Am kommenden
Mittwoch lädt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble zur nächsten
Islamkonferenz.
Die streitbare Publizistin Necla Kelek wird dort ihre Vorstellungen
von einer
Integration des Islam in unsere Gesellschaft vortragen.
Von Necla Kelek
Die Islamvereine
wollen als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt werden. Damit wür
den sie bestimmte
Privilegien erhalten, unter anderem beim Bau von Moscheen. Die Vereine
fordern, dass die
Muslime ungehindert Moscheen errichten wollen. Sie sprechen von
"Gotteshäusern"
und setzen Moscheen den Kirchen gleich. Nur verschweigen die Vereine,
dass Moscheen
traditionell ganz andere Aufgaben haben als Kirchen.
Moscheen sind in der
islamischen Tradition keine heiligen Stätten, sondern der Ort, an dem
sich die Männer der
Gemeinde zum Gebet und Geschäft versammeln. Die Moschee ist in
der Tradition ein sozialer und kein sakraler Ort.
Die Moschee ist in
soweit heilig, wie alles im religiösen Leben der Muslime "heilig"
d.h. als
unantastbar erklärt wird.
Nicht mehr und nicht weniger. Der Koran erwähnt Moscheen nur
in einem Vers: "… in Häusern, für die
Gott erlaubt hat dass sie errichtet werden und dass
darin seines Namens
gedacht wird. Ihn preisen darin, am Morgen und am Abend, Männer,
die weder Handel noch
Kaufgeschäft ablenken vom Gedenken Gottes, das Gebet zu verrichten
und die Almosensteuer
zu geben, und die sich auf einen Tag gefasst machen, an dem den
Menschen Herz und
Gesicht umgedreht werden".
Die Moscheen sind
nach der islamischen Auffassung die Öffentlichkeit. Und selbst Mohammed
traf sich dort mit
seinen Getreuen, und sie erfüllten wie der Islamwissenschaftler Peter Heine in
seinem Islam-Lexikon
schreibt, administrative Funktionen: "Hier fanden die Sitzungen des
Stammesrates statt,
und sie (die Moscheen) waren Versammlungsorte, wenn sich die Männer
zu einem Kriegszug
aufmachten." In der Moschee versammelt sich die Umma, die männlichen
Mitglieder der
Gemeinde zum Gebet und zum Geschäft. Es sind keine Sakralbauten, die
ausschließlich zum
Gebet genutzt werden, sondern soziale und politische Orte, Versammlungsorte.
Dagegen ist im
Prinzip nichts zu sagen, aber sie sind eben keine Kirchen und deshalb auch
nicht
so wie sie zu
behandeln. Ob eine Moschee gebaut werden kann, ist eine politische Frage. Und
ein Kriterium für die
Genehmigung ist deshalb, dienen sie der Integration, werden dort die
Gesetze eingehalten.
Und da sind Zweifel angebracht. So wie in vielen Moscheen in Deutschland
Islam praktiziert
wird, haben sie sich zu einem Hindernis für die Integration gemacht und sich
zu Keimzellen einer
Gegengesellschaft entwickelt. Vor allem die größeren Moscheen in
Deutschland
entwickeln sich zu "Medinas", zu Zentren in dem wie in einer kleinen
Stadt alle
Bedürfnisse abgedeckt
werden. So finden sich meist in unmittelbarer, oft in örtlicher Einheit ,
Koranschule, koschere
Lebensmittelläden, Reisebüros, Friseur, Beerdigungsinstitut,
Restaurant, Teestuben
etc. eben alles was ein Muslim braucht, der nichts mit der deutschen
Gesellschaft zu tun haben will.
Ich mache dies an
einem weiteren konstitutionellen Fakt deutlich. Moscheen sind Orte, an
denen sich Männer
versammeln. Moscheen waren und sind Männerhäuser. Frauen sind
meist nur in
separaten Räumen geduldet.
Eine demokratische
Gesellschaft lebt aber davon, dass Männer und Frauen gemeinsam in
der Öffentlichkeit
Verantwortung tragen, gleiche Rechte haben und auch gleich behandelt
werden. Die Trennung
der muslimischen Gemeinde in die Männer, die in der Moschee
sitzen, beten und
ihre Geschäfte machen und die der Frauen, die in ihre Wohnungen
verbannt sind, kann
kein Integrationsmodell sein.
Solange in den
Moscheen die Frauen gar nicht oder nur hinter dem Hijab beten dürfen,
solange sie dort nur
geduldet sind nicht gleichberechtigt in diesen Häusern nicht sein
dürfen, solange die
Moscheen nicht das partnerschaftliche Miteinander pflegen, sondern
archaische und
patriarchalische Strukturen befördern, solange sind solche Häuser für mich
nicht akzeptabel. So
wie in Deutschland die Moscheen mehrheitlich betrieben werden,
sind sie nicht nur
Männerhäuser, sondern auch die Initiationsorte einer muslimischen Parallel-
und
Gegengesellschaft. Und diese Gesellschaft ist nicht nur von der deutschen
Gesellschaft
weitgehend getrennt,
sondern trennt auch die islamische Gesellschaft vertikal, in Männer
und Frauen.
Außerdem wissen wir
viel zu wenig darüber, was in den Moscheen gepredigt wird, in
welchem Sinne die
Koranschulen unterrichten. Und wir wissen nicht, von welchen Kräften
die Moscheen
finanziert werden und was sie finanzieren.
Die
türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (Ditip) wird von der
türkischen Regierung
finanziert und
angeleitet. Seine Imame sind Angestellte des türkischen Staates. In der Türkei
betreibt die
Regierungspartei eine massive Islamisierung des Landes durch die Förderung des
Baus von Moscheen.
Selbst dort, wo zum Beispiel mehrheitlich Aleviten leben, wird der Bau
von Moscheen
vorangetrieben. Der Moscheebau ist zu einem politischen Instrument geworden.
Das gilt auch für
Deutschland. Darin steckt nicht nur türkisches , sondern auch für
saudi-arabisches
Geld.
Für mich ist der
Versuch der muslimischen Organisationen in Deutschland so viele Moscheen
wie möglich zu
errichten, kein Beitrag zur Integration, sondern der Versuch der Missionierung
durch Steine. Die
Muslime fordern den Moscheebau als Teil der "Bewahrung der eigenen
kulturellen und
religiösen Tradition" ein.
Insgesamt zielen die
Thesen des Mitte April gegründeten Koordinierungsrats islamischer
Verbände auf die
"Einbürgerung" des Islam. Das ist im Prinzip zu begrüßen.
Bezeichnenderweise
werden aber
hauptsächlich Forderungen an die aufnehmende Gesellschaft gestellt. Es sei für
die
Muslime eine
"Selbstverständlichkeit die freiheitlich-demokratische Grundordnung der
Bundesrepublik
anzuerkennen", heißt es. Für mich ist das ist nur ein Lippenbekenntnis,
ein
Aussage ohne Wert,
wenn gleichzeitig erklärt wird: "Die im Koran festgeschriebenen Pflichten
und Verbote gelten
für jeden Einzelnen und sind zeitlos." Da argumentieren sogar einige
Ditip-Funktionäre mit
dem islamischen Prediger Tariq Ramadan auf einer Ebene, der sagt:
"Wir sind für
die Integration, wir selbst müssen entscheiden, was das heißt. Ich halte mich
an die Gesetze, aber
nur solange sie mich nicht zwingen, etwas gegen meine Religion zu tun."
Ich bin sicher, dass
die Muslime mit ihren Erwartungen auf ein gleichberechtigtes religiöses
Leben in der
Bundesrepublik ihren Platz haben. Ich bin der Meinung, dass dies zum
überwiegenden Teil
bereits heute möglich ist. Ich bezweifle aber, ob die "muslimische
Gemeinschaft",
ob um es konkret zu
sagen, "der Islam" in eine demokratische Gesellschaft integrierbar
ist.
Da die Vereine nicht
in der Lage sind, positiv zu formulieren, wie er in der demokratischen
Gesellschaft ankommen
will, was sie dafür tun wollen, sollte meines Erachtens die aufnehmende
Gesellschaft
Kriterien formulieren, wie dieses Zusammenleben erreicht werden kann. Das
kann sie, in dem sie
klare Regeln aufstellt, die die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen
schützt und fördert.
(…)
Folgende säkularen Einsichten könnten dabei hilfreich sein, wenn es darum geht,
den Islam in die deutsche Gesellschaft zu integrieren:
-
Muslim ist nur,
wer sich ausdrücklich zum Islam bekennt.
-
Durch die
muslimischen Organisationen wird nur vertreten, wer in ihnen organisiert ist.
-
Die Verbände und
Vereine legitimieren sich demokratisch und sagen sich vom Einfluß
fremder Regierungen los.
-
Muslime
akzeptieren die Freiheit und bekennen sich dazu, dass der Glaube Privatsache
ist und niemand gezwungen werden darf, dem
Glauben anzugehören und niemand Nachteile
erleiden darf, der sich vom Glauben abwendet.
-
Die individuelle
Verantwortung und Selbstbestimmung und nicht die Umma ist Maßstab
des gesellschaftlichen Miteinanders unter den
Muslimen.
-
Muslime
begreifen sich als Teil der demokratischen Gesellschaft und akzeptieren die
Trennung von Religion und Politik.
-
Muslime wenden
sich gegen die Scharia als Mittel der Rechtsfindung. Menschenrechte,
Grundrechte und die Verfassung des
demokratischen Staates sind unteilbar. Koran und
Sunna spielen in der rechtlichen Ausgestaltung
des Lebens keine Rolle, sondern dienen
allein der persönlichen Religiosität.
-
Muslime erkennen
die Gleichberechtigung von Mann und Frau in allen Bereichen an. (…)
-
Muslime bekennen
sich zum Recht auf Kindheit und zur Chancengleichheit in der Schule.
Jede Art von religiös begründetem Fernbleiben
wird abgelehnt. Das Tragen von Kopftüchern
von Kindern - vor allem in der Schule - wird
abgelehnt
-
Muslime öffnen
ihre Moscheen und Gebetshäuser für die gleichberechtigte Mitwirkung,
Mitarbeit, gemeinsames Beten und soziale und
politische Funktionen von Frauen.
-
Muslime fördern
und betreiben die historisch-kritische Aufarbeitung der Schriften, des
Koran, der Hadithe und der Geschichte des
Islam. Sie wollen die Sakralisierung der
Texte zugunsten eines zeitgemäßen Umgangs mit
dem spirituellen Erbe aufgeben.
Diskriminierung Andersgläubiger akzeptieren
sie nicht.
-
Muslime erkennen
ihre Identität als Muslime in den spirituellen Wurzeln ihrer Religiosität,
sie verabschieden sich von der Funktion des
Islam als "Glaubenspartei". (…)
Frankfurter Rundschau, 30.4.07, S. 7
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/dokumentation/?em_cnt=1125611&