Junge Musliminnen eröffnen eine neue Runde im

Kopftuchstreit

 

Von Jörg Lau

 

Die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz ahnte, dass es Ärger geben würde,

als sie vorige Woche an die Türkinnen in Deutschland appellierte, das Kopftuch

abzulegen und »im Heute anzukommen«. Aber Morddrohungen? Hass-Mails, in

denen sie als »Nazi« be- zeichnet wird? Unterschwellige Drohungen in islamistischen

Internet-Foren, in denen man sie als »neue Ayan Hirsi Ali« dem Volkszorn preisgibt?

Die 35-jährige Bayerin aus Senden ist schockiert von der WutWelle, die sich jetzt an ihr bricht.

 

Es gibt eine neue Debatte über islamische Trachten, und zwar nicht nur in Deutschland –

England streitet seit Wochen um den Nikab, einen Ganzkörperschleier, seit der Ex –

Außenminister Jack Straw dieses Kleidungsstück als »Zeichen der Separation« bezeichnete.

Auch in Tunesien, Ägypten und der Türkei ist der Streit um die weibliche Verhüllung wieder

entbrannt. Das Neue daran ist, dass die Streitliniemitten durch die muslimische Community

verläuft - und dass die Liberalen immer selbstbewusster gegen die Konservativen argumentieren.

Und es sind immer öfter junge Frauen, die aufbegehren. Zaiba Malik, eine Reporterin des

Londoner Guardian, die in einer muslimischen Einwandererfamilie in Bradford aufgewachsen

ist, ohne je ein Kopfruch zu tragen, hat einen mehrtägigen Selbstversuch mit Nikab gemacht.

»Ich war plötzlich nicht mehr da«, schreibt sie über ihre Erfahrung. »Niemand hat mich

gezwungen, es zu tragen, ich fühlte mich, als hätte ich mich selbst unterdrückt und isoliert.«

 

Ekin Deligöz, in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen, deutet die wachsende

Zahl verhüllter Mädchen und Frauen als Zeichen einer bedrohlichen Rückzugstendenz. Sie

sieht sich selbst als »Lobbyistin für Migranten«. Seit ihrem Kopfruchappell jedoch steht

sie für manche offen- bar auf der anderen Seite. Es sind vor allem Männer, die sie

beschimpfen und bedrohen. Deligöz findet sich dadurch bestätigt: Das Kopfruch sei eben

doch kein bloßer Ausdruck von Frömmigkeit, sondern ein politisches Symbol. Es sei ihre

Aufgabe, sagt sie, den Frauen eine Stimme zu verleihen, über deren Köpfe hinweg diese

separatistische Symbolpolitik betrieben wird. Kopfruchverbote hält sie für kontraproduktiv.

Aber ein offener Streit unter Musli- men müsse endlich möglich sein. Diese neue Debatte

hat schon begonnen. Es wäre schön, wenn sie demnächst auch ohne Polizeischutz möglich wäre.

 

Aus: DIE ZEIT, 26.10.06, S. 5