Brennende Kirchen

Moslems greifen Christen an

VON JOHANNES DIETERICH

Das Überraschende an den Übergriffen gegen Christen im Norden Nigerias ist, dass sie so spät kommen. Schon seit Jahren sind die Beziehungen zwischen Moslems und Christen angespannt - wofür vor allem die Einführung der Scharia in 15 nordnigerianischen Bundesstaaten verantwortlich gemacht wird. Zu ganz unterschiedlichen Anlässen - wie dem Terrorangriff auf New York (2001) oder einem Schönheitswettbewerbes in Lagos (2002) - brachen die interreligiösen Spannungen in offene Feindseligkeiten aus: Mehrere tausend Menschen kamen bei solchen Anlässen ums Leben.

 

Nach der Eskalation des weltweiten Konfliktes um die Mohammed-Karikaturen suchten Führer von moslemischen und christlichen Gemeinschaften einen neuerlichen Gewaltausbruch zu verhindern. In Kaduna riefen gemäßigte Imame zur Besonnenheit auf, während der Generalsekretär der Christlichen Vereinigung Nigerias die Veröffentlichung der Karikaturen als "ganz und gar unangebracht" geißelte.

 

Nun ist die Besonnenheit doch der Gewalt gewichen: Bei schweren Ausschreitungen im Bundesstaat Bomeo wurden am Wochenende mindestens 15 Nigerianer, fast alle Christen, getötet und 18 Kirchen angezündet. Polizei und Militär verhinderten, dass Gewalttätigkeiten weiter um sich griffen.

 

Mit wachsender Skepsis verfolgt die Zentralregierung in Abuja eine Radikalisierung der Moslems in den Nordprovinzen: Kürzlich wurden die dortigen Hisbah-Milizen verboten und deren Führer festgenommen. Diese Milizen hatten sich als zweite Polizeimacht etabliert, die etwa das Alkoholverbot oder das Verbot der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Fahrgäste beiderlei Geschlechts überwachten.

 

Abuja wirft den Provinzregierungen im Norden vor, die Hisbah-Mitglieder im Ausland ausgebildet und für den "Heiligen Krieg" vorbereitet zu haben. In dem 130 Millionen Einwohner zählenden Nigeria leben ungefähr gleich viele Christen wie Moslems. Da die Religionszugehörigkeit entlang ethnischer Grenzen verläuft - die den Norden besiedelnden Haussa sind fast ausschließlich Moslims und die im Südosten beheimateten Ibos fast ausschließlich Christen -, kommt dem Glaubensstreit besondere Brisanz zu.

 

Frankfurter Rundschau 20.2.06, S. 5

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/nachrichten/?cnt=810353