Vor der Deutschlandvisite von Papst Benedikt XVI. kocht ein neuer Konflikt zwischen Amtskirche und katholischen Laien hoch - Zwist um Donum vitae

 

Eine Frage des Gewissens

VON KATHARINA SPERBER

Auf zwei Männer in Deutschland blicken in diesen Tagen wachsame Augen im Vatikan. Der eine, Heinz-Wilhelm Brockmann, ist ein engagierter Katholik. Der andere, Franz-Josef Bode, ist der Bischof von Osnabrück. Wird der Hirte bald ein Exempel statuieren müssen an dem Laien? Noch wiegeln beide ab. Der Sprecher des Bischofs sieht "keinen aktuellen Handlungsbedarf". Und auch Brockmann ist überzeugt, dass er "jetzt nicht irgendwelche Schritte tun muss".

In die ungewollte Frontstellung hat die Männer eine Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zur Schwangerenkonfliktberatung gebracht. Darin werden Gläubige, die im Dienst der Kirche stehen oder in kirchlichen Organisationen Verantwortung tragen, "ersucht", nicht zugleich eine Leitungsfunktion im Beratungsverein "Donum vitae" zu übernehmen. Auf Brockmann aber trifft genau das zu. Er ist Vize-Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und sitzt im Vorstand von "Donum vitae".

Der private Verein, der sich nur aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert, berät Frauen in Schwangerschaftskonflikten und stellt auch Beratungsscheine aus - anders als die Beratungsstellen der Caritas und des Sozialdienstes der Katholischen Frauen. Dieses Stück Papier sorgt für fortwährenden Streit unter den Katholiken, seit der deutsche Gesetzgeber 1995 festgelegt hat, eine Abtreibung ist rechtswidrig, bleibt aber straffrei, sofern sich die Frau beraten lässt und dies belegen kann. Auf Druck des Papstes verboten die Bischöfe 2000 den katholischen Beratungsstellen diesen Nachweis auszustellen. In der Laienbewegung jedoch gab es eine große Gruppe, die Barmherzigkeit mit ungewollt Schwangeren walten lassen wollte. Sie gründeten "Donum vitae", weil sie davon überzeugt sind, so Frauen in Not besser helfen zu können.

Welches Amt wird Brockmann nun aufgeben? "Keins", sagt er. Er habe sich die Entscheidung ehrenamtlich für "Donum vitae" zu arbeiten, nicht leicht gemacht. Revidieren könne er sie nicht. "Es gehört zu den besten Traditionen meiner Kirche, dass der Katholik im Zweifel seinem Gewissen gehorchen und seinen Überzeugungen treu bleiben muss. Egal wer anderes von ihm verlangt."

Das sieht eine kleine, aber äußerst umtriebige Gruppe selbst ernannter Lebensschützer um den Osnabrücker Sozialwissenschaftler Manfred Spieker ganz anders. Seit Jahren bestürmen sie den Vatikan, all jene Laien zum Gehorsam zu zwingen, die sich noch immer an der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung beteiligen. Beratungsscheine nennt Spieker "Tötungslizenzen". Waschkörbeweise schicken sie Briefe nach Rom und geben keine Ruhe.

Sie stoßen im Vatikan nicht auf taube Ohren. Papst Benedikt XVI. hatte sich schon als oberster Glaubenshüter gegen die deutsche Rechtsregel gewandt. In drei Monaten will der Papst nun Deutschland besuchen. Möglich, dass er vor seiner Fahrt nach Bayern endlich Ordnung schaffen wollte und die Bischöfe drängte, ihre Erklärung abzugeben.

Vielleicht hat es aber gar nicht großen Drucks bedurft. Denn im Herbst müssen die deutschen Bischöfe zum Rapport in Rom antreten. Dann steht die alle fünf Jahre fällige "Ad limina" an, bei der die Diözesen ihre Arbeit vor der römischen Kurie bilanzieren müssen. Da macht es sich gut, wenn man keine Problemfälle im Gepäck hat. In der Bischofkonferenz jedenfalls heißt es, mit der jüngsten Erklärung sei das leidige Thema Schwangerenkonfliktberatung "einmütig und abschließend" behandelt. Nur der Bischof von Osnabrück hat nun ein Problem: Wie soll er Brockmann behandeln? Diesen aufrechten Christen, der soeben ins Leitungsteam für den Katholikentag 2008 in Osnabrück berufen wurde, der seinen Glauben fröhlich und offen bekennt.

Der Bischof vermeidet laute Töne und sein Sprecher betreibt Filigranexegese der Erklärung. Die Oberhirten hätten die Gläubigen "ersucht" und nicht aufgefordert oder befohlen, auf ein Mitwirken bei "Donum vitae" zu verzichten, wenn sie in der Kirche haupt- oder ehrenamtlich arbeiten. Sie hätten außerdem darum gebeten, keine Aufgaben bei dem umstrittenen Verein zu übernehmen. Was sich ja nicht unbedingt auf Ämter beziehe, die man schon übernommen habe. Falls sich Brockmann aber erneut nominieren lasse, dann müsse "man miteinander reden". Das kann dauern, denn er wurde erst 2005 für fünf Jahre in den "Donum vitae"-Vorstand gewählt.

Ob diese ausgefeilten Interpretationen den "Lebensschützern" reichen werden, darf man bezweifeln. Sie halten den Konflikt schon lange am Kochen. Und im Vatikan haben sie mit dem neuen Vorsitzenden der Glaubenskongregation zumindest einen willigen Zuhörer gefunden. Erzbischofs William J. Levada kommt aus den USA. Dort stehen sich Abtreibungsgegner und -befürworter unversöhnlich gegenüber. Eine komplizierte Regel, wie sie das deutsche Recht vorschreibt, passt nicht in dieses Schwarz-Weiß-Schema.

 

3.7.06

Frankfurter Rundschau, S. 3

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/hintergrund/?em_cnt=919355&sid=8d5494f64fc56babff91cda8ccc4f03d