Warum in der Pflege noch immer keine gerechten Löhne bezahlt werden

 Kirche unterbietet Kirche

 In der Politik, im Sport, in der Wirtschaft – da wird mit harten Bandagen gekämpft, und wenn es nach Recht und Gesetz geht, kann man schwer etwas dagegen sagen. Aber in der Kirche, so die Hoffnung vieler, da geht es anders zu. Begriffe wie Lohndumping haben in dieser Welt nichts verloren, oder etwa doch? In Hannover tobt zur Zeit ein Streit um fünf katholische Altenheime. Und nicht nur die Landesbischöfin Käßmann befürchtet, dass am Ende die kirchliche Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleiben könnte. Gottlob Schober berichtet.

 Bericht:

Diese alte Frau kann nicht mehr alleine essen. Karin Mundtkowski hilft ihr dabei. Sie ist

Pflegefachkraft bei der Caritas in Hannover. Ihr katholischer Arbeitgeber fühlt sich einem

christlichen Menschenbild verpflichtet. Deshalb zahlt er auch ordentliche Löhne.

 Frage: Fühlen Sie sich ausreichend bezahlt?

O-Ton: »Zur Zeit noch.«

 Doch das könnte sich bald ändern. Die Caritas kann sich diese Lohnhöhe nicht mehr leisten, sagt sie. Wir treffen Benno Blings, den Geschäftsführer der Caritas Senioren-Dienste Hannover, kurz CSH. Die Zahlen, die er uns präsentiert, sind erschreckend, Insolvenz droht. Den Tariflohn, den der katholische Träger zahlt, könne durch Einnahmen über Pflegesätze nicht gedeckt werden.

 O-Ton, Benno Blings, Geschäftsführer Caritas-Seniorendienste Hannover:

»Wir fahren jeden Monat in die Miesen, neuste Berechnungen ergeben, dass wir im Augenblick, in diesem Jahr etwa, einen Verlust von 100.000 Euro pro Monat innerhalb der CSH machen.«

 In dieser schwierigen Situation möchte die evangelische Kirche die katholische Kirche nicht im Regen stehen lassen. Ihr christliches Menschenbild akzeptiert aber offensichtlich niedrigere Löhne, wie folgendes Beispiel zeigt.

 Das evangelische Johannesstift plant die Übernahme der Caritas-Heime in Hannover. Dagegen demonstrieren die Caritas-Mitarbeiter. Denn sollte es zur Übernahme kommen, müssten sie Gehaltskürzungen um bis zu 13 Prozent akzeptieren.

 O-Ton: »Ich fühle mich verschaukelt. Ich habe im letzten Jahr auf ein Weihnachtsgeld verzichtet.«

 O-Ton: »Es ist für mich so ein Hungerlohn. Ich bin jetzt gezwungen, mir nebenbei etwas zu suchen.«

 O-Ton: »Das grenzt schon fast an Ausbeutung.«

 Diese Kritik ist Pflegemanager Wilfried Wesemann vom evangelischen Johannesstift nicht neu. Vergangene Woche trafen wir den Geschäftsführer auf einer Pressekonferenz in Hannover. Er erklärt die Unternehmensziele.

 O-Ton, Wilfried Wesemann, Geschäftsführer ev. Johannesstift: »Das evangelische Johannesstift hat eine klare Wachstumsstrategie, die wir umsetzen wollen. Und wir, denke ich, können diese Herausforderungen auch der Rahmenbedingungen gemeinsam annehmen in der Zukunft und können uns stärken, um eine Größe zu erreichen, die uns ein wirtschaftlicheres Handeln auch ermöglicht.«

 Der Sozialwissenschaftler Professor Stefan Sell hat sich mit dieser Strategie eingehend beschäftigt.

O-Ton, Prof. Stefan Sell, Fachhochschule Koblenz-Remagen: »Die Strategie des Johannesstifts ist betriebswirtschaftlich gesehen konsequent. Die verhalten sich wie ein richtig professioneller Konzern: Größenwachstum, den Markt aufräumen, am Anfang auch vielleicht auch mehrere Jahre Verluste realisieren, über ein Preisdumping nach unten, um Umsatzanteile zu gewinnen. Im Prinzip verhalten sie sich wie Aldi und Lidl auf dem Lebensmitteleinzelhandel. Umsatzanteile wollen sie gewinnen.«

 Um jeden Preis? Mitarbeitervertreter wie Manfred Freyermuth, kritisieren die Vorgehensweise des Johannesstifts. Er sitzt in der arbeitsrechtlichen Kommission der Diakonie und vertritt die Interessen der Arbeitnehmer in ihren Verhandlungen mit den Trägern.

 O-Ton, Manfred Freyermuth, Arbeitsrechtliche Kommission Diakonie:

»Das was hier in Hannover geschieht mit dem Johannesstift ist im Grunde genommen der erste Fall, in dem eine große diakonische Einrichtung in einer anderen Region versucht, mit Dumpinglöhnen diakonischen Einrichtungen Konkurrenz zu machen.«

 Davon will Wilfried Wesemann nichts wissen. Aber: Neu eingestellte Kollegen sollen beim Johannesstift sogar noch weniger bekommen als ihre Kollegen in anderen diakonischen Einrichtungen, wie zum Beispiel in Hannover.

 Frage: Bei Neueinstellungen liegen sie unter dem, was in Hannover bezahlt wird?

 O-Ton, Wilfried Wesemann, Geschäftsführer ev. Johannesstift: »Auch da ein klares Nein, nur geringfügig.«

 Frage: Also doch ja?

O-Ton, Wilfried Wesemann, Geschäftsführer ev. Johannesstift: »Nein.«

 Frage: Aber sie liegen doch, die Zahlen zeigen doch?

 Tatsächlich aber liegen die Stundenlöhne des evangelischen Johannesstifts fast überall unter denen der Diakonie in Hannover, sei es auch nur um wenige Cent.

 O-Ton, Prof. Stefan Sell, Fachhochschule Koblenz-Remagen: »In der Summe sind das enorme Beträge. Und, auf mehrere Jahre gerechnet, handelt es sich hier um ganz große Beträge, die zusammenkommen, und zu denen dieser neue Träger dann billiger, günstiger, preiswerter anbieten kann.«

 O-Ton, Manfred Freyermuth, Arbeitsrechtliche Kommission Diakonie: »Hier verliert die Kirche ihre Glaubwürdigkeit. Sie verliert die Glaubwürdigkeit auch gegenüber der Politik. Und sie verliert die Glaubwürdigkeit auch gegenüber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben hier ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem, wenn wir gleichzeitig im praktischen Handeln das Gegenteil tun von dem, was wir sozusagen postulieren.«

 Und: Dieses Glaubwürdigkeitsproblem führe zu einem Motivationsproblem, sagen Caritas-Mitarbeiter.

 O-Ton: » Man wird schon nicht gelobt, und jetzt nimmt man einem auch noch das Geld. Wo soll man da noch motiviert werden?«

 O-Ton: »Die Leute sind eben kaputt, fertig, die sind müde, die sind total unmotiviert irgendwie, weil sie einfach nicht wissen, wie es weitergeht.«

 O-Ton: »Wenn wir zu Billiglöhnen arbeiten sollten, muss die Qualität am Ende darunter leiden. Auf jeden Fall.«

 Fazit: Der ruinöse Wettbewerb auch unter den kirchlichen Trägern führt zur Altenpflege nach Discounter-Prinzip mit allen Konsequenzen. Bei niedrigen Löhnen verlieren die Heime engagierte Pflegekräfte, wie Karin Mundtkowski eine ist. Das wiederum senkt die Qualität. Die Leidtragenden sind die alten Menschen im Heim.

 O-Ton, Prof. Stefan Sell, Fachhochschule Koblenz-Remagen:

»Ich denke, man muss an dieser Stelle den Kirchen ganz deutlich sagen, ihr könnt nicht links blinken und rechts fahren. Ihr müsst euch entscheiden, wo ist eine menschenwürdige Lohnuntergrenze, die wir nicht bereit sind zu unterschreiten. Was sind die Arbeitsbedingungen, die wir brauchen, damit wir eine gute Qualität der Pflege realisieren können? Und wenn der ‚Markt’ – in Anführungsstrichen – das nicht hergibt, dann muss ich auch bereit sein, dazu zu sagen: Ich kann unter diesen Bedingungen nicht mehr guten Gewissens anbieten.«

 Report Mainz, 20. Juli 2009

Kirche

Quelle: http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=4965150/2hqfci/index.html