Kommentar zur Papstreise in die Türkei

Der richtige Ton

VON GERD HÖHLER

Es sollte eine pastorale Reise werden. Der Brückenschlag zu den 300 Millionen orthodoxen

Christen, deren Ehrenoberhaupt Bartholomäus I. in Istanbul residiert, dem alten Konstantinopel,

war ursprünglich das Hauptanliegen. Doch seit der Regensburger Rede Benedikts hat sich das

Thema gewandelt: nun steht der Konflikt zwischen christlicher und islamischer Welt im

Mittelpunkt des päpstlichen Türkei-Besuchs. Angesichts der Proteste, die Benedikt mit

seinem islamkritischen Zitat in vielen Ländern auslöste, meinten gerade in der Türkei manche,

der Papst solle den Besuch besser absagen. Aus heutiger Sicht darf man froh sein, dass er

stattgefunden hat. Nicht, weil der Brückenschlag zum Islam bereits geglückt wäre. Sondern

weil die Papstreise in die Türkei die Möglichkeiten, aber auch die Schwierigkeiten des

Dialogs zwischen den beiden Religionen deutlich gemacht hat.

 

Auch Benedikt dürfte froh sein, die Reise angetreten zu haben. Für ihn war sie eine wichtige

Station auf dem schwierigen Weg vom Theologieprofessor zum Kirchenführer. Fast tastend

waren die ersten Schritte des Papstes in Ankara. Aber er wuchs mehr und mehr in die Rolle

des Kirchendiplomaten hinein. Die Herzen der Türken hat er sicher noch nicht erobert, aber

er hat den Respekt vieler gewonnen und manche Feindseligkeit überwinden können - nicht

zuletzt durch sein wie auch immer formuliertes Wohlwollen gegenüber der EU-Bewerbung

der Türkei. Kardinal Ratzinger hatte da noch anders geklungen. Nachdem türkische Medien

Benedikt deswegen schon bei seiner Wahl als "Feind der Türkei" abstempelten und viele

Türken ihn nach seiner Regensburger Rede zum Teufel wünschten, grenzt das überwiegend

positive Echo auf seinen Besuch schon an ein Wunder.

 

Zur Euphorie besteht aber kein Anlass. Wie konfliktgeladen das Verhältnis zwischen

Christen und Muslimen bleibt, auch das zeigte sich beim Papst-Besuch. Der Chef der

staatlichen islamischen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, bereitete Benedikt einen

betont kühlen Empfang. Das war nicht anders zu erwarten. Noch im September hatte

Bardakoglu den Besuch des Papstes "nutzlos" genannt und ihm vorgeworfen, er wolle den

"Geist der Kreuzzüge" aufleben lassen. Das mag man als Zornesreaktion auf die Regensburger

Rede übergehen. Bedenklich stimmt aber, was Bardakoglu jetzt zum interreligiösen

Dialog darlegte: über das Thema Gewalt soll nicht gesprochen werden, das bleibt

ein Tabu. Ein merkwürdiges Ansinnen. Dürfte man nicht erwarten, dass gerade Muslimen

daran gelegen sein muss, angesichts der weltweiten Welle religiös verbrämten Terrors diese

Frage zu diskutieren? Auch klang Bardakoglus offensichtlich an den Papst gerichteter Vorwurf,

er wolle "die Überlegenheit der eigenen Religion herausstellen", deplatziert. Benedikt ließ sich

nicht irritieren. Er betonte fast beschwörend die Gemeinsamkeiten zwischen Christen und

Muslimen. Anders als bei der Regensburger Rede traf der Papst diesmal genau den richtigen Ton.

 

Davon hoffen nicht zuletzt die Christen in der Türkei zu profitieren, eine bedrängte Minderheit.

Ausgerechnet während des Papst-Besuchs annullierte Staatspräsident Sezer eine

Gesetzesänderung, die den christlichen Kirchen Hoffnung auf die Rückgabe einiger

ihrer willkürlich vom Staat enteigneten Liegenschaften machte. Sezers Veto ist kein gutes

Signal. Die Eiszeit, die sich wegen des Streits um Zypern in den Beziehungen der Türkei zur EU

anzubahnen scheint, wird den christlichen Minderheiten ebenfalls nicht helfen. Auch der Papst,

der noch als Kardinal Ratzinger von einer europäischen Perspektive der Türkei nichts wissen

wollte, scheint inzwischen zu sehen, wie wichtig es ist, dem Land die Tür Europas nicht zuzuschlagen

 

Frankfurter Rundschau 1.12.06

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare_aus_der_zeitung/?em_cnt=1021395