Kirche zu verkaufen

Düsseldorf (ddp-nrw). Wegen des Sparzwangs und der Finanzlücken in den Haushalten der christlichen Kirchengemeinden müssen in Nordrhein-Westfalen immer mehr Gotteshäuser verkauft oder für nicht-religiöse Zwecke freigegeben werden. Aber nicht jeder Nachnutzer kommt dabei in Frage.

So wurde die Neue Kirche in Velbert-Langenberg schon 2001 zwar zur «Eventkirche» umfunktioniert, fetzige Feten des jungen Partyvolks sind mit dem Verweis «Der Charakter der Kirche soll gewahrt werden» jedoch tabu, wie eine Mitarbeiterin der Initiative Neue Kirche GbR (INK) mahnt.

Gefeiert wird dennoch in dem Ende vorvergangenen Jahrhunderts von Berliner-Dom-Architekt Julius Carl Raschdorff errichteten Gotteshaus: Der Renner seien derzeit Hochzeitsfeiern. So geben sich Brautpaare in der Neuen Kirche zwar nicht mehr das Ja-Wort, für das fröhliche Beisammensein um Nachhinein müssen die entwidmeten Räume dennoch herhalten. Ebenso für Modenschauen - vergangenen Winter flanierten Models mit Brautkleidern auf dem Laufsteg - sowie klassische Konzerte, Ausstellungen und Firmenveranstaltungen. Tagesmiete: 1800 Euro.

Grund für die Nachnutzung von Kirchen ist ein allgemeiner Sparzwang für die Kirchen aufgrund von Mitgliederschwund. «Wir müssen mehr Menschen beerdigen als taufen», illustriert Jens Peter Iven von der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Direkte Konsequenz: Die Kirchen haben immer weniger Steuereinnahmen im Säckel. Auch wegen der hohen Arbeitslosigkeit fließen weniger Abgaben.

Andreas Duderstedt vom Landeskirchenamt in Bielefeld konstatiert: «Wir müssen hinnehmen, dass sich manche Dinge verschieben, verändern und verkleinern» und beschreibt damit das, was im Bistum Münster als «Umstrukturierungsprozess» gehandelt wird.

Wo bei Abendmahlen symbolisch Leib und Blut Christi gereicht wurden, soll ab Spätsommer in der evangelische Martinikirche in Bielefeld Alkohol ausgeschenkt werden. Gastronom Achim Fiolka will Speisen «für gehobene Ansprüche», aber auch einfache Küche anbieten. Denn schließlich sei die Kirche ein Ort für alle, an dem man seine Mitte finden könne und das solle in diesem Fall auch so bleiben. Bis zu 350 Gäste gleichzeitig sollen in dem Kirchengebäude zukünftig Platz finden.

Ein katholisches Gotteshaus in Geldern wurde verkauft und zu einer Bibliothek umfunktioniert. Auch Sankt Bonifatius in Münster wurde «profanisiert». Der Begriff steht für Entwidmung und Nachnutzung. In der Kirche geht bald ein Verlag seinen Geschäften nach.

Seit 1997 musste die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) 25 Kirchen und 31 andere Gottesdienststätten «anderen Zwecken zuführen». Die EKiR berichtet von einem rapiden Anstieg bei der Nachnutzung heiliger Stätten. Wurden im Rheinland 1985 bis 2003 15 Kirchen entwidmet, waren es den Angaben zufolge allein im vergangenen Jahr 20. Im Bistum Aachen muss in den kommenden Jahren rund ein Viertel der 900 Kirchen und Kapellen aufgegeben werden, wie Sprecher Reiner Schirra prognostiziert.

Viele Kirchen im Land seien mittlerweile schlicht überflüssig, heißt es beim Bistum Essen. Vor allem in den 1950er Jahren seien aufgrund hoher Mitgliederzahlen viele Gebäude errichtet worden - zu viele für heute. Bevor der Verkauf der teils denkmalgeschützten Gebäude ansteht, setzen die Kirchen zunächst auf Schadensbegrenzung.

So verschlanken manche ihren Haushalt und lassen beispielsweise Pfarrbüros in Kirchen einziehen. Nach Möglichkeit sollen die Räume sozialen Einrichtungen oder anderen christlichen Glaubensgemeinschaften überlassen werden, zum Beispiel Freikirchen oder griechisch-orthodoxen Gemeinden.

Der Abriss, wie im Falle eines Gotteshauses in Borken geplant und doch wieder verworfen, sollte jedoch nur das letzte Mittel sein, fordert Karl Hagemann vom Bistum Münster. Ganz ausgeschlossen sei, dass ausgediente Kirchen zu Bordellen oder Discotheken umfunktioniert werden. Zudem dürften auch keine islamischen Glaubensgemeinschaften einziehen, fügt Duderstedt hinzu. Das Kreuz gegen den Halbmond auszutauschen sei bei aller interreligiöser Verbundenheit das «falsche Signal».

 

17. Juni 2005

Quelle: http://de.news.yahoo.com/050617/336/4l142.html