Morde an Christen in der Türkei lösen Empörung aus

 

B e r l i n / K ö l n (idea) – Entsetzen und Empörung haben die jüngsten Morde an Christen

in der Türkei bei Kirchenvertretern, Politikern und Menschenrechtsorganisationen

ausgelöst. Auch islamische Verbände in Deutschland verurteilten die Bluttat.

 

Eine bisher noch unbekannte Zahl von Tätern hatte am 18. April in Malatya im Südosten des

Landes in einem Verlagshaus drei Evangelikale erstochen: den deutschen Übersetzer und

Theologen Tilmann Geske (45) und die beiden Türken Necati Aydin (35) und Ugur Yuksel (32).

Die Polizei nahm bisher zehn Verdächtige fest. Einige haben gestanden, die Christen aus

nationalistisch-religiösen Motiven getötet zu haben. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof

Wolfgang Huber (Berlin), reagierte erschüttert auf die Bluttat: „Dass auch ein Christ aus

Deutschland unter den Opfern ist, bringt uns das Geschehen besonders nahe.“ Anlass des

grauenhaften Geschehens sei, dass der Verlag in der Osttürkei Bibeln verteile. Dieses „Wort

des Lebens“ anderen anzubieten, dürfe niemals Grund dafür sein, Menschen an Leib und Leben

zu bedrohen. „Unser tiefes Mitgefühl und unser Gebet gilt denen, die um die Opfer trauern“, so Huber.

 

„Verhängnisvolle Vermischung von Nationalismus und religiösem Eifer“

Der rheinische Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf) erklärte: „Diese schreckliche Tat macht

erneut deutlich, dass die verhängnisvolle Vermischung von Nationalismus und militantem religiösem

Eifer dringend durchbrochen werden muss.“ Die Religionen hätten die Aufgabe, dem friedlichen

Zusammenleben der Menschen zu dienen. Die Kirchen legten größten Wert darauf, dass die

Türkei ihre Bemühungen um rechtsstaatliche Standards für einen EU-Beitritt auch durchsetze.

Andernfalls werde es den Kirchen nicht gelingen, ihre Mitglieder zu überzeugen, „dass ein Beitritt

der Türkei zur EU eine sinnvolle und Frieden stiftende Maßnahme ist“. Bundesaußenminister Frank-

Walter Steinmeier (SPD) verurteilte „die furchtbare Tat auf das Schärfste“. Er gehe davon aus,

dass die türkischen Behörden alles unternehmen werden, um das Verbrechen restlos aufzuklären

und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

 

EAK: Türkei soll Freiheit der Christen sicherstellen

Der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU (EAK) forderte die türkische Regierung auf, die

Freiheit der Christen sicherzustellen. Die Bluttat belege in erschreckender Weise, dass

bekennende Christen in der Türkei immer öfter ihres Lebens nicht mehr sicher seien, erklärte der

Bundesvorsitzende des EAK, der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel. Bis heute

herrsche in der Türkei ein Klima der Unterdrückung des Christentums sowie der Missachtung

öffentlicher Meinungs- und Religionsfreiheit. Der türkische Staat müsse diese Verhältnisse „endlich

entschieden und konsequent bekämpfen“.

 

Grünen-Politiker: Missionierung ist Teil der Glaubensfreiheit

Der menschenrechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen,

Volker Beck, nannte den Anschlag „erschreckend und von beispielloser Brutalität“. Er forderte

die islamische Geistlichkeit auf, „deutlich zu machen, dass Glaubenswechsel und Missionierung,

also das Werben für den eigenen Glauben, als Teil der Glaubensfreiheit für alle Glaubensgemeinschaften

gleichermaßen unveräußerlicher Teil der Menschenrechte“ seien. Seine „Abscheu“ über die Morde

äußerte auch der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland. „Es gibt keine religiöse

Rechtfertigung für solche Überfälle“, sagte der Sprecher des Rates, Ayyub Axel Köhler (Köln).

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) in Deutschland brachte ebenfalls

ihr Entsetzen über den Anschlag zum Ausdruck. Der Präsident, Botschaftsrat Sadi Arslan, sprach

von einer „abscheulichen Tat“. Er forderte, das Verbrechen restlos aufzuklären und die Täter zur

Rechenschaft zu ziehen. Die DITIB sprach „insbesondere der Familie des Verstorbenen

Tilmann Geske und unseren deutschen und christlichen Freunden“ ihr aufrichtiges Beileid aus.

 

Antichristliche Entwicklung in der Türkei nicht länger beschönigen

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) appellierte an die Bundesregierung und die im

Bundestag vertretenen Parteien, „die zunehmend antichristliche Entwicklung in der Türkei nicht

länger zu beschönigen“. Christen würden in der Türkei nach wie vor diskriminiert und verfolgt. So

besäßen die evangelischen und katholischen Kirchen keinen Rechtsstatus. Ihre Gottesdienste

müssten meist in Privatwohnungen stattfinden. In der Türkei ist es in den vergangenen Monaten

wiederholt zu Attentaten auf Christen gekommen. Im Februar 2006 erschoss ein Jugendlicher

einen katholischen Priester in der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer. Anfang dieses Jahres

ermordete ein junger Nationalist den aus Malatya stammenden armenisch-türkischen

Publizisten Hrant Dink.

 

19.4.07

Quelle: http://www.idea.de/index.php?id=355&tx_ttnews%5Btt_news%5D=53097&tx_ttnews%5BbackPid%5D=18&cHash=30970ce0ac

 

 

Angriff gegen christlichen Verlag - Opfern die Kehle durchgeschnitten

Mutmaßliche islamische Fanatiker haben in einem christlichen Verlag in der südosttürkischen

Stadt Malatya ein Blutbad angerichtet.

 

Athen - Mehrere Täter drangen am Mittwochnachmittag in die Räume des christlichen Verlags Zirve

ein und ermordeten drei Mitarbeiter, unter ihnen auch einen Deutschen. Die Angreifer fesselten ihre

Opfer an Stühle und schnitten ihnen die Kehlen durch. Die deutsche Botschaft in Ankara bestätigte,

dass ein Deutscher unter den Opfern sei, seine Identität wurde zunächst nicht bekannt gegeben.

Zwei weitere Verlagsmitarbeiter überlebten schwer verletzt: einer sprang aus dem Fenster, ein

anderer erlitt Stichverletzungen in Hals und Rücken. In Polizeikreisen hieß es, vier Tatverdächtige

seien festgenommen worden.

 

Gegen den Verlag, der Bibeln, christliche Schriften und Kruzifixe vertreibt, hatte es in Malataya

bereits öfter Proteste gegeben. Islamistischen und nationalistischen Kreisen war dessen Tätigkeit

ein Dorn im Auge. Seine Mitarbeiter seien erst kürzlich bedroht worden, sagte Geschäftsführer

Hamza Özant dem Nachrichtensender CNN Türk. Das Massaker von Malatya wirft erneut ein

grelles Licht auf die schwierige Situation christlicher Glaubensgemeinschaften in der Türkei. In

dem Land, dessen Bewohner zu mehr als 99 Prozent Muslime sind, leben nur etwas mehr

als 100 000 Christen. Die meisten von ihnen, etwa 70 000, sind Armenisch-Orthodoxe.

Christliche Kirchen sind in der Türkei weitgehend rechtlos. Sie müssen um ihre Existenz und

ihr Eigentum kämpfen. Viele christliche Geistliche fürchten auch um ihr Leben, seit im Februar

2006 in der Schwarzmeerstadt Trabzon ein 16-Jähriger den katholischen Priester Andrea

Santoro in seiner Kirche erschoss. Danach wurden zwei weitere Priester Opfer von

Überfällen islamisch-nationalistischer Fanatiker.

 

Trabzon gilt als eine Hochburg nationalistischer und anti-christlicher Kreise. Hier wurde auch

das Mordkomplott gegen den armenischen Bürgerrechtler Hrant Dink geschmiedet. Dink fiel

Ende Januar einem Attentat zum Opfer. Seine Ermordung löste eine Welle der Solidarität, aber

auch Gegenreaktionen türkischer Nationalisten aus: nach dem Attentat auf Dink erhielt der

armenische Patriarch in Istanbul Morddrohungen. Ständiges Ziel von Drohungen nationalistischer

Türken und militanten Demonstrationen, bei denen bereits Handgranaten flogen, ist auch der

am Goldenen Horn residierende orthodoxe Patriarch Bartholomäos.

 

Christliche Geistliche in der Türkei klagen über ein zunehmend feindseliges Klima. Daran scheint

auch der Besuch von Papst Benedikt XVI., der im vergangenen Dezember in der Türkei mehr

Rechte für die christlichen Glaubensgemeinschaften anmahnte, wenig geändert zu haben. Der

Forderung der EU und der USA, ein in den 70er Jahren zwangsweise geschlossenes

orthodoxes Priesterseminar bei Istanbul wieder zu öffnen, widersetzt sich die türkische

Regierung beharrlich.

 

In der islamisch-konservativen Regierung unter Tayyip Erdogan grassiert offenbar die Christenfurcht.

So erklärte der für Religionsfragen zuständige Staatsminister Mehmet Aydin kürzlich im Parlament,

christliche Missionare versuchten, als Krankenschwestern, Ärzte und Lehrer getarnt, die

türkische Gesellschaft "aufzusplittern" und ihre "nationale Einheit aufzubrechen". G. Höhler

 

Frankfurter Rundschau, 19.4.07, S.6

Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1118013