Offener Konflikt zwischen den Kardinälen Meisner und Lehmann
über Neuausrichtung des Katholikentags

Bonn, 2.7.2004 -  Die innerkirchliche Debatte über die Bewertung des 95.
Deutschen Katholikentages vom 17. bis 20. Juni in Ulm hat sich zu einem
offenen Konflikt zwischen den Kardinälen Joachim Meisner (Köln) und Karl
Lehmann (Mainz) ausgeweitet. Meisner fordert eine "Neuausrichtung" der vom
Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) veranstalteten Laientreffen,
in denen er ein Forum für Kirchenkritiker sieht. Unverständnis äußert er
über das Verhalten von Lehmann, der als Vorsitzender der Deutschen
Bischofskonferenz in Ulm zugegen war und mit dem vom Papst geregelten
Tübinger Theologen Hans Küng diskutiert hatte (WELT vom 21. Juni).

In einem Beitrag für die Kölner Kirchenzeitung stellt sich Kardinal Meisner
auf die Seite des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick, der wegen seiner
Kritik an dem Katholikentag - "ein Debattierklub", der zur
Orientierungslosigkeit beitrage - von Lehmann und dem ZdK-Präsidenten Hans
Joachim Meyer kritisiert worden war. Meisner nimmt vor allem Anstoß an der
Präsenz des 1991 vom Priesteramt suspendierten Paderborner Theologen
Drewermann, der in Ulm scharf mit Rom, dem Zölibat und dem kirchlichen
Amtsverständnis ins Gericht ging, und des ebenfalls gemaßregelten
französischen Bischofs Jacques Gaillot. "Prädestiniert Unkirchliches dazu,
zum Katholikentag eingeladen zu werden?" fragt der Kardinal.

Aus seinen weiteren Ausführungen wird jedoch deutlich, dass seine Kritik
noch mehr dem Disput zwischen Lehmann und Küng gilt. Der weltbekannte
Tübinger Ökumenefachmann, von Lehmann mit "lieber Hans" angeredet, hatte
während des viel beachteten Podiumsgesprächs seine Hoffnung ausgedrückt,
dass auf Papst Johannes Paul II. ein "Johannes XXIV.", ein neuer
Konzilspapst, folgen werde. Dass Kardinal Lehmann, "der von diesem Papst in
das Kardinalkollegium berufen wurde", darauf keine Antwort gefunden habe,
mache nachdenklich, schreibt Meisner. Die Schatten über dem Ulmer Treffen
seien nicht zu übersehen.

Es ist nicht die erste Meisner-Kritik an Lehmann. Schon nach dem von Lehmann
gelobten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin war es zu einer öffentlichen
Kontroverse gekommen. Auch damals spielte die befürchtete
"Orientierungslosigkeit" und "Glaubensverwirrung" eine Rolle. Dass der
Kölner Erzbischof nun in verklausulierter Form meint, den Vorsitzenden des
deutschen Episkopats an seine Treue gegenüber dem Papst erinnern zu müssen,
gibt der Auseinandersetzung allerdings zusätzliche Brisanz. Und ein weiteres
fällt auf: Erst am vergangenen Mittwoch hatte ein Initiativkreis, zu dem
sich traditionalistische Priester und Laien zusammengeschlossen haben, von
den deutschen Bischöfen ein Nachdenken über die Form künftiger
Katholikentage verlangt und sich kritisch gegenüber weiteren Ökumenischen
Kirchentagen positioniert. Dieser Kreis hat prominente Sympathisanten: neben
den Kardinälen Joachim Meisner und Leo Scheffczyk zum Beispiel Erzbischof
Ludwig Schick und die Bischöfe Gerhard Ludwig Müller (Regensburg), Walter
Mixa (Eichstätt) und Anton Schlembach (Speyer).

ZdK und Evangelischer Kirchentag beraten gegenwärtig über Ort und Zeit eines
Zweiten Ökumenischen Kirchentages. Er wird wohl, geht es nach ZdK-Präsident
Meyer, eher 2010 als, wie von evangelischer Seite favorisiert, schon 2008
stattfinden. In Ulm hatte Kurienkardinal Walter Kasper dazu aufgerufen, die
"Fundamente der ökumenischen Bewegung" zu sichern. Kasper warnte zum einen
vor einem "Wischi-Waschi-Ökumenismus", zum andern wandte er sich gegen eine
"klerikalistisch-integralistische Utopie", die meine, die Probleme durch
möglichst viele Verbotsschilder regeln zu können - eine Anspielung auch auf
deutsche Bischöfe, die in einer ökumenischen Offenheit, wie sie Kardinal
Lehmann praktiziert, gleich die Gefahr einer Protestantisierung ihres
Glaubens sehen. (Gernot Facius)

Aus: DIE WELT, 2.7.2004
Quelle: http://www.welt.de/data/2004/07/02/299523.html