Ägypten

 

Helfen, beten, kämpfen

 

Die Lehren der radikalen Muslimbrüder inspirieren Islamisten in der ganzen Welt. In ihrem Herkunftsland Ägypten gewinnen sie an Boden. Die Regierung verfolgt und fürchtet sie. Und nutzt sie zugleich: Die Fundamentalisten dienen dem Regime als Argument gegen Reformen

 

Von Michael Thumann

Kairo
Kein Staatsdiener lässt sich gern nachsagen, er sei nicht vorbereitet gewesen. Für den Fall, dass die Lage in Ägypten explosiv wird, pflegt der Innenminister gepanzerte Mannschaftswagen am Unruheherd in Stellung zu bringen. An diesem Freitag stehen sie in der Altstadt von Kairo, schwarz, vergittert, ein gutes Dutzend an der Zahl. Davor wachen Polizisten mit Helmen, Schilden und Schnellfeuergewehren. Gewöhnlich kontrollieren sie die Universitäten, weil dort gern Demonstranten übers Gelände ziehen und die Außenwelt mit Zwist und Aufruhr zu infizieren suchen. Heute umkreisen die Polizisten die erhabene Al-Azhar-Moschee, wo gerade tausend Männer zum Freitagsgebet auf die Knie sinken. Ägypten ist ein mehrheitlich islamisches Land. Doch viele seiner Beamten sehen im Islam eine Gefahr für den Staat.

 

Präsident Hosni Mubarak kam an die Macht, als sein Vorgänger Anwar al-Sadat von einer islamistischen Terrorgruppe ermordet wurde. Das war vor fast 23 Jahren. Heute geht ein Riss durch Ägypten – zwischen einer abgebrühten, überwiegend säkularen Elite und einer wachsenden jungen, meist gläubigen Bevölkerung. Auch wenn Hosni Mubarak soeben seine Regierung mit neuen Ministern aufgefrischt hat: Er steht für vieles, was jungen Ägyptern weniger gefällt. Der 76-jährige Präsident gilt als verlässlicher Freund Amerikas, als dankbarer Empfänger von zwei Millionen Dollar US-Militärhilfe im Jahr, als geduldiger Partner Israels, als Herr des permanenten Ausnahmezustands in Ägypten und Sachwalter der wirtschaftlichen Stagnation. Junge Ägypter fragen, wie sich das Land von Amerika distanzieren kann, wie Israel bekämpft und die eigene Identität gestärkt werden kann. Ihre Antwort heißt: Islamisierung.

 

Eine weltweite Organisation, älter als die Vereinten Nationen

Die Rede ist hier nicht vom islamistischen Terror. Ihn hat Mubarak mit Erfolg bekämpft. Der letzte große Anschlag in Ägypten liegt sieben Jahre zurück. Danach haben die wichtigen islamistischen Gruppen der Gewalt abgeschworen. Was der Präsident heute fürchtet, ist die Macht jener Islamisten, die nicht mit Bomben werfen. Sie beackern das Brachland, das die Westimporte Sozialismus und Liberalismus hinterlassen haben. Wo profane Macht versagt, bieten sie den Glauben als Lösung an. Sie rufen auf zum Kampf gegen die Globalisierung, die in den Augen vieler Ägypter in das Land einfällt wie es zuvor nur die Kreuzritter taten.

 

Die Rede ist von den Muslimbrüdern. Sie sind selbst eine globale Organisation und älter als die UN. Schon 1928 gründete Hassan al-Banna die legendäre Gruppe al-Ichwan al-Muslimin, deren Ideologen und Prediger islamistische Zellen in der ganzen Welt inspirierten. Heute sind ihre Filialen über viele muslimische und westliche Länder verstreut. In Ägypten ist ihre Mission schwierig. Wo immer die Muslimbrüder politisch handeln, treten Polizisten und Staatsanwälte auf den Plan. Zuletzt rollte im Mai eine Verhaftungswelle über sie hinweg. Doch Ausgrenzung und Arrest haben die Macht der Muslimbrüder nicht gebrochen.

 

Die Geschichte dieser Gruppierung erzählt, wie autoritärer Kleinmut schon die Ansätze von Demokratisierung in der arabischen Welt verhindert. Wie Verbote moderate Islamisten schwächen, die den Ausgleich mit dem Staat suchen. Wie Repression Radikalismus schürt.

 

Das Hauptquartier des islamistischen Widerstands liegt im Kairoer Zentrum, unweit der amerikanischen Botschaft. Das Haus des Ärzteverbandes hat schon bessere Zeiten gesehen. In dem Putz- und Kachel-Palast aus den fünfziger Jahren vermuten die Sicherheitsbehörden Widerstand gegen die Staatsgewalt. Doktor Issam al-Erian, Schatzmeister der Muslimbrüder und Vizechef des Ärzteverbandes, empfängt hier seine Kunden. Eine Frau mit hellbraunem Kopftuch und dunklem langen Rock sucht einen Anwalt für einen Arbeitsvertrag. Sie kommt zu al-Erian, einem vertrauenerweckenden Mann mit getrimmtem Bart und randloser Brille. Er telefoniert kurz, schreibt eine Nummer auf und reicht ihr den Zettel. Die Frau bedankt sich unter mehrfachem Nicken. Ein alter Mann braucht einen Chirurgen, hat aber kein Geld. Al-Erian kennt einen Kollegen und gibt ihm dessen Telefonnummer. So funktioniert sie, die islamistische Konspiration.

 

Al-Erian sitzt seit 18 Jahren an diesem Schreibtisch, mit Unterbrechungen. Die Zeit von 1995 bis 2000 verbrachte er im Gefängnis, wegen »staatsgefährdender Umtriebe«. Die Muslimbrüder haben gelernt, sich dem feindlichen Biotop anzupassen. Weil sie von Parlamentswahlen ausgeschlossen waren, eroberten sie die Berufsverbände. Ob bei Ärzten, Anwälten, Journalisten – überall demonstrierten sie ihre wachsende Macht. Die Behörden haben vielen Verbänden Neuwahlen verboten, weil die Muslimbrüder in jeder Abstimmung zulegten. Bei der Parlamentswahl 2000 stellten Kandidaten, die den Muslimbrüdern nahe standen, die stärkste Oppositionsgruppe. Willkürliche Nachwahlen und willfährige Richter korrigierten das für den Staat unerfreuliche Ergebnis. Doch was täten die Brüder, wenn sie tatsächlich einmal die Mehrheit erringen würden, Herr al-Erian?

 

»Wir wollen die Aufhebung des Ausnahmezustands, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Parteienfreiheit«, sagt er. Geschenkt, das wollen fast alle ägyptischen Oppositionsparteien; aber würden die Muslimbrüder bei einer Wahlniederlage die Macht auch wieder abgeben? »Ja, natürlich.« Würden sie die Aufhebung von Gesetzen durch demokratisch gewählte Nachfolger akzeptieren? »Durchaus, wenn sie nicht gegen die Verfassung verstoßen. Kein Gesetz darf die Prinzipien der Scharia verletzen. Sie ist die Hauptquelle der Gesetze.« Das dürfte ägyptische Säkulare und Christen beunruhigen. Werden sie nicht diskriminiert? »Auf keinen Fall! Sie genießen die gleichen Rechte und Pflichten wie Muslime. Der Islam ist zwar nicht ihre Religion, aber ihre Zivilisation.« Und Juden? »Für sie gilt das Gleiche!«

 

Ägypten hat diplomatische Beziehungen mit Israel. Werden die Muslimbrüder diese achten? »Nein. Palästina ist arabisches Land.« Aber was tun mit diesem jüdischen Staat, der schon seit 56 Jahren existiert? »Seine Existenz ist ein Verbrechen des Westens.« Rechtfertigt das Terroranschläge gegen Zivilisten? »Wir Muslimbrüder haben jeder Art von Gewalt abgeschworen. Doch Widerstand in Palästina ist keine Gewalt, sondern Kampf für die Freiheit.« Was ist mit dem Terror im Irak und Saudi-Arabien? »Der Irak ist besetzt, da ist der Kampf gerechtfertigt, in Saudi-Arabien sind Anschläge ein Verbrechen.«

 

Die Muslimbrüder wissen, dass sie mit solchen Argumenten die Meinung vieler Ägypter treffen. Stimmungen aufzufangen oder – wenn nötig – anzuheizen ist ihre große Stärke. Sie haben einen Entwurf für die »Demokratisierung« Ägyptens vorgelegt, von dem niemand weiß, wie aufrichtig er ist. Der Vorschlag konkurriert mit Reform-Initiativen der Regierung und der USA. Anregungen von außen lehnen die Muslimbrüder grundsätzlich ab, ob aus Washington oder Brüssel. Wenn die Amerikaner allerdings Druck auf Mubarak ausüben wollen, die Gesellschaft zu öffnen – bitte sehr! Moderne Ideen von politischer Freiheit und traditionelle islamische Prinzipien gehören zu ihrer programmatischen Wundertüte.

 

Doch die Macht der Muslimbrüder liegt nicht in politischen Traktaten. Auch nicht in Beratungsstunden im Ärzteverband. Nicht in der islamistischen Zeitung Arabischer Horizont mit der Auflage eines Vorstadtblatts. Die Macht liegt im Krankenhaus. In der Poliklinik im Stadtteil Dokki zum Beispiel. Diese Klinik gehört zur Stiftung Dawat al-Haq – Ruf der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit erkennt der Besucher an einer Tabelle, die am Eingang ausgehängt ist. Es ist die Preisliste für die Leistungen der Ärzte. Das ist ungewöhnlich in Ägypten. Hier lassen sich Mediziner gern mit rasch zugesteckten Umschlägen bezahlen oder schicken der Heilung eine Rechnung hinterher, die krank macht. Die Poliklinik in Dokki ist nicht nur durchsichtig, sondern auch noch erschwinglich. Dafür sind die Wartestühle aus Plastik, die Neonröhren nackt, der Wegweiser zum Röntgenlabor mit dem Filzstift auf die Tür gekritzelt. Wichtiger ist, dass das neue Röntgengerät funktioniert. Arme zahlen die Hälfte, weil reiche Islamisten helfen.

 

Aus Spenden wächst das Gebäude in die Höhe. Auf dem Flachdach der Klinik ragt eine dreischiffige Moschee empor, ein stattlicher Raum, rundum eingefasst mit poliertem Granit. Das Minarett ist noch nicht verputzt. »Wir wollen weiter aufstocken«, sagt Scheich Achmed al-Kordi, der in der Moschee die Freitagspredigten hält. »In Planung sind ein Waisenhaus, eine stationäre Klinik und ein Seminar für religiöse Erziehung. Die Nachfrage ist groß.« Dawat al-Haq ist ein Magnet, eine Wohlfahrts-AG, wie Islamisten sie in vielen Ländern betreiben. Zu den Feiertagen löffeln Besucher kostenlose Mahlzeiten. Bedürftigen wird die Hadsch bezahlt, die Pilgerfahrt nach Mekka. Witwen und arme Familien mit mehr als drei Kindern bekommen auf Antrag jene Sozialhilfe, die der Staat nicht leistet.

 

Dawat al-Haq hat offiziell nichts mit den Muslimbrüdern zu tun. Die Stiftung meidet jegliche politische Diskussion. Nur gehört sie zu dem islamistischen Netz, das sich immer enger über die dicht bevölkerten ägyptischen Städte und Dörfer spannt. In den Augen der Menschen ist der Islam die Lösung, wie die Muslimbrüder rufen – und die Islamisten sind die Wohltäter. So lässt es sich leicht werben. Wie eine Zelle der Muslimbrüder entsteht, erklärt ein Journalist der Zeitung Arabischer Horizont: »Eine Familie lädt eine andere ein. Männer die Männer, Frauen die Frauen. Gemeinsam lesen sie den Koran. Schließlich beginnen sie, ihre Kinder vor bösen Einflüssen zu schützen, vor dem Fernsehen, vor staatlichen Schulen. Sie schicken sie in islamische Kindergärten. Dort bekommen sie nicht die verdrehten staatlichen Schulbücher zu lesen.« Stattdessen liegen Lehrwerke aus: Die Pflichten der muslimischen Jugend – oder die Aufklärungsbroschüre Warum ich den Schleier trage, mein Sohn.

 

Gegen diese Literatur hilft kein Verbot, gegen Sozialhilfe wirkt keine Ausgangssperre, gegen Islamisierung der Gesellschaft ist keine konkurrierende Idee gewachsen. Gamal Nassers Dritte-Welt-Sozialismus kennen die Jungen nur aus dem Geschichtsbuch. Was hilft also überhaupt gegen eine grassierende Frömmigkeit, die sich gegen westlichen Einfluss abzuschotten sucht? Aufschlussreich sind die Sorgen der Muslimbrüder. Polizeiknüppel? Läppisch. Es sind die Dissidenten in den eigenen Reihen, welche die Brüder beunruhigen. Das Reizwort heißt Wasat – was so viel bedeutet wie Mitte. Die Abweichler wollen ins Parlament.

 

Noch hat Wasat keine Postanschrift, kein Büro. Aber bei Abou al-Ula Mady laufen die Fäden zusammen. Der 46-jährige Diplomingenieur leitet heute das Studienzentrum für politischen Islam in Kairo. Seine Karriere begann in den siebziger Jahren als Studentenführer mit islamistischer Mission, führte ihn zu den Muslimbrüdern und schließlich 1996 für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Das hatte nicht nur mit der Verfolgung der Muslimbrüder zu tun. Mady hatte zuvor mit anderen gemäßigten Islamisten Wasat gegründet und die Stirn besessen, einen Antrag auf Zulassung als Partei zu stellen. Das hat der Staatsgerichtshof nicht nur abgelehnt, sondern bestraft. Ein zweiter Antrag 1998 wurde ebenfalls zurückgewiesen. Am 17. Mai haben sie den dritten Versuch unternommen. Die Richter schweigen.

 

Aber Muslimbrüder wie Doktor al-Erian äußern sich freimütig: »Die Wasat-Leute laufen in eine Sackgasse. Der Staat will keine Partei der Muslimbrüder. Wozu also soll die Wasat-Partei gut sein? Zu nichts Gutem.« Was denkt Abou al-Ula Mady über die einstigen Gefährten? »Die Muslimbrüder bleiben Eiferer. Sie haben immer noch den militanten, aggressiven Geist ihrer Gründungsphase. Deshalb distanzieren sie sich auch nicht klar von Gewalt.« Man mag sich nicht. Das hat damit zu tun, dass beide aus demselben Stall kommen. Aber auch damit, dass Demokratie nicht gleich Demokratie ist, wenn Islamisten darüber reden. Mady findet es absurd, dass die Muslimbrüder stets einen alten Mann an ihre Spitze stellen, der in einem neblig-trüben Verfahren ausgekungelt wird. Stirbt er, folgt der nächstjüngere Alte. Der augenblickliche Führer Mohammed Akif ist so alt wie die Gilde der Muslimbrüder selbst – 75 Jahre. »Wasat will den Parteiführer offen wählen«, sagt Mady. »Er darf nur einmal wiedergewählt werden.« Während für die Muslimbrüder das Gottesgesetz der Souverän ist, sieht Wasat im Volk die letzte Instanz.

 

Kein Zufall, dass unter den Gründungsmitgliedern der Wasat fast zehn Prozent christliche Kopten sind. »Die Scharia ist, wie in der Verfassung geschrieben, eine Quelle der Gesetze, aber eben nur eine«, sagt Mady. »Wir wollen kein Grundgesetz à la Iran. Wir brauchen eine zivile Verfassung.« Die Schura, die beratende Kammer der Weisen und Würdenträger in vielen arabischen Ländern, wird von Muslimbrüdern gern als islamisches Parlament hervorgezeigt. Mady wischt das vom Tisch: »Die Schura soll bleiben, aber wie kann sie über Gesetze befinden? Wir brauchen ein Parlament, das Gesetze für alle Details des Lebens verabschiedet.«

 

Würde Ägypten eine Demokratie aushalten?

Das wäre dann ja fast so wie in den Mutterländern der westlichen Demokratie, in Großbritannien und Amerika? »Na ja, nicht ganz«, lacht Mady. »Die Amerikaner treten ihre Reformvorschläge für Demokratie im Nahen Osten im Irak selbst in den Staub.« Kein Grund, in Bagdad Bomben zu zünden, meint Mady. Das sei »Terrorismus«. »Im Übrigen können wir ja auch von jüngeren Demokratien lernen«, sagt er. »Von der EU zum Beispiel.«

 

Doch so viel man unten reden mag, von oben kommt nur Schweigen. Die Ansichten von Abou el-Ula Mady sind für den ägyptischen Staat nicht von Belang. Wie für viele arabische Regierungen sind Islamisten nun mal Islamisten, doppelzüngig, populistisch, heimtückisch. Differenzieren schadet nur. Doch Wasat kann nicht als Untergrund-Organisation, sondern nur als anerkannte Partei funktionieren. Ein Verbot heißt Untergang für Politiker, die durch die Institutionen marschieren wollen. Anders bei den Muslimbrüdern: Die Ächtung bremst sie nur auf der politischen Bühne, in der Gesellschaft wächst ihr Gewicht.

 

Warum der Regierung das sogar nützt, wurde auf einer Kundgebung gegen die US-Intervention im Irak Anfang 2003 sichtbar. Das Regime brauchte damals eine laute, aber kontrollierte Demonstration. Man fragte die Muslimbrüder. Sie brachten innerhalb weniger Tage über 100.000 Menschen zusammen. Die Stärke der Muslimbrüder darf zugleich als Rechtfertigung des autoritären, im Land zunehmend isolierten Regimes herhalten: »Seht her, wenn wir nicht wären, hätten die Islamisten die Macht.«

 

Ein hochrangiger Berater der Regierung hält diese Logik für wirr und dreht das Argument um: »Die Muslimbrüder blühen doch auf unter diesem Regime. Nur in einer Demokratie können Alternativen zu den Islamisten wachsen.«

 

Über die Folgen der Freiheit darf man spekulieren: Würde die Basis der Muslimbrüder wirklich schrumpfen? Würden säkulare Parteien oder die moderaten Islamisten von Wasat aufsteigen? Meinen sie es ernst mit der Demokratie? Wer es vor lauter Furcht nicht ausprobiert, wird es nie erfahren. Bis den Muslimbrüdern die Macht vielleicht irgendwann von selbst in die Hände fällt.

 

Quelle: http://www.zeit.de/2004/31/Aegypten

DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31, S. 3