Marokkos König Mohammed VI. reformiert sein

islamisches Land mit einem modernen Familienrecht,

Ehescheidung inklusive. Das stellt die Machtverhältnisse

auf den Kopf.

 

Hier ist Rabat, ein Saal im Basarviertel der alten Königsstadt, und hier beginnt eine Revolution,

auch wenn die Revolutionäre nicht gerade nach Umsturz aussehen. Zinab Hidra zum Beispiel: Ihr

Körper versinkt in einem beigeweißen Gewand, ihr Kopf ist in keusches Tuch gewickelt, nur die

kräftigen Brauen und die vollen Lippen liegen frei. Zinab Hidra greift nach dem Mikrofon und

sagt mit milder Stimme: »Ich möchte lehren, dass der Islam eine friedliche Religion ist.«

 

Ein harmloser Satz? Aus dem Mund einer Frau wird er zu Sprengstoff für das Establishment der

islamischen Gelehrten. Denn Schauplatz dieses Anschlags auf die Tradition ist kein geringerer

Ort als das Ministerium für islamische Angelegenheiten, mitten im Basar gelegen. Über den

Gästen wölbt sich eine achteckige Kuppel, auf dem Podium hängen ein Porträt des Königs und

die Nationalflagge. Vor der politisch korrekten Kulisse gratuliert jetzt der Religionsminister 150

Studenten, die nach erfolgreichem Studium gerade zu Lehrern des Islams, zu Predigern

geworden sind.

 

Alles hat seine Ordnung: die gottgefälligen Ansprachen, die Anrufung des Propheten, die

Aushändigung der Zeugnisse, der wohlgesetzte Beifall. Doch die Umstürzler sitzen mitten im

Saal. Sie freuen sich über die Glückwünsche des Ministers. Sie halten Dankesreden vor

Honoratioren, Imamen und Koranschülern. Sie besitzen die gleichen Zeugnisse wie die

männlichen Studenten. Es sind Umstürzlerinnen, es sind die Frauen.

So nicht!, grollt der strengkonservative Fernsehscheich Jussuf al-Qaradawi aus dem fernen

Qatar herüber. Sakrileg!, ruft der Leiter der ehrwürdigen Al-Azhar-Institution zu Kairo,

Mohammed Tantawi. Ein Verstoß gegen den Geist des Islams!, finden die wahhabitischen

Religionswächter in Riad. »Das sehen wir anders«, entgegnen die künftigen Islamlehrer in

Rabat. Willkommen in Marokko!

 

Als Land der Putsche und Revolutionen hat sich das Königreich bisher keinen Namen in der

Welt gemacht. Fast vierzig Jahre hielt König Hassan II. es fest im Griff, seit 1999 regiert sein

ältester Sohn als Mohammed VI., doch dieser findet wenig Gefallen an der erstarrten Herrschaft,

die er von seinem Vater geerbt hat. Mohammed baut Marokko um, von oben, wie es hierzulande

Sitte ist, vorsichtig, damit seine Macht nicht in Gefahr gerät, und mit einer aufgeklärten Weitsicht,

an der es anderen arabischen Herrschern – auf Bajonette gestützten und von Endzeitängsten

geplagten Diktatoren – mangelt. Und auch dies ist eine marokkanische Besonderheit:

Mohammed VI. ist nicht nur König, sondern auch das geistliche Oberhaupt der Marokkaner.

Vielleicht ist es seine religiöse Unangreifbarkeit, die ihn Reformen ausgerechnet da vorantreiben

lässt, wo arabische Politiker und islamistische Prediger westliche Stereotype täglich neu bestätigen.

Geschlechtergleichstellung? Frauenrechte? Gibt es die in der islamischen Welt überhaupt?

Beschränken sich die »Frauenrechte« nicht auf Kinderkriegen, Breirühren, Sockenstopfen?

 

Nicht in Marokko. An der Nordwestspitze Afrikas entsteht allmählich, vom Westen fast

unbemerkt, ein moderneres Frauenbild, das mit dem Islam dennoch harmoniert. Das beginnt mit

den jungen Predigerinnen, doch geht es weit über sie in die Gesellschaft hinein, in die Familien,

in jedes marokkanische Haus. Eine Besichtigung des neuen Marokko an drei Orten zeigt dies: in

den Ministerien der Hauptstadt Rabat, in der modernen, hektischen Wirtschaftsmetropole

Casablanca und in der alten, winkligen Handwerkerstadt Salé.

 

Bleiben wir zunächst in Rabat, bei Zinab Hidra. Sie hat religiöse, aber keine knochenkonservativen

Eltern. Sie finden es ganz fabelhaft, dass ihre Tochter das Predigerexamen bestanden hat. »Aber

es war ganz allein meine Entscheidung«, sagt Zinab Hidra. Der Islam, findet sie, könne Marokko

voranbringen. Sie meint nicht den radikalen Islamismus, der in den Vororten von Casablanca

wuchert? Zinab Hidra schüttelt den Kopf: »Der Islam fordert, die anderen genauso zu respektieren

wie uns selbst.« Von fundamentalistischen Brandreden in den Slums fühlt sie sich bedroht.

Deshalb würden Studenten wie sie vom Staat ausgebildet: »Damit wir gegen den Hass predigen.«

 

Im Unterricht und in den Examina saß Zinab Hidra neben ihren männlichen Kommilitonen, die

Frauen mit Kopftuch, die Männer mit Fes. »Der Islam verbietet Männern und Frauen nicht,

nebeneinander zu sitzen.« Gleichstellung total? Nicht ganz. Mit uneingeschränkt gleichen Rechten

tut sich das Religionsministerium noch schwer, etwa am heiligen Freitag. Nach einer Fatwa, einem

Rechtsgutachten des hohen Rats der marokkanischen Religionsgelehrten, dürfen nur Männer

das Freitagsgebet leiten.

 

»Frauen müssen das Gebet nicht unbedingt leiten«, sagt Zinab Hidra, »das ist keinen Deut besser

oder höher als unsere Aufgaben.« Als da wären: die Lehre in Schulen, Moscheen, Universitäten,

die Auslegung des Korans, die Botschaft des Islams. »Da geht es nicht immer um den Glauben«,

sagt Zinab Hidra. Oft muss sie erklären, was sich in der Gesellschaft verändert. So übt sie

Einfluss aus, zum Beispiel, wenn die Leute wissen wollen, wie sie ihre Probleme lösen können,

was der Koran zu dieser oder jener Lebenslage sagt – oder wie das neue Familienrecht funktioniert.

 

Das Familienrecht? Was gibt es da in der Moschee zu erklären? »Früher haben die Männer der

Familie – Vater, Bruder, Onkel – die Frauen einfach eingesperrt«, sagt Zinab Hidra. Das gehe

heute nicht mehr so einfach. Frauen hätten nun klar formulierte Rechte gegenüber Männern. Und

das sei nicht antiislamisch: »Das Gesetz beruft sich ausdrücklich auf den Koran.« Das Problem

liege ganz woanders. »Manche Männer glauben nun, sie seien völlig entrechtet, manche Frauen

glauben, sie könnten sich alles erlauben. Beide Seiten irren.«

 

Moudawana – das ist das marokkanische Zauberwort. Moudawana, das ist das Synonym einer

neuen Zeitrechnung in Marokko. Moudawana heißt Familienrecht, doch es meint mehr: die

Gleichberechtigung der Geschlechter. Das ist wichtig in einem Land, in dessen Dörfern die

meisten Frauen immer noch nicht lesen und schreiben können, wo manche Väter und Onkel

gern Töchter und Nichten minderjährig verheiraten, wo Ehemänner Gewalt gegen die Ehefrau

nicht selten für ein Naturrecht halten. Die Moudawana ist, kaum dass sie nun gut zwei Jahre gilt,

schon Legende. In den meisten anderen Ländern der arabischen Welt wäre sie schlicht nicht

durchzusetzen. Das neue Familienrecht Marokkos macht den einen Angst, den anderen

Hoffnung. Ob es Erfolg hat, entscheidet nicht der Gesetzesbuchstabe, sondern allein der

Alltag in den Familien und in den Gerichten.

 

Adieu, Rabat. Salam, Casablanca! Saadia Wadah treibt ihren silbernen Toyota durch den Stau,

schaltet hin und her zwischen erstem und zweitem Gang, um im Takt von Casablanca mitzuhalten.

Die 49-Jährige ist dezent europäisch geschminkt, trägt ein Nadelstreifenkostüm, die blondbraunen

Haare fallen offen auf die Schultern. Sie fährt zum Familiengericht in Habouz, einem Stadtteil des

Millionenmolochs am Atlantik. Die Durchsetzung der Moudawana ist auch ihre Sache, sie arbeitet

als Anwältin für Familienrecht. »Das Gesetz hat die Lage für meine Klientinnen radikal verbessert.«

 

Anwältin in Marokko – das ist ihr nicht in den Schoß gefallen. Ihr Vater arbeitete als Reisebusfahrer,

ihre Mutter war Hausfrau. Sie half ihr bei der Erziehung ihrer drei Kinder, die jetzt schon fast

erwachsen sind. Ihr Mann arbeitet als Urkundsbeamter bei Gericht. Saadia Wadah gehört nicht

zu jener marokkanischen Bourgeoisie, die französischsprachige Schulen besuchte, in Frankreich

studierte und dann bei der Rückkehr die von den Eltern eingefädelten Jobs antrat. »Ich war schon

immer links.« Und linke Anwälte arbeiten etwas anders als rechte, meint sie. »Ich versuche meine

Mandantinnen vor unbelehrbaren Richtern und den Machthabern daheim zu schützen.«

Was also bringt das neue Recht?

 

Der König lebt seinem Volk eine moderne Ehe vor

Saadia Wadah spreizt ihre Hand am Steuerrad und zählt an den Fingern ab. Ehen dürfen nicht

mehr einfach in der Moschee, sondern müssen vor Familiengerichten geschlossen werden; das

Heiratsalter wird auf 18 Jahre heraufgesetzt; Frauen brauchen nicht mehr die Zustimmung eines

männlichen Familienmitglieds zur Heirat; Vielehen werden nur noch in Ausnahmefällen erlaubt;

Frauen können von sich aus die Scheidung beim Familiengericht einreichen; die Ehe kann

aufgelöst werden, wenn sie zerrüttet ist, und nicht nur, wenn beide es wollen; bei der Scheidung

wird das gemeinsam erwirtschaftete Eigentum aufgeteilt; die Frau darf das Sorgerecht für die

Kinder ebenso beantragen wie der Mann; sie und die Kinder haben das Recht auf Unterhalt

nach der Ehe.

 

»Ein Katalog«, sagt Saadia Wadah, »der die alten marokkanischen Verhältnisse vom Kopf

auf die Füße gestellt hat.« Diesen Katalog hat das Parlament mit seinen Königstreuen, Sozialisten,

Konservativen und Islamisten vor knapp drei Jahren zwar verabschiedet, aber diktiert wurde er

nach jahrelangem bitteren Streit von seiner Majestät höchstselbst. Als Juristin und als Linke ist

Saadia Wadah strikt gegen die quasiabsolutistische Macht des Königs, aber sie weiß auch:

»Ohne ihn hätten wir nie dieses Gesetz bekommen.«

 

Was ist das für ein König, der aus einer jahrhundertealten Dynastie stammt und erst 43 Jahre

alt ist, der mit ererbter autoritärer Allmacht und behutsam-fortschrittlich zugleich regiert?

 

Auf Casablancas Straßen ist er kaum präsent. Aus dem Fenster von Saadia Wadahs Auto

sind nur Werbeplakate zu sehen, keine Monarchenbanner. Einen Personenkult wie in anderen

arabischen Ländern will Mohammed VI. vermeiden, und dennoch ist er eine Kultfigur geworden.

Der König hat gleich bei Amtsantritt 1999 die Diskussion über die Geschlechtergleichheit eröffnet,

er hat die Moudawana durchgesetzt, er hat eine intelligente Frau geheiratet und lebt seinem Volk

eine moderne Ehe vor.

 

Seine oft jugendlichen Fans, aber auch die Medien sprechen gern von M 6 – das steht für

Mohammed VI. Stück für Stück entfernt er die Patina, die sich in den Jahrzehnten der Herrschaft

seines Vaters auf das Land gelegt hat. Hassan II. hatte eine Frau, die sich in konturlosen

Stoffballen zu verstecken pflegte und fast nie öffentlich zu sehen war. Mohammeds Frau dagegen

trägt modische Kostüme und lange, rot schimmernde Haare statt eines Kopftuchs. Wo immer

sie auftritt, ist sie ein Ereignis. Sie hat ein Gesicht und einen Namen.

 

Königin Salma kommt aus kleinen Verhältnissen und hat dennoch gute Schulen und Universitäten

besucht. Salma ist Präsidentin der marokkanischen Krebshilfe. Salma, raunt die Presse, läuft schon

mal barfuß durch den Königspalast. Salma besucht die Kranken in Marokkos Hospitälern. Salma

fährt nach Libyen und plaudert mit Präsident Muammar al-Gadhafi in dessen Zeltresidenz. Salma

ist klug, schreiben die Zeitungen – sie spricht dennoch oder gerade deshalb nicht mit den Medien.

Was die Marokkaner nicht daran hindert, ständig über ihr schönes Königspaar zu reden. »Alle

sagen, das war keine arrangierte Ehe, sondern eine Liebesheirat«, erzählt Saadia Wadah.

 

Ob das nun stimmt oder nicht – es ist eine schöne, populäre Geschichte und mehr als das, ein

 lebendes Symbol. Königin Salma und König Mohammed symbolisieren den Bruch mit der

marokkanischen Tradition. Und das neue Familienrecht belegt, dass dieser Bruch allmählich

auch die Gesellschaft erfasst.

 

Fast drei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes ist die Zahl der Scheidungen, in denen der

Mann die Frau »verstößt«, sprich: ohne Umschweife an die Luft setzt, deutlich zurückgegangen.

Die Scheidungen im »gegenseitigen Einvernehmen« sind gestiegen. Die Fälle von Polygamie

werden seltener, aber noch immer heiraten Männer mehrere Frauen zugleich. Saadia Wadah

malt nicht rosarot, sie spricht vorsichtig, wie eine Juristin es tun sollte. Aus ihrer Praxis weiß

sie um die viel zu vielen Schlupflöcher, die der Gesetzestext lässt.

 

»Zum Beispiel haben die Richter reichlich Ermessensspielraum. Eine Berufung ist nicht

vorgesehen. Das gibt dem Richter sehr viel Macht.« Sie zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss.

Wir stehen vor dem Familiengericht von Habouz. Das massige Gebäude aus den vierziger

Jahren liegt in einem dicht bebauten Viertel mit alten, nur nachlässig gepflegten Wohnhäusern.

Erster Eindruck auf dem Platz: viele Menschen. Erster Eindruck im Gebäude: noch viel mehr

Menschen.

 

In der Halle steht die Tür zu einem voll besetzten Verhandlungssaal offen. Auf dem Podest sitzen

die Richter in ihren grün-schwarzen Roben, auch eine Richterin ist darunter. »Eheverträge,

Scheidungen, das Sorgerecht, Unterhaltspflichten – alles wird hier verhandelt«, erzählt Saadia.

Enge Korridore, überall Menschentrauben. Frauen und Männer warten auf Richter. Einige sprechen

mit ihren Anwälten. Ein Ehepaar streitet noch vor der Tür des Gerichtssaals. Drei Frauen haben

es sich auf einem Treppenabsatz bequem gemacht.

 

Fatima, die ihren richtigen Vornamen nicht in der Zeitung lesen möchte, kommt gerade aus der

Verhandlung – aufgeregt, sie war noch nie vor Gericht. Dort stand eben ihre 27 Jahre alte Ehe

 zur Verhandlung. Fatima hat mit 17 geheiratet und fünf Kinder geboren. Zwei davon leben noch

mit ihr daheim. Warum will sie sich scheiden lassen? »Nun, es war sowieso keine Liebesheirat«,

sagt Fatima. »Eine Vernunftehe wie so viele.« Ihre Augen sind groß und weich, sie trägt ein

hellblaues Kopftuch über ihrem langen, bestickten Kostüm. »Seit einiger Zeit ist es nur noch

unerträglich.«

 

Ihr Mann spiele den Pascha, befehle nur noch, schlage sie regelmäßig, spreche nicht mehr mit

ihr – es sei denn, um sie zu beleidigen. Die Kinder hätten Angst vor ihm. Bei einem Streit neulich

habe er ein Messer gezogen und sie bedroht: »Wenn du so weitermachst, stirbst du.« Da sei es

aus gewesen, »ich habe sofort die Koffer gepackt«. Der Richter habe ihr »sehr geholfen«.

Zunächst versuchte er zu schlichten und fragte nach ihren Gründen. Da brüllte ihr Mann

dazwischen und beschimpfte Fatima. »Der Richter hat ihn zurechtgewiesen.« Dann hat er ihnen

zehn Tage zum Nachdenken gegeben. So ist es Gesetz. »Danach lasse ich mich scheiden.«

 

Eine Trennung in Marokko dauert drei Monate. Auch das ist Gesetz. Fatima hat das Sorgerecht

für die jüngsten Kinder beantragt und das Haus, in dem sie leben. Sie möchte auch, dass ihr Mann

ihr Unterhalt zahlt, weil sie ihr Leben keinem Beruf, sondern allein den Kindern gewidmet hat. »Er

will das natürlich nicht, er will die Kinder, das Haus, alles!« Doch sie vertraut auf das neue

Familienrecht. Und auf ihren Richter.

 

Nicht zu Unrecht, das zeigt der Fall von Chadija. Sie hat alles schon hinter sich. Frisch sieht sie

aus, die 40-jährige Doktorandin der Volkswirtschaft, ihre Haare sind kurz getrimmt und rot

getönt, auf ihrem schwarzen T-Shirt, dem knappen Sommerrock und der Brille prangen

Designernamen. Sie hat sich gerade im Gericht die Scheidungsurkunde abgeholt.

 

Wie ist es gelaufen? »Glatt«, sagt sie trocken. Der Richter fragte, warum sie die Scheidung

einreichte. »Ich sagte, ich will mich trennen, bevor das Verhältnis zu meinem Mann ganz ruiniert

ist.« Da zögerte der Richter und verlangte, dass sie sich aussöhnten. Sie bekam Angst. Nach

dem alten Familienrecht durfte der Mann seine Frau jederzeit verstoßen, die Frau dagegen

musste Jahre auf die Scheidung warten. Hatte sich etwa nichts verändert? Chadija protestierte.

Doch der Richter wollte nur, dass jemand aus der Familie die Zerrüttung der Ehe bezeugte.

»Mein Bruder kam und bestätigte das.« Jetzt ist sie geschieden, sie hat das Sorgerecht für

ihre drei Kinder – und darf das Haus behalten, in dem sie wohnt. Bis zum 18. Lebensjahr der

Kinder muss ihr Mann Unterhalt zahlen. Das neue Familienrecht? »Feine Sache«, sagt Chadija.

 

Aounir weiß nicht so recht, ob sie hoffen oder heulen soll. Die 19-Jährige biegt, in ihre

schwarze Lederjacke vergraben, die Spitzen ihrer weißen Mokassinschuhe nach innen. Ihre

Hände sind rau und dunkel von der Sonne. Sie sei ins Gericht geflüchtet. »Mein Mann schlägt

mich, er verlangt von mir Dinge im Bett, die ich nicht will, er schließt mich zu Hause ein.« Sie

will eine schnelle Scheidung. Kinder hat sie keine, auch keine Ansprüche, sie will nur weg,

weg, weg. Was danach sein wird, weiß sie noch nicht.

 

»Nur nicht heiraten«, sagt sie und nimmt ihren Stolz zusammen. »Ich will als Hausmädchen

arbeiten, um meinen Eltern die Mitgift zurückzuzahlen.« Aounir kommt aus einem der armen

Vororte von Casablanca. »Meine Eltern sind traurig über die Scheidung, aber einverstanden.«

 

Das war wichtig für sie, denn Mutter und Bruder hatten die Heirat vermittelt und sie dazu

überredet. Der Ehemann ist ihr zehn Jahre älterer Cousin. Das verstößt nicht gegen das neue

Familienrecht, wohl aber ein anderes Detail. Aounir war bei der Hochzeit, die nach neuem

 Recht geschlossen wurde, erst 17 Jahre alt – keine 18, wie es nun vorgeschrieben ist. »Der

Richter«, sagt Aounir, »hat es damals einfach erlaubt.« Saadia Wadah schüttelt den Kopf über

diesen Fall. »Das Familiengesetz ist das eine, Recht bekommen und es durchsetzen das andere.«

Die Schwäche des Gesetzes: Vieles hänge vom Ermessen des Gerichts ab.

 

Im ersten Stock des Familiengerichts hat ein Richter sein Büro. Nach einer kleinen Weile kommt

er aus der Verhandlung, grüßt freundlich, möchte aber anonym bleiben. Seinen Beruf beschreibt

er so: »Ich bin Versöhner und Vermittler.« Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück. »Viele sagen,

mit dem neuen Familienrecht würden wir Richter zu mechanischen Zerstörern der Ehe.« Das

sei eine Verleumdung, antwortet er. Seit der Einführung des neuen Rechts sei die Zahl der

Scheidungen sogar zurückgegangen. Die Richter bemühten sich oft, die Ehe zu retten, erst

wenn nichts mehr ginge, käme die Scheidung. Zweifelt er manchmal an seinen Urteilen?

»Ich bin dreißig Jahre im Metier«, sagt der Richter. »Ich entscheide schnell und richtig,

glauben Sie mir.« Mit dieser Antwort ist das Gespräch auch schon zu Ende.

 

Das neue Recht hat die Richter keineswegs verunsichert. Im Gegenteil, ihre Stellung ist

stärker als zuvor. Insofern könnten Familienstreitigkeiten auch Glückssache sein, meint

Saadia Wadah. »Hat die Frau einen guten Richter, bekommt sie ihr Recht.« Keine Chance

hat sie, wenn der Richter eine Schwäche für Geld hat. So fallen Entscheidungen nicht selten

zugunsten des zahlungskräftigeren Mandanten aus. Die Bestechung ist nur selten nachweisbar.

 

Wenig Aussichten haben Frauen auch, wenn sie an sehr konservative oder islamistische Richter

geraten. »Die nehmen weniger Geld, dafür haben sie aber gegen Polygamie oder Heirat von

Minderjährigen kaum etwas einzuwenden«, sagt Saadia Wadah. Deshalb brauche Marokko

dringend eine bessere Ausbildung der Richter. Denn es sei schwer, gegen deren Entscheidungen

Berufung einzulegen. »Und da, wo etwas zu machen ist, beginnt meine Arbeit.«

 

»Glauben Sie mir«, sagt der Richter, ich entscheide schnell und richtig«

Hier endet die Führung der Anwältin durch die neue Welt der Moudawana. Sie muss in eine

Verhandlung, verabschiedet sich mit einem festen Händedruck und verschwindet in einem

Saal des Familiengerichts von Casablanca-Habouz.

 

Von der Metropole fährt man in etwa neunzig Minuten nach Salé, das auch am Atlantik liegt.

Casa, wie seine Bewohner es nennen, ist der urbane Moloch Marokkos – dagegen wirkt die

ehemalige Piratenstadt Salé wie das Museum einer Zeit, die nicht vergehen will. Im Zentrum von

Casa machen Banker, Reeder und Großhändler ihre Geschäfte, in den Gassen von Salé handeln

die Marketender, die Korbflechter, die Bauern. Casa hat einen Hafen, in den die Welt kommt,

Salé hat Gerbereien und Wollfärbereien, die nur findet, wer in die winkligen Höfe vordringt.

In Casa steht die größte Moschee der Welt, ein Koloss aus Marmor und Hybris am Atlantik,

 in Salé besuchen alte Frauen das Sufi-Heiligtum von Sidi Ahmed Benashir, ein Katzenasyl

mit geduckten Mauern und Wänden voller Kerzenwachs.

 

Was bedeutet das neue Familienrecht in einem Ort wie Salé? »Bitte treten Sie doch zur Seite!«

Eine Frau in weitem buntem Kleid schafft Platz für den nachfolgenden Anhang. Männer tragen

eine Sänfte, darin sitzt ein Baby auf einem mit rotem Samt ausgeschlagenen Sessel – nicht der

Thronfolger von Mohammed VI., sondern ein gerade beschnittener Zweijähriger. Unter

Bonbonregen und Getöse bahnt sich die Beschneidungskarawane ihren Weg durch die Straßen

von Salé.

 

Es hagelt Glückwünsche von allen Seiten, bis die Großfamilie das Ziel erreicht hat, den

souk de la laine, den Wollmarkt. Zwischen Knäueln von Knallrot, Violett und Froschgrün

trinkt man hier frisch gepresste Säfte. Im Gewühl vermischt sich das traditionelle Salé mit

dem modernen Salé. Neben Kopftuchfrauen flanieren junge Mädchen in kurzen Röcken,

zeigen ihre bloßen Beine und die offenen Haare. Manche behutsam, manche derb geschminkt,

stehen sie da und kommen ganz ohne Vermittlung irgendeines Onkels aus, um einen jungen

Mann kennenzulernen.

 

Noureddin verweilt hier gern stundenlang und guckt. Das ist Vergnügen und Arbeit zugleich.

Er hat mehrere Jobs, er handelt, er fährt Waren aus, und manchmal führt er Touristen durch die

Altstadt. Seinen wachen Augen entgeht nichts, alle zehn Minuten klemmt er sich eine Zigarette

zwischen die ultrakurz geschnittenen Fingernägel. Der 28-Jährige muss aufmerksam sein, denn

er muss für die Mutter mitsorgen. Er bringt ihr jeden Tag Milch und Butter nach Hause,

manchmal auch Geld. Er wohnt heute allein in dem Zimmer, in dem er mit seinen vier Geschwistern

aufgewachsen ist. Das Singledasein hat er mühsam schätzen gelernt.

 

»Vor einem Jahr hat sich meine Freundin von mir getrennt«, erzählt er. Aurelie war zehn Jahre

älter als er und hatte schon zwei Kinder – von zwei verschiedenen Vätern. »Als ich ihr

irgendwann über war, verließ sie auch mich«, sagt Noureddin und schaut etwas verlegen auf

seine Sandalen. »Bloß gut, dass wir nicht verheiratet waren.« Wegen des neuen Familienrechts?

 

Er zeigt auf ein Lokal am Marktplatz. »Reden wir da weiter.« Im Café Central treffen sich

die Männer, wenn auf dem Markt die Tische hochgeklappt werden. Mehrere liegen auf Teppichen

und spielen Backgammon. Andere stehen am Fenster und schauen unbewegt auf den Platz – für

den Fall, dass irgendetwas passiert. Noureddin sitzt mit Freunden an einem Tisch. Sie trinken

schwarzen Tee mit Minzblättern, sie rauchen und diskutieren.

 

»Schon richtig, wir reden oft über die neue Moudawana«, nimmt Noureddin die Frage auf.

»Unsere Eltern warnen uns davor«, sagt Noureddins Freund, »deshalb Regel Nummer eins

 im Umgang mit Frauen: Alles ist erlaubt außer Heiraten.« »Die Frauen können einfach

abhauen mit der neuen Moudawana«, wirft ein Dritter ein. »Da hatte mein Vater es leichter.

Der ist gegangen und hat alles mitgenommen.«

»Na ja, früher war es auch nicht so simpel. Da fragte man den Mann, wie viele Kamele und

wie viel Land er mit in die Ehe brachte. Heute bringt jeder seine Hälfte ein, egal ob Mann oder Frau.«

»Das ist das Problem: halbe-halbe. Lässt sie sich scheiden, nimmt die Frau von allem die Hälfte mit.«

»Wenn du Geld hast! Hast du keines, ist es sowieso egal.«

»Falsch! Dann kann sie auch noch die Kinder mitnehmen und wohnt in der gemeinsamen

Wohnung. Und der Mann muss ausziehen.«

»Freunde, heiraten muss man sowieso nur auf dem Land. Da lebt man noch etwas rückständig.

Hier in der Stadt«, sagt Noureddins Freund und schaut hinaus auf den Wollmarkt, »kommt man

doch auch so auf seine Kosten.«

»Willst du keine Kinder?«

»Doch, aber ich habe keinen festen Job, um sie zu ernähren.«

»Dann bekommst du vielleicht eine Frau für eine Nacht, aber keine fürs Leben«, sagt Noureddin.

 

Er steht auf, es ist Zeit zu gehen. Noureddin hat das mit dem Job nicht nur so dahingesagt. Seine

jüngere Schwester hat sich gerade nach nur drei Monaten Ehe scheiden lassen. Ihr Mann hatte

eine feste Arbeit und ein kleines Vermögen vorgetäuscht, um sie zu heiraten. Als der Schwindel

aufflog, ging sie zum Scheidungsrichter. Ihr Mann fühlte sich dermaßen blamiert, dass er einfach

verschwand. Dann wurde er in Abwesenheit geschieden und noch zu Schadensersatz verurteilt.

Seine eigenen Rechte im Scheidungsprozess hat niemand vertreten.

 

Hier ist die andere Seite der Moudawana: Viele Männer reden davon, hegen die größten

Befürchtungen, kennen ihre Rechte nicht, bemühen sich aber auch nicht, mehr darüber zu erfahren.

Das ist ein Problem in Salé und eines in ganz Marokko. Jamila Seftaoui, Projektleiterin der

Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Rabat, beschäftigt sich damit. »Viele

Männer glauben, wenn die Frau das Sorgerecht bekommt, dürfen die Väter ihre Kinder nicht

mehr sehen.« Falsch, sagt sie. »Viele Männer denken, nur Väter müssen Unterhalt zahlen, aber

nicht Frauen, die selbst Geld haben.« Auch falsch.

 

Um Eheleute dazu bringen, sich über das Gesetz zu informieren, hat sich die GTZ etwas einfallen

lassen. Sie gibt zusammen mit dem marokkanischen Familienministerium ein Buch heraus, das in

Städten wie Salé und vor allem auf dem Lande mehr Licht ins Labyrinth des Familienrechts

bringen soll. Zwischen Karikaturen, die so manchen kauzigen Brauch, aber nicht den Islam

verlachen, stehen die Gesetzestexte in Kurzform auf Arabisch und Französisch.

 

In den Comics der Aufklärer gucken die Männer dumm aus der Wäsche

In den Karikaturen ist die Frau oft die heitere Person, während der schnauzbärtige Mann dumm

aus der Wäsche guckt. Nicht alle erreicht Jamila Seftaoui damit. »Die Analphabetinnen auf dem

Lande können auch dies nicht lesen.« Und manche Männer wollen es vielleicht gar nicht.

Aufklärung tut also not, darum kümmern sich die GTZ und viele Frauenverbände. Doch

Erklärung kommt auch aus anderer Richtung – von den Islamisten.

 

In Salé hat die halb offizielle spirituelle Bewegung von Scheich Yassine ihre Hochburg. Die

Islamisten sind einflussreich, sie werben vor allem um junge Leute. Einer der Parteigänger von

Scheich Yassine wartet am Treffpunkt, dem Gefängnistor von Salé. Gegenüber führt der Weg

in die engen Straßen eines Neubauviertels. Ein unscheinbares Mietshaus ist das Ziel.

 

In einer hellen Wohnung im ersten Stock öffnet Nadia Yassine die Tür, die Tochter des

hochbetagten, ehrwürdigen Scheichs. Sie trägt eine braune Jacke und eine braune Hose, nicht

zu weit und nicht zu eng. Ihr Kopftuch sitzt locker und lässt das Ohr samt Ohrring frei. Ihre

Augen sind kräftig geschminkt. Nadia Yassine führt in das Diwanijja-Zimmer und bittet, auf

einer gelben Endloscouch Platz zu nehmen. Ein Mann serviert uns marokkanischen Tee.

 

Nadia Yassine ist, wenn sie auch ganz anders aussieht, eine Art Alice Schwarzer der islamistischen

Bewegung. Selbstbewusst, scharfzüngig, nie um das letzte Wort verlegen. Sie kritisiert

amerikanische Politik und ist doch oft auf US-Konferenzen anzutreffen. Sie nutzt die engen

Freiräume der marokkanischen Monarchie und kritisiert als Antimonarchistin gern den König.

Auf einer Konferenz 2005 hat sie das Ende der Monarchie und eine Republik nach iranischem

Muster in Marokko vorhergesagt. Sie will als Frau Politik für Frauen machen, aber sie bemäkelt

nach Kräften die Moudawana.

 

»Der Text ist das eine«, sagt Nadia Yassine, »die Erziehung das andere.« Auf dem Land seien

rund 80 Prozent Analphabeten. »Die neue Freiheit zu leben, von ihr zu profitieren, das ist das

größte Problem vieler Frauen.« Die Hälfte aller marokkanischen Mädchen lebten auf dem Land,

sagt sie. Die hätten nur drei Perspektiven im Leben: als Haushälterin, als Ehefrau oder als

Prostituierte. »Die Frauen auf dem Land brauchen vor allem Schulen, damit ihnen das neue

Gesetz helfen kann.« Nur bessere Erziehung, sagt die Islamistin, könne die Gleichstellung von

Mann und Frau bringen. Mit der Emanzipation der Frau aber tun sich manche Islamisten sehr

schwer. Der Lackmustest ist oft die Frage nach der Polygamie. »Eine Macho-Interpretation des

Korans«, sagt Nadia Yassine abschätzig, auch wenn sie weiß: »In der Prophetenzeit waren

dem Mann bis zu vier Frauen erlaubt.«

 

Sie kritisiert die Moudawana, weil diese der Frau nur die Scheidung nahelegt, wenn sich der Mann

eine zweite Frau nimmt. »Er sollte sie um Erlaubnis fragen müssen.« Denn die Polygamie komplett

zu verbieten, so weit will sie nicht gehen. »Wenn es im Koran steht, kann man es nicht ganz

abschaffen. Mehrehen sollten möglich sein, wenn sie krank wird, wenn sie keine Kinder bekommt.

Aber die Frau muss unbedingt zustimmen.« Das wäre, findet sie, eine Lösung im Einklang mit dem Koran.

 

Nadia Yassine hat vier Töchter im Alter von 19 bis 25 Jahren. Sie selbst ist 48 Jahre alt, beredt,

schnell, klug und wird als mögliche Nachfolgerin des alten Scheichs gehandelt. Ihr Handicap: eine

Frau zu sein. Sind nicht die klassischen Frauenrollen in Marokko eines der größten Hindernisse für

die Gleichberechtigung?

 

»Wir wollen keine Gesellschaft und keine Familie, wo die Frau den Mann spielt und umgekehrt«,

sagt Nadia Yassine. »Der westliche Mann hat doch ein Problem, weil seine Männlichkeit infrage

gestellt wird.« In der islamischen Gesellschaft sei die Frau für das Gefühl zuständig, der Mann für

Disziplin und Kraft. Der Mann sorgt für das materielle, die Frau für das sentimentale Wohlergehen

der Familie. Das stehe zwar genau so nicht im Koran, aber: »Es ist der spirituelle Sinn der Familie.«

 

Klingt sehr traditionell. Kann das der Grund sein, warum Frauen bei den Islamisten so

unterrepräsentiert sind? Nadia Yassine schüttelt den Kopf. »Die Hälfte der Mitglieder unserer

Bewegung sind Frauen. Dreißig Prozent der Schura-Ratsmitglieder sind Frauen, mit steigender

Tendenz. Die Frauen haben ihre Komitees, da entscheiden sie selbst, sie haben ihre eigene

Netzseite.« Aha, man trennt Männer und Frauen wie in Saudi-Arabien? »Es gibt eine Grenze,

ja, aber nicht wie in Saudi-Arabien«, sagt sie. »Wir veranstalten zum Beispiel regelmäßig

Sabbaticals von bis zu zwei Wochen, wo Frauen und Männer sich gemeinsam zur

Meditation zurückziehen.«

 

Das erinnert stark an die neue staatliche Ausbildung islamischer Geistlicher, wo Männer und

Frauen zusammen in einem Lehrgang sitzen. »Der Staat klaut unsere Ideen«, sagt Nadia

Yassine. Die islamistische Bewegung habe längst Lehrerinnen des Islams, die in Moscheen

lehren. Aber ohne Zertifikat. Dann ist es doch gut, wenn der Staat den Islamlehrerinnen eine

anerkannte Ausbildung bietet? »Von mir aus, aber neu ist es nicht. Überzeugen Sie sich

selbst.« Nadia Yassine lädt auch männliche Besucher zu den Seminaren islamistischer Frauen

ein. Verkapselt und sektenhaft zu sein, das ist genau der Eindruck, den die Tochter des

Islamistenscheichs vermeiden möchte. Zum Abschied gibt sie noch ihre Mobilfunknummer

mit auf den Weg. »Rufen Sie uns an!«

 

Von Salé nach Rabat geht es in einem der dreißig Jahre alten Mercedes-Sammeltaxis über

die Brücke des Flusses, der die beiden Städte trennt. Im Zentrum von Rabat gehen die

Familien in der Abenddämmerung auf dem breiten Boulevard spazieren. Vor dem Bahnhof

treffen wir Zinab Hidra wieder. Die Islampredigerin kommt gerade von einer Fahrt aufs

Land zurück. Sie hat in einem Dorf Bauern und Bäuerinnen den Koran und das Familienrecht

erläutert. Das hat einen der Männer so beeindruckt, dass er Zinab Hidra gleich einen

Heiratsantrag gemacht hat. »Das habe ich natürlich abgelehnt.«

 

Zinab Hidra hat keine Kinder, sie ist 30 Jahre alt, also für marokkanische Verhältnisse schon

fast zu alt zum Heiraten. Dabei dürfte sie. »Im Gegensatz zu katholischen Priestern«, sagt sie

gewitzt. »Aber ich will noch nicht.« Sie möchte noch eine Weile Gott und der Lehre dienen.

Hat sie Angst vor der Ehe, vor der Festlegung – oder etwa vor dem Familienrecht?

Sie lacht, nein, nein, es sei nur nicht so einfach mit der Suche. »Unser neues Familienrecht

 ist schon gut, doch noch besser ist, man heiratet den Richtigen und braucht es nie einzuklagen.«

 

DIE ZEIT, 1.2.2007, Nr. 6, S. 15 ff

Quelle: http://www.zeit.de/2007/06/Marokko?page=1