Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Deutschen und Ausländern wächst.
Feindselige Einstellungen
nehmen zu
Die gespaltene Gesellschaft
Eine Studie der Universität Bielefeld:
Von Wilhelm Heitmeyer
I. Wohin treibt die Bundesrepublik? Von unten gab es monatelange Proteste gegen Einsparungen
am Sozialhaushalt und Arbeitslosengeld, bei weiter dramatisch hoher
Arbeitslosigkeit; von oben wird eine Debatte über Werte sowie eine
deutsche oder christliche »Leitkultur« wiederbelebt.
Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Tendenz, die sich seit einigen
Jahren abzeichnet, zusätzliche Dramatik: Waren 2002 schon 55 Prozent, so sind
in 2004 inzwischen 60 Prozent der Auffassung, dass hier zu viele Ausländer
leben. 36 Prozent meinen im Jahr 2004, dass Ausländer in ihre Heimat
zurückgeschickt werden sollen, wenn die Arbeitsplätze knapp werden, 2002
dachten 28 Prozent so. Das ist kein politisches Randphänomen: Dieser Anstieg
geht besonders auf Personen zurück, die sich selbst der politischen Mitte
zuordnen. In der Mitte der Gesellschaft verschieben sich die Normalitäten.
So stieg auch die Zahl derjenigen spürbar, die dem Urteil
widersprechen, der Islam habe eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht,
nämlich von fast 37 im Jahr 2003 auf 44 Prozent in diesem Jahr. Die Ansicht,
dass die muslimische Kultur in die westliche Welt passe, lehnten 2003 bereits
fast 66 Prozent ab, auch diese ohnehin hohe Zahl ist auf inzwischen knapp 70
Prozent gestiegen.
Parallel dazu verändert sich die Desintegrationsqualität. Von 2002
bis 2004 ist die Erwartung, die eigene wirtschaftliche Situation werde sich
verschlechtern, von fast 24 auf über 40 Prozent gestiegen. Damit
korrespondieren ähnliche Entwicklungen wie die Angst vor Arbeitslosigkeit.
Dies sind Ergebnisse einer auf zehn Jahre angelegten Dauerbeobachtung dieser Gesellschaft im Hinblick auf den Umgang mit schwachen Gruppen. Drei Spaltungslinien lassen sich aus unseren empirischen Befunden ablesen. Eine drückt sich sozial aus: Die Kluft zwischen oben und unten wird größer. Ein zweiter Spalt zeigt sich politisch-geografisch, also in den mentalen Entwicklungen zwischen Ostdeutschen einerseits und Westdeutschen andererseits. Schließlich die zunehmende, mittlerweile unübersehbare ethnisch-kulturelle Spaltung zwischen Mehrheit und muslimischer Minderheit.
Solche wachsenden Spaltungen führen unter anderem zu dem
galoppierenden Vertrauensverlust gegenüber Politikern und demokratischen
Institutionen. Die sozialen Desintegrationsprozesse haben ebenfalls Folgen: Es
wachsen feindselige Mentalitäten, die sich gegen schwache Gruppen richten, die
– soweit sie artikulations- und mobilisierungsfähig sind – ihrerseits mit
Abwehr, Distanz, Rückzug oder aufgrund ihrer schwachen Position meist mit
verdeckten Aggressionen reagieren.
II. Unsere Zwischenbilanz nach
dreijähriger Beobachtung der »deutschen Zustände« zeigt, dass die humane
Qualität dieser Gesellschaft vor schwerwiegenden Belastungen steht. Diese
»menschliche« Seite erkennt man nicht an Ethikdebatten in Feuilletons
meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern am Umgang mit
schwachen Gruppen. Der kann sich in vielen Facetten ausdrücken: ökonomische
Umverteilungen von unten nach oben, Entfernungen von »Entbehrlichen« aus dem
öffentlichen »Verkaufsraum«, Generalverdächtigungen gegenüber den Lebensstilen
oder religiösen Überzeugungen ganzer Gruppen. Zum Teil werden Gruppen gegen
andere instrumentalisiert oder als Bedrohungspotenzial auf die öffentliche
Tagesordnung gehoben, zurzeit sind das »die« Muslime. Eine andere Variante
besteht darin, die Situation schwacher Gruppen gar nicht erst zu thematisieren,
sie also aus der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion auszuschließen, zu
vergessen.
Grundsätzlich gesagt: Aktuell droht die Gefahr, dass sich die
Ungleichwertigkeit von Gruppen verschärft und damit auch von einzelnen
Menschen, die ihnen angehören. Die Sicherheit ihrer physischen und psychischen
Integrität ist gefährdet, die ihnen ein Leben in Anerkennung und möglichst frei
von Angst ermöglicht.
III. Was bedeutet dies in einer Zeit, in der die Gesellschaft ebenso rasant wie rigoros umgebaut wird, mitsamt den vielen noch nicht abzuschätzenden Folgewirkungen? Verändern sich dadurch nicht nur die Lebensumstände, sondern auch die
Mentalitäten? Unsere Befunde zum Syndrom von
Menschenfeindlichkeit, durch die Personen allein aufgrund ihrer
Gruppenzugehörigkeit zu Zielen von Abwertungen und Diskriminierungen werden,
zeigen: Klassische Formen des Rassismus nehmen auf niedrigem Niveau zwar ab,
aber zugleich beruft sich eine steigende Zahl von Menschen auf Etabliertenvorrechte,
also Vorrechte derjenigen, die schon immer hier lebten. Trotz rechtlicher
Verbesserungen wird homosexuellen Lebensweisen mit zunehmenden
Aversionen begegnet. Immer häufiger wird gefordert, die Obdachlosen
aus dem Stadtbild zu entfernen. Nicht zuletzt spiegeln sich diese veränderten
Mentalitäten im Antisemitismus wider: In seinen klassischen Varianten
hat er sich auf dem Niveau von rund 20 Prozent, ohnehin erschreckend, kaum
verändert; aber die »Umwegkommunikationen«, welche über die Kritik an der
israelischen Politik in antisemitische Ressentiments einmünden, deuten auf ein
enormes Ausmaß hin, und zwar in allen Bevölkerungsschichten. So stimmen mehr
als 50 Prozent einem Vergleich der Politik des Nazi-Regimes gegenüber den Juden
mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern zu.
Vor allem aber ändert sich das Verhältnis zur muslimischen
Minderheit: Die Islamophobie nimmt zu. Es wachsen die
Überfremdungsängste. Man geht auf Distanz. Inzwischen können sich fast 58
Prozent nicht vorstellen, in einem Stadtviertel zu wohnen, in dem viele Muslime
leben. Soziale Desintegration, insbesondere Ausgrenzung und
Selbstethnisierung, also Rückzug von Migranten in abgeschlossene eigene Welten,
wirken riskant zusammen. Schon vor mehreren Jahren hatten wir auf diese
Problemmischung hingewiesen, damals begleitet von massiven Abwehrreaktionen in
Politik und Gesellschaft. Die feindseligen Mentalitäten in der
Mehrheitsgesellschaft sowie verlockender Fundamentalismus: beides zusammen
verweist auf eine ethnisch-kulturell gespaltene Gesellschaft. Wir nehmen an,
dass sich dieser Gegensatz weiter unkalkulierbar aufschaukeln kann, weil selbstkritische
Debatten in der Mehrheitsgesellschaft nicht ausreichen und in der muslimischen
Minderheit fehlen.
Diese Entwicklungen müssen schon deshalb aufmerksam verfolgt
werden, weil sich eine neue Normalität herausbildet, die sich dann,
wenn diese Einstellungen gewissermaßen »kulturalisiert« sind, nur noch schwer
verändern lässt.
IV. Die Veränderungen des Arbeitsmarktes, des Gesundheits- und
Steuersystems werden in der Regel isoliert
verhandelt. In weiten Teilen von Politik und Gesellschaft lässt sich eine Art
Ausblendungsakrobatik beobachten, die Folgen für die Integrationsqualität und
das Zusammenleben hat.
Nach langen Jahren einer bundesdeutschen Erfolgsgeschichte: Wie
immer man die relevanten Kriterien zur sozialen Ungleichheit und infolgedessen
zur Charakterisierung einer sozialen Spaltung auch anlegt, es drängen sich
immer mehr Belege für eine Spaltung und Polarisierung in den Vordergrund. Man
muss nur die Nettoeinkommen der privaten Haushalte heranziehen, von denen es
abhängt, wer wie an den materiellen und kulturellen Gütern einer Gesellschaft
teilnehmen kann. Daran lässt sich der Integrationsgrad einer Gesellschaft gut
bemessen. In Westdeutschland hat das Nettovermögen im reichsten Viertel seit
1993 um 27,5 Prozent zugenommen, im ärmsten Viertel nahm es um fast 50 Prozent
ab; in Ostdeutschland nimmt es im reichsten Viertel um fast 86 Prozent zu und
im ärmsten Viertel um 21 Prozent ab.
Die politische Klasse irrt, wenn sie glaubt, solche Fakten würden
sich nicht oder nur kurzfristig auswirken und wären dann vergessen. Wenn die
soziale Spaltung sichtbar zunimmt, wird das genau registriert; und es bleibt
stabil im Bewusstsein. Inzwischen sind fast 91 Prozent in unserer
repräsentativen Umfrage davon überzeugt, dass die Reichen immer reicher und die
Armen immer ärmer werden. Dass bei uns immer mehr Menschen an den Rand gedrängt
werden, registrieren – ebenfalls zunehmend – inzwischen fast 85 Prozent. Die
Angst, selbst arbeitslos zu werden, verbindet sich zunehmend mit dem Verlust
von Anerkennung am Arbeitsplatz wie im privaten Alltag. Damit kommt der soziale
Kitt abhanden. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass mit wahrgenommenen
Spaltungsprozessen auch Abwertungen und feindselige Einstellungen gegenüber
Zugewanderten und Menschen mit fremder Religion sowie das Einklagen von
Etabliertenvorrechten einhergehen. In desintegrationsgefährdeten Gruppen wirkt
die wahrgenommene soziale Spaltung geradezu als Verstärker für
menschenfeindliche Abwertungen. Es geht dann um alles, die Aufwertung der
Eigengruppe dient dazu, sich nicht selbst am unteren Rand der Gesellschaft
verorten zu müssen.
V. Eliten in Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur bemühen dagegen die Moral, die Werte, das »Christliche« oder die
»Leitkultur«, um das politische Publikum mit Rhetorik »einzufangen«. Dieser
Versuch muss fehlschlagen. Dazu ist der Vertrauensverlust in die Eliten viel zu
groß. Was wir »Demokratieentleerung« nennen, hat bereits dramatisch
stattgefunden, und zwar sowohl bei denjenigen, die ausgegrenzt sind oder sich
so sehen, als auch bei jenen, die sich vor dem Absturz ängstigen. Potenziell
anfällig für rechtspopulistische Verlockungen sind immerhin 25 Prozent. Eine
Gefährdung für die Demokratie? Ja, aber auch das wird gern ausgeblendet. Noch
ein Schritt weiter: Jene, die sich dann nicht dem Rechtspopulismus anschließen,
reagieren eher mit Apathie. Apathie wird in manchen Kreisen, übrigens nicht nur
in konservativen, klammheimlich begrüßt, denn diese Schweigenden stören nicht
mehr beim Umbau der Gesellschaft. Aber wer hält dann noch dagegen,
wenn zugleich jene gewählt werden, die die demokratischen Parteien als
»Systemparteien« diffamieren und die inzwischen einige, bisher vorrangig
ostdeutsche Landstriche mit ihren Überzeugungen und auch Drohpotenzialen
besetzt haben.
Weite Teile in Politik und Gesellschaft operieren mit selektiver
Unaufmerksamkeit, vermutlich um ein Grundgefühl von Angst zu bewältigen. Man
ahnt, wie die Verhältnisse sind – beispielsweise zwischen Mehrheitsgesellschaft
und Minderheiten oder welche sozialen Kosten politische Kursänderungen nach
sich ziehen –, aber man will es nicht so genau wissen oder reagiert mit
hysterischen Attacken. Entweder wurde die ethnisch kulturell vielfältige
Gesellschaft als immerwährendes Straßenfest interpretiert oder aber als
»Chaos«. Dieses unterkomplexe Muster wird jetzt mehr und mehr
sichtbar, je drängender die Probleme sind, je weniger eine sozialverträgliche
Politik gilt oder je größer die Skepsis ist, dass man die Politik überhaupt
beeinflussen könne.
In diesen Zeiten haben schwache Gruppen und Fremde keine guten
Aussichten, dass die gegen sie vorgebrachten Aversionen und Diskriminierungen
auf die politische und gesellschaftliche Tagesordnung geraten. Eine insofern
blinde Gesellschaft wird gleichwohl hohe Folgekosten zu tragen haben; die Frage
ist nur noch, in welchen zerstörenden Formen.
Nach: DIE ZEIT, 2.12.04, S. 12
Quelle: http://www.zeit.de/2004/50/Studie_Heitmeyer