Kirche will sich einmischen
Katholiken planen ein neues Sozialwort zur Reformdebatte

 

Berlin. Die katholische Kirche will sich stärker als bisher in die
Diskussion über den Umbau des Sozialstaates in Deutschland einschalten. Wie der
Trierer Bischof Reinhard Marx gegenüber dpa erklärte, arbeitet die katholische
Kirche an einem entsprechenden Papier. Marx wies aber Vorwürfe zurück, die Kirche
schlage sich schon jetzt auf die Seite der Arbeitgeberverbände. Wir stehen
nach wie vor zu unserem Sozialwort und christlichen Menschenbild.?

 

Als Reaktion auf Äußerungen des Sekretärs der Katholischen
Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, man müsse Arbeitslosen mehr zumuten, hatten der
Frankfurter Sozialethiker Friedhelm Hengsbach und der frühere Arbeitsminister Norbert
Blüm der Kirche vorgeworfen, sie wolle ihr Sozialwort von 1997 aus dem
Verkehr ziehen und mache sich zum Sprecher der Arbeitgeber. Nach Einschätzung von
Marx laufen die gegenwärtigen Reformversuche aus dem Ruder. ?Eine
Grundarchitektur für ein neues System wird trotz aller Reden und Kommissionen nicht
sichtbar, kritisierte Marx gegenüber dpa. Aus Sicht des Kirchenmannes muss der
Staat verlässlich, langfristig und transparent festlegen, für welche Risiken
im Leben er Schutz garantiert: also etwa Arbeitslosigkeit, Krankheit und
Alter.

 

Für ein falsches Signal hält Berlins Kardinal Georg Sterzinsky die
geplante Kürzung des Erziehungsgeldes. Damit werde die jetzt schon schwierige
Entscheidung für Kinder weiter erschwert, betonte er in einem Rundfunkbeitrag.

Der Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in
Mönchengladbach, Anton Rauscher, forderte, das Sozialwort der Kirchen von 1997
müsse fortgeschrieben werden. Seit seiner Veröffentlichung habe sich gezeigt,
dass es in Deutschland an der Kraft zu wirklichen Reformen fehle, sagte er dem
Tagesspiegel. Mit dieser Situation müsse sich die Kirche auseinander setzen.
Das zentrale Problem sei die Arbeitslosigkeit. In einem neuen Sozialwort
müsse darum die Gestaltung des Arbeitsmarktes und der Wirtschaftspolitik mehr
ins Zentrum gerückt werden. Martin Gehlen

 

Quelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/07.09.2003/732698.asp

7.9.03