Radikaler
Kahlschlag in den Kirchengemeinden
Geistliche rechnen mit Rückgang der Steuereinkünfte um 25 Prozent
Schulen und Kindergärten von Schließung bedroht
Köln, 28.5.2004. Norbert Feldhoff (64) neigt im Allgemeinen nicht zur
Schwarzseherei. Der Kölner Prälat, mit fast 30 Amtsjahren der dienstälteste
Verwaltungschef eines deutschen Bistums, hat das rheinische Grundgesetz
verinnerlicht: "Et hät noch immer joot jegange." Wenn Feldhoff nun
angesichts der Finanzprobleme der Kirchen Alarm schlägt, muss die Not groß
sein. Die Kölner Erzdiözese, eine der reichsten der Welt, muss ihren Etat
von derzeit 683 Millionen Euro bis 2006 um 90 Millionen Euro kappen. "Man
muss rechtzeitig bremsen, damit man nicht auffährt", sagt Feldhoff.
Köln will Stellen abbauen und Gebäude abgeben, aber nicht die "Grundlagen
der Seelsorge" gefährden. Die Kirche dürfe letztlich nur das behalten, was
sie auch langfristig unterhalten könne, beschreibt der Generalvikar, der im
Juni das Amt des Dompropsts übernimmt, also Hausherr der Kathedrale wird,
den Ernst der Lage. Der Rückgang bei der Kirchensteuer, Austritte und
Arbeitslosigkeit stellen alle Bistümer vor Probleme - nicht nur die Berliner
Erzdiözese, die ihr im Juni verkündetes Ziel, bis 2008 weit gehend
schuldenfrei zu sein, nicht erreichen wird und sich von zwölf
Kirchengebäuden trennen will. Allein in der Stadt Hamburg wird noch in
diesem Jahr die Zahl der Pfarreien von 39 auf 25 reduziert. Im Bistum
Hildesheim ist gegen Ende 2003 ein Programm wirksam geworden, das wie ein
Kahlschlag anmutet: Bis zum Jahr 2020 sollen ihm zwei Drittel aller
Gemeinden zum Opfer fallen.
Schlagzeilen über "radikale Einschnitte" produziert gegenwärtig das
Bistum
Aachen. Es hat das größte Sparpaket seiner Geschichte verabschiedet: ein
Volumen von 60 Millionen Euro. Die kirchlichen Finanzexperten rechnen mit
einem dauerhaften Rückgang der Kirchensteuereinkünfte um 25 Prozent.
Betroffen von den Kürzungen sind Kindergärten, Schulen, Bildungshäuser und
die Verwaltung. Auch das ist ein Novum: 1000 Menschen demonstrierten in der
alten Kaiserstadt gegen betriebsbedingte Kündigungen, es gab
"Mahnwachen".
Bischof Heinrich Mussinghoff bestätigt "Angst und Trauer" seiner
Mitarbeiter.
Unruhe herrscht auch in den evangelischen Landeskirchen, auch hier kursieren
"Giftlisten". Als Folge der Steuerreform rechnen die Experten für
2004 mit
einem Rückgang beim Kirchensteueraufkommen um acht Prozent. Die nächste
Reformstufe werde die Einnahmen nochmals um 4,5 Prozent verringern. In der
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern werde derzeit nur noch ein
Schreibgerät ausgegeben, der Rotstift, kommentierte die evangelische
Nachrichtenagentur Idea die Lage der mit 2,7 Millionen Mitgliedern
viertgrößten Kirche innerhalb der EKD. Die Landeskirche muss bis zum Jahr
2006 ihren Haushalt von 690 Millionen Euro um 90 Millionen zurückfahren. Die
Frage lautet nicht mehr, ob man jemandem wehtun wird, sondern nur noch wem.
Die Finanzkraft des evangelischen Kirchenkreises Alt-Hamburg sank binnen 30
Jahren um 83 Prozent. Die Not verändert, schon rein äußerlich, die Gestalt
von Kirche - ob katholisch oder evangelisch. Katholische Pfarreien, in
Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten gewachsen, werden zusammengelegt, müssen
auf einen eigenen Pfarrer verzichten. Die Planer jonglieren mit
"Mindestgrößen". In der Diözese Hildesheim sind es 4600 Mitglieder.
Wie in der Wirtschaft ist von "Synergieeffekten" die Rede. Man setzt
auf die
Mobilität der Christen. Und: Eine Kirche, die ihre Kräfte bündele, könne
stärker in die Gesellschaft hineinwirken. So denken die meist ortsfremden
Bürokraten. Aber die Menschen bleiben skeptisch. "Die Kirche holt mit
solchen Programmen die Fehler nach, die bei der staatlichen Gebiets- und
Verwaltungsreform in den deutschen Bundesländern gemacht worden sind",
meinen zwei Praktiker, der Hildesheimer Priester und Publizist Winfried
Henze und der ehemalige niedersächsische Rechnungshofpräsident Heiner
Herbst. Damals habe man viel örtliches Engagement zerschlagen und dafür eine
teure Verwaltung aufgebaut, kritisierte das Duo in der katholischen
"Tagespost". Im kirchlichen Bereich sei dasselbe zu erwarten:
"Statt zu
sparen, treibt man die Verwaltungskosten hoch." Das Fazit der Experten:
Die
finanzielle Notlage könnte die Stunde der Gemeinden sein, zurzeit sehe es
aber eher danach aus, "dass sie zur Stunde des Apparates wird". Viele
Menschen seien durchaus bereit, Verantwortung in und für ihre Kirche zu
übernehmen. Aber sie sähen sich in die "Rolle von Passiven zurückgestuft,
die von Beamten betreut werden".
Von einem "Systemwechsel" erhoffen sich manche eine Wende zum
Besseren. Fast
überall in der Welt müssen die Gemeinden ihr Geld selber aufbringen und dem
Bistum etwas davon abgeben. In Deutschland ist das genau umgekehrt. Hier
geht das Geld an die Diözesen, die ihre Gemeinden, wie Kritiker rügen, von
oben betrachten wie Filialen, die man schließt, wenn sie zu teuer werden.
Mehr Eigenverantwortung ja, sagt der Praktiker Feldhoff. Doch er macht sich
zugleich Sorgen um die pastorale Führung eines Bistums. Dazu kämen neue
Abhängigkeiten, "die manchmal größer und oft gefährlicher sind als die
Abhängigkeit vom Generalvikariat". (Gernot Facius)
Aus: DIE WELT, 28.5.2004
Quelle: http://www.welt.de/data/2004/05/28/283889.html