Der innerkatholischen Opposition fehlt es an Nachwuchs und Erfolgen / Von Bischöfen ignoriert
Auf dem 95. Deutschen Katholikentag in Ulm vom 16. bis 20. Juni ist
"Wir sind Kirche" wieder präsent. Doch ihre Zukunft ist grau: In den
Bistumsgruppen sieht man kaum junge Menschen; die meisten sind weit über 50
Jahre alt.
VON HARTMUT MEESMANN
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Wiesbaden · 8. Juni · Die innerkatholische Opposition "Wir sind
Kirche" will beim Katholikentag ihre Forderung nach dem gemeinsamen
Abendmahl von Katholiken und Protestanten erneuern - außerhalb des offiziellen
Programms. Die Kirchenvolksbewegung fordert auch einschneidende Reformen in der
eigenen Kirche: den Abbau der klerikalen Hierarchie etwa, die Wahl der Bischöfe
durch das Kirchenvolk, die Zulassung von Priesterinnen, die Abschaffung des
Zwangs zur Ehelosigkeit der Priester.
"Die Kirchenvolksbewegung ist ein Generationenprojekt, das keine Zukunft
hat", urteilt nüchtern der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz.
Die Älteren hätten noch die Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen
Reformkonzil und nach der Würzburger Synode der Bistümer in Deutschland erlebt.
Das war in den 1960er und 70er Jahren. Viele dieser Katholiken arbeiteten sich
noch ganz selbstverständlich an ihrer Kirche ab, das gelte für die heute 20-
bis 30-Jährigen nicht mehr.
Außerdem, so Ebertz, habe die Reformbewegung keinerlei Erfolge aufzuweisen:
"Keine ihrer Forderungen ist bislang erfüllt worden." Die katholische
Kirche sei eben eine "ultrastabile Institution", im Kern nicht zu
verändern und auch reformunwillig. Schon allein deshalb sei "Wir sind
Kirche" für junge Leute nicht sonderlich attraktiv: "Warum sich in
einer Institution abarbeiten, die sich nicht bewegt ?"
Die Jüngeren wollten Spaß haben, Erfolge sehen und jederzeit wieder aussteigen
können. Außerdem hätten junge Menschen andere Interessen. "Für sie stehen
Ausbildung, Leistung, Freundschaft, Sex und Partnerschaft im Vordergrund",
bilanziert Michael Ebertz die einschlägigen Umfragen.
Annegret Laakmann, hauptamtliche Referentin von "Wir sind Kirche",
sieht sehr wohl Resultate: "Rom reagiert ständig mit Verboten, eben weil
es an der kirchlichen Basis Unruhe gibt." Sie findet, dass die Gemeinden
wacher geworden sind. Das Desinteresse der Jungen gelte allen Institutionen,
damit müsse man leben. "Wir Älteren können nur unsere Anliegen verfolgen,
die Jüngeren müssen ihre eigenen Formen finden", sagt Laakmann.
Christian Weisner aus Hannover, Initiator der Kirchenvolksbefragung von 1995,
bei der rund 1,8 Millionen Unterschriften in Österreich und Deutschland für die
Ziele von "Wir sind Kirche" zusammenkamen, meint: "Auch im
politischen Geschäft ist es äußerst schwierig, neue Ideen umzusetzen."
Innerkirchliches Reformengagement bedeute "langes Bohren dicker
Bretter".
Von den meisten Bischöfen wird die Kirchenvolksbewegung entweder diffamiert oder
ignoriert; einzig der äußerst konservative Regensburger Bischof Gerhard Müller
legt sich gezielt mit ihr und anderen kritischen Geistern an und möchte die
Reformer am liebsten aus der Kirche werfen.
So sitzt "Wir sind Kirche" zwischen allen Stühlen. Sie kann sich auch
nicht damit trösten, dass ihre Reformforderungen in Umfragen große
Unterstützung erfahren. Zugleich halten nur vier Prozent der Bevölkerung
innerkirchliche Reformen für ein vordringliches gesellschaftliches Thema, wie
eine Repräsentativumfrage aus dem Jahr 2003 ergeben hat. Auch unter den
Katholiken halten gerade 30 Prozent Reformen für relativ dringend.
9.6.04
Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 5 http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=450921&