Lohndumping bei der Diakonie in Hessen Nassau

 

»Das Ende der Opferbereitschaft«

 

Demonstration mit 400 Arbeitnehmern aus Kirche und Diakonie – Einstieg von

Gewerkschaft im Gespräch • Von Volker Rahn

 

Vor dem Verlust ihres Jobs durch Ausgliederung sollte das neue Arbeitsrecht der

evangelischen Kirche Beschäftigte am unteren Ende der Lohnskala bewahren. Dabei

verloren sie in Einzelfällen fast die Hälfte ihres Gehalts. Nun protestierten 400

Beschäftigte dagegen. Ist das neue innerkirchliche Tarifsystem gleich beim ersten

großen Konflikt am Ende?

 

Sie kamen mit Plakaten und Trompeten: Rund 400 Beschäftigte der evangelischen Kirche

und des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau forderten am Rande der in Frankfurt

tagenden Synode mehr Lohn in den untersten Gehaltsgruppen. Sie trugen Transparente mit

Aufschriften wie »Nächstenliebe auch für die eigenen Beschäftigten« und »Ausbeutung in

Kirche und Diakonie«. Der Hintergrund des Protests: Die vor eineinhalb Jahren eingeführte

Kirchlich-Diakonische Arbeitsvertragsordnung (KDAVO) hat nach Angaben der

Arbeitnehmervertreter in Einzelfällen das Gehalt von Beschäftigten wie Reinigungskräften oder

Küchenhilfen in den untersten Lohngruppen mit den Bezeichnungen E1 und E2 um fast die

Hälfte reduziert. Jeder Zehnte der 34 000 in Kirche und Diakonie Angestellten sei von

Einbußen bis etwa 400 Euro betroffen. Davon seien 95 Prozent Frauen.

 

Der Aufschrei der kirchlichen Arbeitnehmer hatte offensichtlich Wirkung. Was bisher als

Tabu galt, verkündeten zwei Tage nach dem Protest kirchliche Spitzenvertreter vor Journalisten:

Sie sprachen von einem möglichen Einstieg der Gewerkschaft in die Arbeitsrechtsverhandlungen,

sollte das innerkirchliche System – der sogenannte »Dritte Weg« – nicht in der Lage sein, die

Querelen zu beseitigen.

 

Wie tief der Ärger sitzt, hatte schon unmittelbar nach der Protestkundgebung der Präses des

Kirchensynode, Karl Heinrich Schäfer, deutlich gemacht: »Es hat kirchenpolitische Dimensionen,

wenn wir Beschäftigte in unteren Lohngruppen mies behandeln.« Er forderte die für kirchliche

Tariffragen Verantwortlichen auf, bis zum Sommer Lösungen des seit Monaten bekannten

Problems zu finden. »Ich habe kein Verständnis dafür, dass bisher keine Vorschläge auf dem

Tisch liegen.«

 

Auch der hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker räumte ein, dass es zu

Entwicklungen gekommen sei, die »nicht gut sind«. Er forderte die für Fragen des Arbeitsrechts

zuständige kirchliche Kommission dazu auf, »Wege aufzuzeigen, die aus den entstandenen

Ungerechtigkeiten herausführen«.

 

Nur 48 Stunden später kamen die Gewerkschaften ins Gespräch. Dabei hatten Vertreter der

Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau im Vorfeld der Protestkundgebung noch klar

gemacht, dass sie bei der Eingruppierung von Reinigungskräften und Küchenhilfen hart bleiben

wollten. Allerdings gebe es Überlegungen, für stärker betroffene Mitarbeiter in Kirche und

Diakonie eine Härtefallregelung zu entwickeln. Ob das Gewerkschaftlern genug ist?

 

Nach dem Willen der Arbeitnehmervertreter jedenfalls reichen Ausnahmeregelungen bei

weitem nicht. Sie stellen inzwischen das gesamte Arbeitsrecht in Frage. So bezeichnet der

Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Arbeitnehmervertretungen des Diakonischen Werks

in Hessen und Nassau, Erhard Schleitzer, das geltende innerkirchliche Tarifwerk als »unsozial

und ungerecht«. Problematisch sei vor allem der Abbau von Familienzuschlägen im unteren

Lohnbereich, der besonders allein- erziehende Mütter betreffe und ihnen die »Existenzgrundlage«

entziehe.

 

Das Argument der kirchlichen Arbeitgeber, die Beschäftigten im Niedriglohnsektor vor

Ausgliederungen bewahren zu wollen, hält Schleitzer für unzutreffend. Die Praxis habe gezeigt,

dass geringe Löhne für Fremdfirmen erst verlockend seien, in bestimmte Arbeitsbereiche

einzusteigen. Zudem laufe die Arbeitsplatzgarantie für kirchlich Beschäftigte nach den bestehenden

Abmachungen in zwei Jahren aus.

 

Der Vorsitzende der Gesamtmitarbeitervertretung der hessen-nassauischen Kirche, Peter Stenger,

wirft den Arbeitgebern vor, Versprechungen nicht eingehalten zu haben. So sei bei Abschluss

der neuen Regelungen zugesagt worden, geringverdienende Beschäftigte in höhere Lohngruppen

einzugliedern. Dies sei bisher nicht geschehen. Einsparungen bei den niedrigsten Einkommen seien

zudem nicht vereinbar mit den öffentlichen Aussagen der Kirche zu einer sozialeren Gesellschaft

und gerechteren Arbeitsbedingungen. »Die Kirche kann nicht Wein predigen und ihren Beschäftigten

Wasser geben.«

 

Nach Ansicht der stellvertretenden Vorsitzenden des Verbandes kirchlicher Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter, Sabine Hübner, muss die Kirche die Arbeitsregelungen für die untersten Lohngruppen

zurücknehmen. Die Mitarbeitervertreter hätten angesichts des Kostendrucks im Gesundheitswesen

und schrumpfender Kirchensteuereinnahmen »schweren Herzens« zugestimmt. Dass die

Neuregelungen solch »drastische Auswirkungen« haben könnten, sei nicht absehbar gewesen.

Heute hat sich nach Worten Hübners die Lage der Kirchensteuern und der Kostendruck im

Gesundheitswesen entspannt. »Die Beschäftigten haben genug Opfer gebracht.«

 

Wie ein Fluch

Von Wolfgang Weissgerber

Ein Thema, dass die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) direkt

gar nicht betrifft, hat sich wie ein Schatten über ihre jüngste Tagung in Frankfurt gelegt. Und es

lastet wie ein Fluch auf Kirche und Diakonie insgesamt: die neue Kirchlich-Diakonische

Arbeitsvertragsordnung (KDAVO).

 

Sie regelt die Bezahlung der Beschäftigten von Kirche und Diakonie (sofern diese nicht Pfarrer

oder Kirchenbeamte sind) und hat im Oktober 2005 die Übernahme des jeweiligen

Bundesangestellten-Tarifvertrags (BAT) abgelöst. Der galt als »zu teuer«; auch im öffentlichen

Dienst wurde er weitgehend von einem neuen Tarifwerk ersetzt. Die EKHN und ihr Diakonisches

Werk aber wollten es besser machen als die anderen und die Gehaltssätze von Bund, Ländern

und Gemeinden nicht länger übernehmen. Angesichts des erwarteten Rückgangs bei

Kirchensteuern und Mitgliederzahlen fürchteten sie, sich dies nicht länger leisten zu können.

 

Auch wollten Kirche und Diakonie verhindern, dass angesichts wachsender Konkurrenz

auf dem Sozialmarkt (Pflegedienste, Krankenhäuser, Heime) einfache Tätigkeiten ausgelagert

und dort noch schlechter bezahlt würden, als dies die KDAVO in den unteren Lohngruppen

nun vorsieht. Dass die Einkünfte von Reinigungskräften und Küchenhilfen im Einzelfall aber

fast halbiert wurden, hat von den Beteiligten offensichtlich niemand gesehen.

 

Ein verheerendes öffentliches Echo ist die Folge. Vor zehn Jahren hatte die evangelische

zusammen mit der katholischen Kirche ihr viel beachtetes »Sozialwort« veröffentlicht und darin

gerechte Lebens- und Arbeitsbedingungen angemahnt. Nun wird es ihr um die Ohren geschlagen.

Wie peinlich, wenn die eigenen Leute durch die Straßen ziehen und auf Transparenten über

»Ausbeutung« klagen oder »Gerechtigkeit«, gar »Barmherzigkeit« einfordern. Wie muss es um

die Kirche bestellt sein, wenn sich ihre führenden Repräsentanten – Kirchenpräsident Peter

Steinacker und Präses Karl Heinrich Schäfer – nicht mehr in der Lage sehen, für die Bezahlung

ihrer Beschäftigten öffentlich einzustehen? In welche Erklärungsnöte kommt Diakoniechef

Wolfgang Gern, der gerade zum Vorsitzenden der »Nationalen Armutskonferenz« gewählt wurde?

 

Mit ver.di wär' das nicht passiert. Doch die Dienstleistungsgewerkschaft sitzt nicht mit am Tisch,

wenn die Gehälter in Kirche und Diakonie festgelegt werden. Das geschieht nicht durch

Tarifverhandlungen oder Einzelverträge, sondern auf dem »Dritten Weg« in einer »Arbeitsrechtlichen

Kommission«. Dahinter steckt die Vorstellung einer »Dienstgemeinschaft«, in der alle dasselbe

 wollen und nicht, wie in der Wirtschaft, die Bedürfnisse der Arbeitnehmer mit dem

Rendite-Interesse des Kapitals in Einklang gebracht werden müssen.

 

Das lehnte ver.di (bislang) ab. Im Gegenzug wollten Kirche und Diakonie von Tarifverhandlungen

nichts wissen. Nun bewegen sich wohl beide Seiten. Die Gewerkschaft scheint zu merken, dass

sie mit ihrer Verweigerung Tausenden ihrer Mitgliedern einen Bärendienst erwiesen hat. Zugleich

empfinden Kirche und Diakonie ihren »Dritten Weg« als Sackgasse. Bei schönem Wetter ließ

es sich auf dem Trittbrett des BAT ja aushalten. Am Steuer aber, zumal auf schwieriger Strecke,

wird der Sachverstand erfahrener Tarifexperten schmerzlich vermisst. Der kleine »Verband

Kirchlicher Mitarbeiter«, der gerade erst nur mit Mühe belegen konnte, dass er zu deren Vertretung

überhaupt berechtigt ist, zeigt sich als alleiniger Vertreter der Beschäftigten schlicht überfordert.

 

Gerade wegen ihres Mitgliederschwunds müsste die Kirche bei ver.di übrigens auf Verständnis

für ihre finanzielle Not hoffen dürfen. Die bei ihrer Gründung im Jahr 2001 größte deutsche

Einzelgewerkschaft hat seither selbst ein Fünftel ihrer Mitglieder verloren und liegt nun mit

etwa 2,3 Millionen auf Platz zwei hinter der IG Metall.

 

Quelle: Evangelische Sonntagszeitung, Nr. 18., 6.5.07