Muslimische Frauen fürchten den Einzug der Scharia in Kanada
In Kanada wollen Muslime Schlichtungsstellen
einrichten, die Zivilstreitigkeiten auf Basis der Scharia beilegen. Muslimische
Frauen äußern Bedenken.
OTTAWA.12.JANUAR."Wirbevorzugen
es, unter kanadischem Recht zuleben", gab der Rat der muslimischen Frauen
in Kanada zu Protokoll. Die Frauen fürchten, dass ihre in der Verfassung
verankerten Freiheiten unterhöhlt werden, wenn das islamische Recht angewendet
wird. Alia Hogben vom Führungsgremium des Rates sagt: " Wir sind gücklich,
unter der Charta der Rechte und Freiheiten zu leben und sehen keinen zwingenden
Grund, dies zu andern."
Anlass der Sorge: Im
Oktober hatten Mitglieder muslimischer Organisationen in Toronto das Islamische Institut für zivile Gerichtsbarkeit
gegründet. Es soll Schlichtungsstellen schaffen, die Konflikte im Familien- und
Erbrecht, in Eigentumsfragen oder im Arbeitsrecht beilegen und so staatliche
Gerichte entlasten. Grundlage der Schiedssprüche soll die Scharia sein. Das
sorgt für Diskussionen, schließlich werden mit der Scharia Strafen wie
Enthaupten und Steinigen verbunden.
Die Schlichtung
greife allerdings nur bei Zivilstreitigkeiten, nicht bei Straftaten, sagt
Brendan Crawley, Sprecher des Justizministeriums von Ontario. Es sei ausgeschlossen,
dass Strafen auf Basis der Scharia verhangt oder vollzogen würden,
Schlichtungsspruche durften nicht gegen kanadische Gesetze verstoßen. Crawley
weist außerdem daraufhin, dass der Gang zum Schlichter freiwillig ist. Testlauf
für eine islamische Schlichtungsstelle soll Toronto sein, wo die meisten
Muslime wohnen. In Kanada leben nach unterschiedlichen Angaben zwischen
600000 und einer Million Muslime, das sind bis zu drei Prozent der Gesamtbevölkerung.
"Allein das Wort
Scharia hat die Emotionen angeheizt", meint Mohamed el Masr, Präsident des
Kanadischen islamischen Kongresses. Die Befürchtungen seien unbegründet, denn
kanadisches Recht werde eingehalten. Die Schiedsstellen würden die seit Jahren
bestehende Mediation und
Schlichtung nur formalisieren.
Doch das entkräftet
nicht die Einwande in den Reihen der Muslime. Tarek Fatah vom Muslimischen
Kanadischen Kongress gibt zu bedenken: "Uns alarmiert, dass unter dem
Mantel der alternativen Streitschlichtung Gruppen eine konservative
Interpretation islamischen Rechts durchsetzen könnten.« Dass den Beteiligten
der Weg zu staatlichen Gerichten offen stehe, beruhigt ihn nicht:
"Mittellose oder des Englischen kaum mächtige Menschen werden den Gerichtsweg
nicht einschlagen." Viele Muslime lebten in Kanada, "um der Scharia
zu entkommen". Der muslimische Frauenverband wiederum fürchtet, dass sich
Frauen aus Respekt vor dem Glauben vielleicht der Scharia unterwerfen.
13.1.04
Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 1