Kirchen melden wieder Zulauf

 

Beide großen Konfessionen sprechen von "explosionsartigem Anstieg der Zahlen " / Auch Junge kommen zurück

Immer mehr Menschen in Hessen treten wieder in die beiden großen Kirchen ein. Sowohl bei den Katholiken als auch bei den Protestanten kehrten 2005 überdurchschnittlich viele Menschen zwischen 35 und 50 Jahren zurück in ihre Gemeinde.

Limburg · "Wir haben in den vergangenen drei Jahren einen explosionsartigen Anstieg von Wiedereintritten erlebt, gleichzeitig hat die Zahl der Austritte abgenommen", sagt Thomas Schüller, Leiter der Rechtsabteilung des Bistums Limburg. 416 Menschen seien 2005 wieder in die Gemeinden des Bistums aufgenommen worden, im Vorjahr waren es 375.

Alle Anträge zur Wiederaufnahme aus der Diözese laufen über seinen Schreibtisch. Darin liest Schüller auch die Begründungen der Gläubigen. "Die Motive für den Wiedereintritt haben sich in den vergangenen Jahren geändert und damit auch die Klientel", sagt er. Noch vor zehn Jahren seinen junge Menschen die Ausnahme gewesen. "Damals wollten zumeist alte Menschen wieder in die Kirche aufgenommen werden - etwa 200 im Jahr", führt Schüller aus.

Überraschend viele Akademiker treten ein


Die meisten seien vermutlich wegen der Kirchensteuer ausgetreten; im Alter hatte sich dieses Argument erledigt und sie seien zurück gekommen. "Mittlerweile treten überraschend viele Akademiker mittleren Alters wieder in die Kirche ein - von der Zahnärztin bis zum Unternehmensberater", sagt Schüller: "Viele von ihnen sind nach dem Studium ausgetreten, wenn sie kirchensteuerpflichtig wurden." Seit Jahren verkürze sich die Zeitspanne zwischen Austritt und Wiedereintritt. "Wenn Verwandte oder Freunde sterben, stellt sich für viele die Frage nach dem Lebenssinn", sagt Schüller: "Diese Menschen erinnern sich an ihre eigene Kindheit - und die war in unserer Region oft geprägt vom kirchlichen Leben."

Dass die Kirche 2005 immer wieder im öffentlichen Interesse stand, habe den Trend verstärkt: "In Formularen habe ich als Begründung immer wieder zwei Ereignisse gelesen: das ergreifende Erleben des Todes von Papst Johannes Paul II. und den Weltjugendtag in Köln."

In den anderen katholischen Bistümern in Hessen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: In Mainz traten im vergangenen Jahr 597 Erwachsene in die Kirche ein, im Vorjahr waren es 759. Fulda zählte bis Oktober 114 Wiederaufnahmen, ein Jahr zuvor waren es 96. "Die Bundesagentur für Arbeit würde sagen: ,Wir haben die Talsohle durchschritten.' Ich möchte es so ausdrücken: Besonders, dass junge Menschen wieder zurückkehrten, gibt uns Hoffnung", sagt Schüller.

Auch die evangelischen Kirchen zog neue Mitglieder an: In Hessen-Nassau verdoppelte sich nach eigenen Angaben die Zahl der Erwachsenentaufen und der Wiedereintritte seit den Siebzigern auf derzeit rund 4000 im Jahr. "Besonders in den Ballungszentren wächst die Zahl derer, die wieder in die Kirche eintreten wollen", sagt Dietmar Burckhardt, Sprecher der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau, schränkt aber ein: "Im Rhein-Main-Gebiet sind in den vergangenen Jahrzehnten aber auch sehr viele Menschen ausgetreten."

Der Evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck sind nach Schätzungen im vergangenen Jahr etwa 1700 Erwachsene beigetreten - anfang der Neunziger waren es lediglich 1100. Auch in Kurhessen-Waldeck seien es hauptsächlich Menschen in ihrer Lebensmitte, die den Kontakt zur Kirche suchten, sagt Pressesprecher Karl Waldeck: "Viele Menschen suchen bei uns Orientierung und eine Bindung, die sie in der Gesellschaft nicht mehr finden." Matthias Thiele

Die katholischen Bistümer Trier, Limburg, Mainz und Speyer haben eine Homepage eingerichtet, auf der sie Fragen beantworten und Gesprächspartner vermitteln. Die Evangelische Kirche berät Menschen, die ihr wieder beitreten möchten, in "Eintrittsstellen".
www.mach-dich-auf-und.com

Frankfurter Rundschau, 19.1.06, S.30

 

 

Rückkehr

VON MATTHIAS THIELE

Allen guten Zahlen zum Trotz: Es sieht schlecht aus für die Kirchen in Hessen. Noch immer treten zehn Mal mehr Menschen aus als wieder ein, ganz zu schweigen von den vielen Alten, die sterben und den wenigen Kindern, die noch getauft werden. Die Kirchenbänke bleiben auch in ländlichen Gemeinden oft leer - und in der katholischen Kirche mangelt es an Priesternachwuchs. Hier können die Pfarrer kaum noch seelsorgerisch arbeiten; sie müssen in Verwaltungsräten sitzen, auf dem Land fahren sie dutzende Kilometer in entlegene Dörfer, um Messen zu feiern. Kapläne müssen aus Afrika, Indien oder Osteuropa eingeflogen werden - auch in den katholischsten Regionen Hessens.

Aber es gibt auch eine andere Seite: Der Tod des Papst Johannes Pauls II. und die Wahl Ratzingers zu seinem Nachfolger, der Evangelische Kirchentag in Hannover oder der Weltjugendtag in Köln - überall trafen sich Zehntausende, feierten, beteten, lebten ihren Glauben.

Viele Menschen sehnen sich nach Religion, das zeigt auch der Blick nach Hessen. Ob im katholischen i-Punkt-Kirchenladen auf der Zeil in Frankfurt, im evangelischen Kirchenladen auf dem Luisenplatz in Darmstadt oder in der Jugendkulturkirche in der Frankfurter City: das Angebot der Kirchen wird genutzt. Auch wenn diese neuen Orte des Glaubens Geld kosten, das in den Gemeinden fehlt, scheint diese moderne Kirche eines bewirkt zu haben: Junge Menschen kehren zurück - auch das zeigen die Zahlen.

 

Frankfurter Rundschau, 19.1.06, S.29