Koranauslegung nach philologischen Kriterien
Corpus Coranicum
Die Hochzeit der Philologie
In Potsdam wird intensiv an
einem umfassenden Corpus Coranicum gearbeitet
VON ARNO WIDMANN
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Am Ende der Antike steht der
Traktat des Martianus Capella
"Über die Hochzeit des Merkur mit der
Philologie". Es handelt sich
um einen Versuch einer systematischen Darstellung alles dessen, was man
wissen, und der Methoden, wie man
Wissen erlangen kann.
Es war einer der Texte, der das
europäische Mittelalter immer daran erinnerte, dass Gott eine Hypothese
ist, die man zur Welterkenntnis
nicht braucht. Wie wir wissen, hat das dem christlichen
Glauben über
Jahrhunderte nicht geschadet.
Gleichwohl haben die Gebildeten unter seinen Verächtern sich gerne bei
Martianus Capella darüber aufklären
lassen, wie Urteile zu fällen sind, was also als wahr angesehen
werden darf und was nicht, und sie
haben auch bei ihm nachlesen können, dass die Sonne und nicht
etwa die Erde im Zentrum steht.
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Religionen
stürzen nicht über Tatsachen, geschweige denn über Philologie. Nichts
lächerlicher als die
Vorstellung,
ein historisch-kritischer Kommentar zum Koran könne das islamische
Glaubensgebäude
oder
gar islamistische Regime zum Einsturz bringen.
Dennoch erhob sich, als diese Auffassung in einer
großen
deutschen Tageszeitung geäußert wurde, in der Berlin-Brandenburgischen Akademie
der
Wissenschaften
nicht etwa ein großes Gelächter, sondern man rief zu einer Pressekonferenz.
Dort
erklärte Professor Angelika Neuwirth, die Leiterin
des Projekts "Corpus Coranicum –
Textdokumentation
und historisch-kritischer Kommentar zum Koran", dass es bei diesem auf 18
Jahre
angelegten Projekt
- erste Ergebnisse sollen im Jahre 2009 im Netz zugänglich sein - ganz bestimmt
nicht
um Politik, sondern um Philologie gehe. Es geht darum, die Entstehung und die
Geschichte des
Koran
zu dokumentieren. Bei dieser Arbeit sind alle willkommen: Muslime, Christen,
Juden, Heiden,
Atheisten.
Hauptsache, sie können Verweise, Varianten, irgendetwas, das den Text aufhellt,
klarer
macht,
beisteuern. "Wir sind", erklärte Yousef Kouriyhe den arabischen Fragestellern, "weder Deutsche
noch
Araber, noch Christen, noch Muslime. Wir sind Forscher." Dem fügte er ein
radikal-philologisches
Glaubensbekenntnis
hinzu: "Die Universalität des Textes ist keine Qualität des Textes,
sondern der
Tatsache,
dass Menschen jahrhundertelang und fast überall auf
der Welt mit ihm umgehen. Solange
er
eins mit Gott war, hatte der Text keine Geschichte."
Die
Herausgeber sind klug genug, sich gegen den Begriff "Quelle" zu
stellen. Nicht nur aus philologischer
Akribie
- schließlich gibt es nicht eine Quelle für den Fluss Koran, sondern die ganze
Fülle der religiösen,
politischen,
erzählerischen Überlieferung im Arabien des 7.
Jahrhunderts -, sondern auch aus politischem
Kalkül.
Für den gläubigen Muslim hat der Koran eine einzige Quelle: Gott.
Wenn
die Datenbank erst einmal steht, wird man mit ein, zwei Knopfdrücken feststellen
können, dass
zum
Beispiel die 112. Sure "Sag: Er ist Gott, ein Einziger" überdeutlich
anspielt auf einen der zentralen
Texte
der jüdischen Überlieferung: "Höre Israel! Der Herr ist unser Gott, der
Herr allein". Wer zwei
Sätze
weiter liest, dem entgeht nicht, wie exakt mit den Sätzen "Er hat weder
gezeugt, noch ist er gezeugt
worden
und keiner ist ihm gleich" das niceanische
Glaubensbekenntnis von 325 gekontert wird.
Natürlich
vorausgesetzt, er kennt es. Aber für diese Kenntnis wird die Dokumentation
sorgen.
Ziel,
so erklärten die Bearbeiter, der Dokumentation ist nicht eine Antwort auf die
Frage, ob der Koran
Gotteswort
ist, Ziel ist, ihn einzubetten in die Umwelt, in die er - nach muslimischer
Ansicht - geschickt
wurde.
Die Philologie klärt nicht die Gottesfrage, sie klärt auf über den Text. Sie
ist - so wurden die
Bearbeiter
nicht müde zu erklären - religiös neutral.
Sie
hüteten sich vor dem Wort "indifferent", obwohl es natürlich genau
darum geht. Es geht darum, sich
nicht
vor dem Text zu verneigen, sondern darum, sich über ihn zu beugen, ihm soll
nicht gehorcht, er s
oll
verstanden werden. Er soll nicht verehrt, sondern analysiert werden. Genauer,
man darf ihn ruhig
auch
verehren, solange man ihn analysiert.
Das
ist nichts komplett Neues in der muslimischen Tradition, aber natürlich ist der
philologische Blick
ein
politischer Blick. Je mehr er es ist, desto lauter muss das geleugnet werden.
Darum tun die
Herausgeber
dieses großartigen Projekts gut daran, diese Seite ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit
kleinzuschreiben.
Tatsächlich fällt es ja einem unabhängigen Kopf schwer, sich vorzustellen,
warum
ein
über Milliarden von Lichtjahren gebietender Weltengott sich einen Menschen
herauspickt, dem
einen
Text - sagen wir mal - diktiert, der ausschließlich aus Anspielungen besteht,
die in dessen
jüdisch-christlich-heidnischem
Umfeld kursieren.
Aber
der Glaube ist mit noch viel größeren Herausforderungen fertig geworden als der
einer Philologie,
die
zum Beispiel zeigen könnte, dass ganze Textpassagen aus syrisch-christlichen
Quellen stammen
könnten.
Natürlich beunruhigt die Philologie die gar zu Gewissen, aber sie ist eine
bescheidene Braut.
Sie
will nicht den ganzen Kerl. Sie will nur seine Sprache. Nicht der Körper ihres
Liebsten interessiert
sie,
nicht seine Seele, nicht das, was er tut. Sie begehrt einzig seine Textgestalt.
Das mag den Gemahl
irritieren,
verunsichern, manchmal gar schwächen. Zusetzen tut es ihn nur in den Augen
seiner
intellektuellen Freunde.
Die
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften schreibt mit dem Corpus Coranicum
Wissenschaftsgeschichte.
Auch darum, weil die Dokumentation deutlich machen wird, in welchem
Umfang
der Koran ein spätantikes Buch ist. Und damit bildet die solide Grundlage der
Gegnerschaft
von
Orient und Okzident nicht nur der gemeinsame Urvater Abraham, sondern auch,
dass wir beide
Spaltprodukte
des Zerfalls der antiken Welt sind.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 6.11.07, S. 35