Eine Konferenz höchster muslimischer Theologen ächtet

weibliche Genitalverstümmelung

und erklärt sie als mit dem Islam unvereinbar. Kleine Revolution in Kairo:

................

 

Täglich werden etwa 6000 Mädchen Opfer der Genitalverstümmelung. Nach Schätzungen der

Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind zwischen 100 und 140 Millionen Frauen weltweit

beschnitten; jedes Jahr kommen rund zwei Millionen hinzu. Die meisten beschnittenen Frauen

 leben in 28 afrikanischen Ländern, aber auch in Asien und dem Nahen Osten. In

Entwicklungsländern wie Äthiopien, dem Sudan, Dschibuti, Somalia und Sierra Leone sind

nach Angaben von Unicef mindestens 90 Prozent aller Frauen beschnitten, im Irak, in Iran

und Saudi-Arabien liegt die Rate bei fast null Prozent.

 

Dabei werden von der WHO vier Formen der Genitalverstümmelung unterschieden:

·                     Typ I, "Sunna": Exzision der Vorhaut mit der ganzen oder einem Teil der Klitoris,

·                     Typ II, "Exzision": Entfernung der Klitoris mit der partiellen oder völligen Entfernung

 der kleinen Labien,

·                     Typ III, "Infibulation": Entfernung der ganzen oder eines Teils der äußeren Genitalien

  und Zunähen des Orificium vaginae bis auf eine minimale Öffnung,

·                     Typ IV: diverse andere Praktiken, beispielsweise Punktion, Piercing, Einschnitt und

 Einriss der Klitoris.

 

Bei der Infibulation, der sogenannten Pharaonischen Verstümmelung, wie sie Fatima erleiden

musste, stirbt jedes dritte Kind.

 

Seit Jahrtausenden werden Frauen beschnitten. Der Brauch hat sich tief in das Denken der

Menschen eingebrannt. Frauen werden, ja müssen beschnitten werden, fordert die Tradition.

Und oft sind es die Frauen selbst, die dieses Ritual fortsetzen wollen, zum Beispiel, um das s

exuelle Verlangen der Mädchen zu unterbinden. Denn ein unbeschnittenes Mädchen gilt

vielerorts auf dem Heiratsmarkt als unvermittelbar. Schließlich ist es "unrein" und "unverschlossen".

 

Oft werden auch religiöse Gründe für die Beschneidung angegeben. Dabei gibt es keine

religiöse Rechtfertigung dafür, weder im Christentum noch im Islam.

 

Doch um diese schreckliche Praxis zu bannen, ist eine scharfe Verurteilung durch religiöse und

 moralische Führer erforderlich. Deshalb kommt es einer kleinen Revolution gleich, was in der

vorvergangenen Woche in Kairo geschah.

 

Zwei Tage lang diskutierten muslimische Gelehrte mit Wissenschaftlern aus Deutschland, Afrika

und dem Nahen Osten über die weibliche Genitalverstümmelung. Das Ziel: jede Form dieser

Beschneidung als unvereinbar mit der Ethik der Weltreligion Islam zu erklären.

...................

Mit der Konferenz, die unter der Schirmherrschaft des ägyptischen Großmuftis Ali Dschumaa

an der Azhar-Universität stattfand, der wichtigsten Hochschule der islamischen Welt, ist er

seinem Ziel näher gekommen.

 

Zahlreiche wichtige muslimische Gelehrte waren gekommen. Der ägyptische Minister für

religiöse Stiftungen, Mahmud Hamdi Saksuk, verurteilte die Praxis ebenso wie der Groß-

Scheich der Azhar-Universität, Mohammed Sajjid Tantawi. Sogar der berühmt-berüchtigte

ägyptische Rechtsgelehrte und Publizist Jussuf al-Kardawi, der durch seine Kommentare im

Fernsehsender al-Dschasira große Popularität im Nahen Osten genießt, war in Kairo dabei.

 

Kardawi machte seinem Ruf als Hardliner alle Ehre, indem er zuallererst nicht die

Verstümmelung kritisierte, sondern die Tatsache, dass die Konferenz von einer ausländischen

Institution finanziert wurde. Außerdem monierte er, dass der Titel, nämlich das "Verbot der

Verstümmelung des weiblichen Körpers durch Beschneidung", voreingenommen sei. "Das

ist eine Vorwegnahme", wetterte der Scheich.

 

Doch nach reichlichem Hin und Her fasste auch er zusammen, dass der Koran besagt, es

sei verboten, Gottes Kreatur zu verstümmeln. "Wir sind auf der Seite derjenigen, die

diese Praxis verbieten." Mit einer Einschränkung allerdings: Das letzte Wort sollten die

Mediziner haben.

 

Frauenrechtlerinnen ging das nicht weit genug. Die Sonderbotschafterin der Präsidentengattin

und Vorsitzende des Nationalen Rates für Kindheit und Mutterschaft, Muschira Chattab,

forderte die Rechtsgelehrten auf, eindeutig gegen das Beschneiden Partei zu ergreifen. Dann

wandte sie sich direkt an Kardawi. "Sie sollten es nicht den Ärzten überlassen, diese Praxis

zu verurteilen."

 

Dass es keine medizinische Rechtfertigung für die weibliche Genitalverstümmelung gibt, darüber

waren sich alle anwesenden Mediziner einig. "Absolutes Unverständnis" äußerte Heribert Kentenich,

Chefarzt der Frauenklinik an den DRK-Krankenhäusern in Berlin über die Tatsache, dass in

Ägypten mittlerweile 75 Prozent der Beschneidungen von Ärzten vorgenommen werden. "Dass

sich die Ärzte daran bereichern, ist für mich fast das Erschreckendste." Zwar soll die

Beschneidungsrate in Ägypten von 97 auf mittlerweile etwa 50 Prozent gefallen sein - damit

geht es jährlich aber immer noch um rund 400.000 Mädchen. "Die Medikalisierung der

weiblichen Genitalverstümmelung führt zu einer Verharmlosung", glaubt Kentenich.

 

Zu den unmittelbaren Folgen gehören unter anderem Blutungen, aber auch starke Schmerzen

und Angst, die zu einem Trauma führen können. Außerdem kann es zu Infektionen der

Harnwege, der Gebärmutter, der Eileiter und der Eierstöcke kommen. Tetanusinfektionen,

Wundbrand oder eine Blutvergiftung können sogar zum Tode führen. Außerdem leiden vor

 allem Frauen, die pharaonisch verstümmelt wurden, während der Menstruation unter

erhöhten Schmerzen; oft sammelt sich das Blut in der Scheide, weil die Öffnung nicht mehr

genug Platz zum Abfließen bietet. Verstümmelte Frauen haben zudem ein erhöhtes Risiko,

 sich mit dem HI-Virus zu infizieren.

 

Jeder Geschlechtsverkehr bereitet ihnen Schmerzen. Um überhaupt penetrieren zu können,

öffnen die Männer ihre Frauen oft mit Gewalt. Wenn dafür ihre Männlichkeit nicht reicht,

wird ein Messer zur Hilfe geholt. Auch in der Schwangerschaft kann es zu Problemen

kommen, und Mutter und Kind tragen ein erhöhtes Risiko, im Verlauf der Geburt zu sterben.

 

Eine religiöse Rechtfertigung für diese Praxis gibt es nicht. Alle drei großen monotheistischen

Weltreligionen sehen im Menschen die perfekte Schöpfung des Allmächtigen, der kein

Schaden zugefügt werden darf. Im Koran, Sure 95, Vers 4 heißt es: "Wir haben den

Menschen in schönstem Ebenmaß erschaffen." Und nicht nur das. Im Islam sollen Mann und

Frau sexuelle Erfüllung erfahren, und es ist eine eheliche Pflicht für den Mann, seine Frau zu

befriedigen. Bei einer beschnittenen Frau ist das fast unmöglich.

 

Zwar herrschte auf der Konferenz weitgehendes Einvernehmen über diese Tatsachen. Es

meldeten sich aber immer wieder Männer zu Wort, die Beschneidung als etablierten Brauch

verteidigten. "Unsere Frauen sind seit Jahrtausenden beschnitten, und nie haben sie sich

beschwert", erregte sich ein älterer Herr im Publikum lautstark. Die Konferenz sei eine

westliche Verschwörung. Und Bilder von Beschneidungen zu zeigen, sei ein Verbrechen.

 

Die Wissenschaftler und Gelehrten dagegen erklärten die Genitalbeschneidung zu einer

vererbten Unsitte ohne textliche Grundlage in den Offenbarungsbüchern. Sie forderten die

Parlamente auf, ein Gesetz zu erlassen, welches die Genitalverstümmelung als Verbrechen

deklariert.

 

Einen Tag später versah der Großmufti von Ägypten diesen Beschluss mit seiner Unterschrift.

Er glaube fest daran, dass der Kampf gegen die Unsitte Erfolg haben werde, erklärte

Ali Dschumaa. Für Muslime sind die von Gelehrten erlassenen Rechtsgutachten eine wichtige

Handlungsgrundlage.

 

4.12.06

Nach: Spiegel Online

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,452824,00.html