Nuntius Lajolo bewertet Kirchentag als Ermutigung für Ökumene
Entscheidung von Bischof Mixa war notwendige Maßnahme

Einheit nicht auf Kosten der Wahrheit"

17.6.2003. Unter starker Beachtung der gesamten christlichen Welt hat in
Berlin der erste Ökumenische Kirchentag stattgefunden. In einem Interview
von Helmut S. Ruppert von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußerte
sich der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Giovanni Lajolo, am
Montag in Berlin zum Verlauf und zu den Auswirkungen dieses kirchlichen
Großereignisses aus vatikanischer Sicht.

Herr Nuntius, Sie haben zu Beginn des Ökumenischen Kirchentages die
Botschaft des Papstes verlesen. Wie ist Ihr Gesamteindruck vom Verlauf des
ÖKT?

Es war zunächst einmal ein überwältigender Eindruck, als ich die große Zahl
der Gläubigen sah, die das Gelände vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule
füllte. Besonders der hohe Anteil der Jugendlichen hat mich beeindruckt.
Mehr als dreißig Prozent der Teilnehmer waren zwischen zwölf und 29 Jahren.
Die Anwesenheit so vieler junger Menschen ist ein deutliches Zeichen der
Hoffnung. Fünf Tage lang war Berlin Zentrum freundschaftlicher Begegnungen,
gegenseitiger Information, sachlicher Aussprachen, die vor allem um
Glaubensfragen kreisten, und auch des gemeinsamen Betens und Feierns von
Gottesdiensten. In einer säkularisierten Gesellschaft und in dieser Stadt,
in der Christen insgesamt nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung
ausmachen, war das ein unübersehbares Signal. Ich glaube daher, dass man die
positive Bewertung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des
Evangelischen Kirchentages als Organisatoren teilen kann. Selbstverständlich
können die mehr als dreitausend Veranstaltungen des Kirchentages nur
differenziert beurteilt werden.

Wird dieser Kirchentag Folgen für die Ökumene haben?

Es war nicht das Ziel, durch diesen ÖKT konkrete Ergebnisse in der
Überwindung theologischer Differenzen auf dem Weg zur Einheit aller Christen
zu erreichen. Ein wichtiges Ergebnis hat, so meine ich, der Papst in seiner
Botschaft als Wunsch zum Ausdruck gebracht, dem Einsatz für die Ökumene
neuen Schwung zu verleihen. So ist dem Vorsitzenden der Deutschen
Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, beizupflichten, wenn er sagt, dass der
Kirchentag Zuversicht ausgestrahlt hat, die Mut zur Zukunft macht.

Was heißt das konkret?

Auf die Katholiken bezogen, steht es den Bischöfen - und nur den Bischöfen -
zu, konkrete Wege aufzuzeigen, und den gemeinsamen Einsatz der Richtung auf
die Einheit aller Christen zu gestalten. Die ökumenischen Bemühungen
berühren das Wesen der Kirche, das sakramentale Leben der Christen und damit
zentrale Wahrheiten der Offenbarung. Wir haben also hier ein zu wichtiges
und empfindliches Feld, als dass es der freien Initiative von wohlmeinenden,
aber oft nicht hinreichend dazu befähigten Enthusiasten überlassen werden
dürfte. Sonst besteht nämlich die Gefahr, dass das, was mit viel Mühe
erreicht worden ist, durch die Begrenztheit theologischer Kompetenz
beschädigt wird. Es steht außer Zweifel, dass es auf keinen Fall der Einheit
der Kirche dient, wenn diese Einheit mit dem Nachfolger Petri und den
Nachfolgern der Apostel verletzt wird.

Beziehen Sie sich hierbei auf den Fall Hasenhüttl, der in der evangelischen
Gethsemanekirche eine offene Eucharistie gefeiert hat, und auf den Fall des
Pfarrers Kroll, der in derselben Kirche aktiv an einem evangelischen
Abendmahl teilnahm?

Nein, das sind extreme Fälle. Ich wollte hervorheben, dass jede Initiative
im Bereich der Ökumene seitens der Katholiken im Einklang mit dem
Ökumenischen Direktorium von 1993 sowie den anderen einschlägigen
Anweisungen, die die Bischöfe herausgegeben haben, stehen muss. In erster
Linie sind es eben Papst und Bischöfe, die kraft ihres Amtes die letzte
Verantwortung für die Einheit der Kirche tragen.

Sie haben die beiden Fälle Hasenhüttl und Kroll "extrem" genannt...

Das sind sie in der Tat. Mir scheint, dass es sich hierbei nicht nur um den
Straftatbestand der verbotenen "communicatio in sacris", also einer nicht
legitimen Gottesdienstgemeinschaft, handelt - und zwar in einer provokativen
Form, sondern nach den öffentlichen Erklärungen von Hasenhüttl und Kroll
auch um die Leugnung von Glaubenswahrheiten. Ich verweise in diesem
Zusammenhang auf die lehramtlichen Äußerungen der jüngsten
Eucharistie-Enzyklika des Heiligen Vaters, insbesondere auf die Aussagen zur
Interkommunion.

Der Eichstätter Bischof Mixa hat inzwischen auf den Fall seines
Diözesanpriesters Kroll reagiert und ihn vorläufig von der Ausübung seines
priesterlichen Amtes suspendiert. Die Gläubigen seiner Pfarrei
Großhabersdorf haben sich allerdings demonstrativ auf die Seite ihres
Pfarrers gestellt...

Ich glaube, dass die Entscheidung von Bischof Mixa auf der Grundlage des
Kirchenrechts wohl eine notwendige Maßnahme war, um auf dieses Ärgernis zu
reagieren, und um ähnlich unbesonnenen Handlungen zuvorzukommen. Zugleich
sollte Pfarrer Kroll damit bewegt werden, seine Haltung und seine
theologischen Auffassungen zu überdenken, um wieder in Eintracht mit seinem
Bischof, dem er bei der Priesterweihe Gehorsam versprochen hat, zu leben und
zu handeln. Ich bin sicher, dass Pfarrer Kroll in Bischof Mixa jemanden hat,
der ihm helfen wird, den angerichteten Schaden in Ordnung zu bringen. Was
die Reaktionen in der Gemeinde betrifft, die vermutlich von interessierter
Seite angeheizt wurden, wäre es wohl angebracht, den Gläubigen im Gespräch
die Tragweite dieses Fehlverhaltens aufzuzeigen und die Angemessenheit der
bischöflichen Maßnahmen zu erläutern.

Was hat Professor Hasenhüttl zu erwarten?

Ich nehme an, dass die zuständigen Bischöfe von Berlin und Trier über die
Schwere und die Folgen des Falles zu einer Entscheidung kommen werden.
Inzwischen hat der Berliner Kardinal Sterzinsky ja Professor Hasenhüttl zu
einem Gespräch eingeladen. Man muss das Ergebnis abwarten.

Die evangelische Kirche vertritt in der Abendmahlsfrage eine andere
Position: Von maßgeblichen protestantischen Persönlichkeiten wird die
theologische Auffassung vertreten, dass beim Abendmahl Christus selbst der
Einladende sei und die Kirche einer solchen Einladung von oben nicht
widersprechen könne...

Darüber bin ich ein wenig überrascht. Bekanntlich vertraten bis vor wenigen
Jahren auch die evangelischen Kirchen die Überzeugung, dass
Tischgemeinschaft die Zustimmung zur Lehre voraussetze. Erst durch die
"Leuenberger Konkordie" kam es Anfang der 1970-er Jahre zwischen der
lutherischen und der reformierten Kirche zur Kanzel- und
Abendmahlsgemeinschaft und zur Aufhebung der seit dem sechzehnten
Jahrhundert dieser entgegenstehenden Trennungen - und zwar aus der
Überzeugung heraus, dass trotz der weiterin bestehenden beträchtlichen
Unterschiede in der Lehre und in der Gestaltung des Gottesdienstes keine
kirchentrennenden Faktoren zu erblicken sind und sie gemeinsam an der einen
Kirche Christi teilhaben. Mit dieser Konkordie ist also implizit anerkannt,
dass die Tischgemeinschaft beim Abendmahl keineswegs eine
Selbstverständlichkeit ist, die auf einer allgemeinen Einladung Christi
gründet.

Was heißt das für die katholische Kirche?

Für Katholiken gilt die Norm, die schon im zweiten Jahrhundert von dem
Philosophen und Märtyrer Justin mit den Worten dargelegt wurde: "An der
Eucharistie darf nur teilnehmen, wer an die Wahrheit unserer Lehre glaubt,
wer gewaschen ist im Bad der Sündenvergebung und Wiedergeburt und wer nach
der Weisung Christi lebt." Diese Aussage gründet ihrerseits auf der
apostolischen Lehre, wie dem Neuen Testament - vor allem dem ersten
Korintherbrief - klar zu entnehmen ist. Die Eucharistie ist für Katholiken
die Mitte und der Höhepunkt des Lebens der Kirche. Eucharistische und
kirchliche Einheit können daher nicht getrennt werden.

Ist eine solche unterschiedliche Position überhaupt zu überwinden?

Bei Gott ist alles möglich. So hoffen wir und arbeiten daran, mit Gott
solche Hindernisse auszuräumen. In seiner Botschaft an den ÖKT hat der Papst
erklärt: "Die Gemeinschaft im Glauben ist stärker als das Trennende." Das
ist unbestreitbar. Mit der Taufe werden wir alle Kinder Gottes. Wir alle
erkennen Christus als unseren einzigen Herrn und Lehrer an. Und wir alle
glauben an sein Wort und wollen aus ihm leben. Gleichwohl dürfen wir die
spezifischen Unterschiede, ja, Gegensätze nicht übersehen, die keineswegs
Randfragen betreffen. Es handelt sich dabei um Glaubensinhalte, die vom
höchsten kirchlichen Lehramt verbindlich definiert worden sind. Der Punkt,
in dem sich meines Erachtens alles verdichtet, ist die Frage der Gültigkeit
von Bischofs- und Priesterweihe im katholischen Verständnis. Nach unserem
Glauben gibt es ohne gültige Weihe keine gültige Eucharistie, wobei für die
Teilnahme hieran nicht nur derselbe Glaube an das eucharistische Geheimnis
genügt, sondern - zumindest implizit - die Zustimmung zum gesamten Glauben
der Kirche gegeben sein muss. Der Weg ist also noch sehr weit und verlangt
einen langen Atem. Allerdings darf das nicht dazu führen, dass der
ökumenische Einsatz gemindert wird, er muss - im Gegenteil - noch
intensiviert werden. Aber: Die Einheit der Kirche ist Geschenk Gottes und
nicht menschliches Werk.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die Ungeduld der Gläubigen wächst.

Das stimmt. Und wir verstehen und teilen diese Ungeduld. Aber man würde sich
etwas vormachen, wollte man die Einheit auf der Grundlage von Kompromissen
in der Wahrheitsfrage herbeiführen. Versöhnte Verschiedenheit zwischen
einander widersprechenden Lehrsätzen ist nicht vorstellbar; Versöhnung hat
vielmehr mit Personen zu tun. Und daher hoffe ich, dass es zwischen
Katholiken und Protestanten nicht nur Versöhnung, sondern auch Freundschaft
gibt. In diesem Geist sollte der Weg der Ökumene weiter beschritten werden.

Befürworten Sie damit einen nächsten ÖKT?

Ob ein zweiter gemeinsamer Kirchentag stattfindet, darüber müssen die
Organisatoren entscheiden, die sich bereits im positiven Sinn geäußert
haben. Doch auch die Bischöfe werden Position beziehen müssen, vor allem im
Hinblick auf das religiöse Profil eines solchen Treffens. Bei allen
Überlegungen sollte ein Wort des Papstes beherzigt werden, der dazu
aufgerufen hat, "alles gemeinsam zu tun, was wir nicht getrennt tun müssen
 - und das "in voller Achtung vor der unterschiedlichen Identität und den
unterschiedlichen Traditionen".

Aus: Die Tagespost, 17.06.2003
Quelle: http://www.die-tagespost.com/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=4463