"Mensch als Gott der neuen Welt"
Marketinggläubige Hightechwelt stellt Kirche vor schwere Probleme Mensch als Gott der entzauberten Welt? Schwanken zwischen Vermassung und Rückzug ins Private Frieden, Liebe und Hoffnung als Aufgabe und Botschaft
In der hochtechnisierten, marketinggläubigen und einseitig diesseitigen Konsumentenwelt sieht Bischof Dr. Paul-Werner Scheele die Kirche vor schwere Probleme gestellt. Davor dürfe niemand in der Kirche die Augen verschließen: "Nur wer sieht, was ist, kann wissen, was zu tun ist", schreibt Bischof Scheele in der unlängst erschienenen Festschrift zum 65. Geburtstag des Würzburger Kirchenhistorikers Professor Klaus Wittstadt in seinem Beitrag "Wie geht es weiter?" Der Bischof fordert radikales Fragen und Handeln.
Die Gründe der aktuellen kirchlichen Probleme liegen nach Auffassung des Bischofs in der veränderten Weltwirklichkeit. Die Schlagwörter "Hominisierung", "Säkularisierung" und "Sozialisation" charakterisierten die Entwicklung. Hominisierung heißt Vermenschlichung und bedeutet laut Bischof Scheele nichts weniger, als dass der Mensch zum "Gott" der neuen Welt geworden ist. Ihm seien nie gekannte Kräfte in die Hand gegeben und seinen Entscheidungen kämen eine ungeheure Tragweite zu. Bewährten sich die maßgebenden Menschen, sei Höchstes zu erwarten, versagten sie aber, dann sei das Schlimmste zu befürchten. In dieser Situation erscheine Kirche vielen nur noch als ein Relikt aus längst vergangener Zeit. In der Vergangenheit habe sich der Mensch in einem großen Kosmos geborgen gewusst. Nun erscheine die Welt entzaubert und rein diesseitig. In dieser materiellen Welt schwanke der Mensch zwischen Kollektivismus und Individualismus: Der intensiven Vergemeinschaftung auf vielen Lebensgebieten stehe die Tendenz entgegen, sich mit aller Macht ein Eigendasein zu erhalten.
Die Propheten des Atheismus haben es nach Auffassung des Bischofs verstanden, ihre Lehre als notwendige Konsequenz des Weltgeschehens zu verkaufen. Gefährlicher aber als dieser kämpferische Atheismus sei der Indifferentismus. Den Menschen, denen alles relativ ist, sei auch die Kirche relativ, und zwar relativ egal. Als tote Glieder der Kirche schadeten sie ihr mehr als die Atheisten, denn vom Alles-Geltenlassen der pluralistischen Gesellschaft sei es nur ein kleiner Schritt zum Nichts-Geltenlassen.
Wie soll die Kirche diesen Entwicklungen begegnen? Entstehen aus dieser Situation sogar Chancen für die Kirche? Bischof Paul-Werner bejaht dies. Die Hominisierung sieht er sogar als mit von der Kirche initiiert. Der erste Schöpfungsbericht im Buch Genesis gipfle in der Erschaffung des Menschen. Die entscheidende Existenzfrage sei jedoch, ob der Hominisierung die Humanisierung folge: "Hat das äußere riesige Kräftepotential", das dem Menschen in die Hand gegeben ist, "ein entsprechendes inneres Äquivalent"? Die Atombombe in der Hand eines Franz von Assisi sei nicht so gefährlich wie die nackte Faust eines Verbrechers.
Auch an der Säkularisierung sei das Christentum ursprünglich beteiligt gewesen. Dass die Gestirne und die Elemente keine Götter darstellten, sondern Schöpfungen Gottes, sei einer Revolution gleich gekommen. Das aktuelle Zurücktreten der religiösen Sphäre werde jedoch von weiten Teilen der Menschheit als elementare Bedrohung empfunden. Namentlich Afrikaner und Asiaten, die bislang in einer kosmischen Religion geborgen gewesen seien, würden plötzlich den Boden unter den Füßen verlieren. Die Kirche müsse sich dennoch von versunkenen Frömmigkeits- und Denkformen befreien und sich bewusst machen, dass Gott mehr zu bieten habe als Apparate und Maschinen, Radio und Fernsehen.
In Hinsicht auf die Sozialisation verweist der Bischof darauf, dass die zentrale Botschaft der Bibel auf das Ganze und die Zusammengehörigkeit aller Menschen gerichtet sei. Insofern stehe die Kirche den Strömungen der Zeit nicht entgegen. Sie könne vielmehr deren tieferen Sinn offenbaren. Der wachsenden Vermassung der Alltagswirklichkeit habe die Kirche eine Gemeinschaft entgegenzusetzen, die näher zusammenführe als das extremste Kollektiv, aber zugleich eine Freiheit gebe, die den ungebändigten Liberalismus weit hinter sich lasse.
Passende Antworten müssen nach Einschätzung von Bischof Scheele daher lauten: Ökumenisch handeln, Liebe und Frieden leben, die Hoffnung bewahren. Ökumenisch handeln bedeute Einheit in Freiheit, Einheit in Verschiedenheit und Einheit in Dynamik. Nach dem Christuswort aus dem Matthäusevangelium, dass jedes Reich, das in sich gespalten ist, zugrunde geht, sei die Kirche zur Einheit aufgerufen. Gefragt sei aber weder das straffe Korsett einer Einheit ohne Freiheit noch die Zügellosigkeit einer Freiheit ohne Einheit. Zu Einheit in Freiheit gehöre eine maximale Vielgestalt der Mitglieder. So sei zu fragen, ob die Trennungen in der Christenheit nicht zum Großteil darin begründet seien, dass man der gottgewollten Vielfalt nicht hinreichend gerecht geworden sei. Der Bischof dehnt diese Überlegungen auf die Juden- und Heidenchristenheit, die West- und Ostchristenheit, die Reformation und auch auf das chinesische und indische Denken aus.
Im Blick auf die Zukunft solle man sich der Hoffnung und der Liebe zuwenden. Bischof Scheele verweist auf den 2. Korintherbrief, in dem es heißt: "Seid eines Sinnes, und lebt in Frieden! Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein". Angesichts dieses Friedensgebotes und der heute noch weltweit stattfindenden Kriege fordert der Bischof eine "Generalmobilmachung für den Frieden". Friedensgebot meine aber auch, zuerst den Frieden in den eigenen Reihen zu verwirklichen. Davon seien die Christen innerkirchlich noch weit entfernt. "Die Kirchen erscheinen vielen Menschen nicht als Kirchen des Friedens", zitiert er ein Ergebnis der Ökumenischen Versammlungen von Dresden-Magdeburg und Basel und ruft zur Umkehr auf. Als Antwort auf die gesellschaftlichen Entwicklungen solle man sich nicht mit der Resignation eines "No future" abspeisen lassen. In der gesamten Heiligen Schrift gehe es um das Kommen des Herrn und seines Reiches. Sie stelle die Frage nach der absoluten Zukunft und gebe im Römerbrief die Antwort "Seid fröhlich in der Hoffnung". Die Kirche müsse daher durch ihr ganzes Dasein bezeugen, dass es Hoffnung für jeden einzelnen und für alle zusammen gebe. Erst eine hoffnungslose Kirche wäre ein hoffnungsloser Fall.
Paul-Werner Scheele, "Wie geht es weiter? Probleme und Chancen der Kirche in unserer Zeit". In: Kirche und Glaube Politik und Kultur in Franken, hrsg. von Wolfgang Weiß, Dieter M. Feineis und Erik Soder von Güldenstubbe. Festgabe für Klaus Wittstadt. Würzburger Diözesangeschichtsblätter, Band 62/63. Würzburg: Kommissionsverlag Ferdinand Schöningh 2001, Seite 19-33.
23.08.2001