Kenntnis zu nehmen. Es ist mir früher schon passiert, dass ich bei der
Diskussion über Grundüberzeugungen etwa im Blick auf die Eucharistie oder
das Amt fast ausgepfiffen wurde. Das war in Berlin anders. Das Treffen war
zudem wichtig für die Beziehungspsychologie zwischen unseren Kirchen.
Psychische Fakten sind Fakten. Und es gibt eine ganze Reihe mentaler
Barrieren zwischen den getrennten Christen. Berlin hat vieles abgebaut. Ich
hoffe nicht, dass andere nun wieder sagen, ach, wie wie war das vorher
schön, lass uns die Mauern wieder aufziehen.

RM: Die Frage nach dem gemeinsamen Abendmahl hat den ÖKT geprägt. War die
Disziplinierung von Pfarrer Kroll für seine Teilnahme an einem evangelischen
Abendmahl richtig? Hätten Sie genauso reagiert wie Bischof Mixa?

Bischof Mixa hat sehr intensiv mit dem Mitbruder gesprochen. Dabei sind
manche Positionen des Mitbruders so deutlich geworden, dass er es nicht
verantworten kann, ihn mit diesen Überzeugungen seelsorgliche Verantwortung
wahrnehmen zu lassen. Jetzt möchte er ihm helfen, wieder die Grundwahrheiten
für sich zu entdecken, die zum katholischen Glauben gehören. Jeder Bischof
trägt Verantwortung für seine Diözese. Wenn er den Eindruck hat, dass eine
Position untragbar ist, muss er handeln.

RM: Ist der Öffentlichkeit die unterschiedliche Behandlung von Pfarrer Kroll
und Professor Hasenhüttl zu vermitteln?

Es ist wichtig, zunächst genau zu klären, was in der Gethsemane-Kirche
vorgefallen ist. Leider gibt es inzwischen auch von Professor Hasenhüttl
Äußerungen, die sehr beschwerlich sind und die eine Stellungnahme der Kirche
nötig machen. Das ist Sache der zuständigen Bischöfe. Ich halte es für klug,
dass man erst den Pulverdampf etwas verstreichen lässt, um dann zu
Entscheidungen zu kommen. Aber gerade weil es um das Allerheiligste geht,
wenn ich das einmal in unserer Terminologie sagen darf, ist auch
Verantwortung gefragt. Wenn ein katholischer Priester erklärt, jeder Mensch
könne Eucharistie feiern, wird etwas vom Innersten des kirchlichen Lebens
tangiert. Das kann man nicht einfach als kleinen Irrtum auf sich beruhen
lassen.

RM: Warum verstehen das so viele Gläubige heute nicht mehr?

Das hat viele Wurzeln. Es ist eine Anfrage an die gesamte Pastoral und die
Katechese, ob wir alles tun, um das Geheimnis der Eucharistie so zu
vermitteln, wie es uns gegeben ist. Die Liturgie-Konstitution hat schon vor
40 Jahren die wissende, tätige und fruchtbare Teilnahme der Gläubigen an der
Eucharistie gefordert. Hier ist noch sehr vieles nachzuholen.

RM: Das heißt: mehr Katechese?

Natürlich. Es geht aber auch um die Art und Weise der Zelebration selbst. Es
gibt Mitbrüder, die machen das glänzend. Andere ändern in einer ganz neuen
Form von Klerikalismus die Messtexte ständig ab. Liturgie braucht den
Bereich des Vertrauten. Ich kann nicht in jedem Gottesdienst immer wieder
von vorne anfangen. Dann werden die Gläubigen vom Mitbeten und Mitvollziehen
abgelenkt und wissen nicht mehr, was hier eigentlich geschieht.

RM: In Berlin ist auch die Charta Oecumenica unterzeichnet worden. War das
mehr als ein Pflichttermin?

Ich hoffe es. Ich habe die Unterzeichnung angeregt und war auch an der
Erstellung des Textes beteiligt. In der Charta steht viel, was in
zahlreichen Gemeinden schon selbstverständlich ist. Aber manches hat sich
auch noch nicht herumgesprochen. Entscheidend ist, was von einzelnen
Gemeinden, Pfarrern und Theologen angepackt wird. Wir müssen im Miteinander
der getrennten Kirchen, bei dem, was jetzt schon möglich ist, Nägel mit
Köpfen machen.

RM: Aus Rom kamen zur Ökumene in letzter Zeit eher harsche Worte. Markieren
die Eucharistieenzyklika und vorher schon Dominus Iesus Wendepunkte?

Nein. Die Eucharistieenzyklika ist kein harsches Wort. Der Papst will das,
was er sagt, auf dem Weg zur Einheit positiv verstanden wissen. Er findet
sehr lobende Worte für den ökumenischen Dialog, selbst in den umstrittenen
Fragen des Amtes und der Eucharistie. Die Enzyklika entspricht der
kirchlichen Lehre durch die Jahrhunderte und auch dem konziliaren Zeugnis,
da gibt es keinen Zweifel.

RM: So positiv, wie Sie die Texte würdigen, scheinen sie nicht angekommen zu
sein. Die Protestanten fühlten sich heftig vor den Kopf gestoßen.

Das mag sein. Aber es ist auch die Frage, wer einen Text wirklich ganz zur
Kenntnis nimmt. Bei der Eucharistie sind mehrere Punkte noch zu klären.
Etwa: Welche Aufgabe hat der Priester in der Messe? Hier hat die
evangelische Kirche in ihrer Orientierungshilfe eine andere Position
kundgetan. Ich könnte auch sagen, das ist ein ökumenischer Rückschritt, wenn
ich sie mit dem Lima-Text von Faith and Order vergleiche. Das hilft aber
nicht weiter. Wir müssen sehen, was jeder glaubt und was wir gemeinsam sagen
können. Vieles, was katholische und evangelische Theologen schon erarbeitet
haben, hat noch nicht die offizielle Anerkennung der beiden Kirchen
gefunden. Wir sind mitunter weit hinter dem zurück, was im Dialog erreicht
wurde.

RM: Wie können die nächsten Schritte zur Klärung der Amts- und
Eucharistiefrage aussehen?

Ein differenzierter Konsens ist möglich. Das war auch das Grundmodell bei
der Rechtfertigungserklärung. Wir sagen nicht: Wir sind in allem identisch.
Doch in der Besinnung auf das biblische Zeugnis und das Zeugnis der
Glaubensgemeinschaften können wir gemeinsam Verbindliches festhalten. Auf
dieser Basis darf es dann in verschiedenen Punkten unterschiedliche
Akzentuierungen geben. Bei den Fragen des Amts- und
Eucharistieverständnisses gibt es ein erhebliches Einheitspotenzial.

RM: Was muss konkret noch aufgearbeitet werden?

Vor allem die Frage nach der Apostolizität der Kirche und damit verbunden
nach der Sukzession. Die Wahrheit ist konkret. Schon in der frühesten Kirche
wurde das Amt durch Handauflegung und Gebet übertragen. Wenn Protestanten
weiter auf der Möglichkeit bestehen, ohne Ordination und nur durch
Beauftragung die Leitung des Abendmahls zu delegieren, ist das ein Punkt,
den wir nicht akzeptieren können.

RM: Ist die Einheit der Kirchen überhaupt noch anders vorstellbar als unter
dem Modell einer versöhnten Verschiedenheit?

Einheit ist immer nach dem Bild und Zeugnis des dreieinigen Gottes zu
denken. Und das heißt Vielgestaltigkeit. Versöhnte Verschiedenheit kann aber
nicht heißen: Jeder bleibt, wie er ist, und glaubt, was er will. Das ist
keine Gemeinschaft, sondern ein Abfinden mit der Trennung. Ein festes
Glaubensgut, das alle ohne Wenn und Aber bejahen, ist unbedingt nötig.

RM: Wie lange wird die Klärung dauern?

Wenn ich daran denke, wie viel sich seit meiner Studentenzeit getan hat, bin
ich optimistisch. Prophet bin ich nicht. Die Trennung zwischen Ost- und
Westdeutschland schien auch für ewig gebaut zu sein. Die Mauer der Trennung
reichte aber nicht bis zum Himmel, und sie ist gefallen.

RM: Sollte der Ökumenische Kirchentag in Serie gehen?

Nicht jedes Jahr. Beide Kirchen sollten ihre eigenen Treffen haben. Aber für
weitere ökumenische Zusammenkünfte spricht sehr viel.

RM: Auch unter den Bischöfen gibt es einen unterschiedlichen Grad an
Aufgeschlossenheit für das ökumenische Gespräch. Gibt es etwas, was Sie
anlässlich Ihres Rücktritts Ihren Mitbrüdern mahnend mit auf den Weg geben
möchten?

Ich brauche nicht zu mahnen. Das Kirchenrecht und das Konzil verpflichtet
jeden Bischof, sich mit voller Kraft für die Einheit einzusetzen.

(Paul-Werner Scheele, geboren 1928 in Olpe, wurde nach dem Theologiestudium
in Paderborn und München 1952 zum Priester geweiht. Wie ein roter Faden
zieht sich das ökumenische Engagement durch sein Leben als Priester,
Hochschullehrer er war Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik in
Bochum, Würzburg und Paderborn und Bischof. Das Gespräch führte Matthias
Gierth.)

Aus: Rheinischer Merkur, 3.7.2003
Quelle: http://www.merkur.de/aktuell/cw/ki_032701.html


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