Leiden
an der Kritik: Die Kirche tut sich mit dem Widerspruch schwer
EICHSTÄTT, 3.1.2004. In den Neujahrspredigten mancher katholischer Bischöfe
waren heuer nicht nur versöhnliche Töne zu vernehmen. Eichstätts Oberhirte
Walter Mixa beispielsweise verteilte auch gehörige Schelte, kanzelte die
Kirchenkritiker mit deutlichen Worten ab.
Viele Christen, meinte er, betrieben sogar "Antiwerbung", die sich in
Miesmacherei äußere. In den eigenen Reihen dominiere oft das "Leiden an
der
Kirche". "Markenzeichen der Kirche darf nicht Kritiksucht sein, die
sich vor
allem am Papst und an der so genannten Amtskirche entzündet", meinte der
Würdenträger unter anderem. Die Äußerungen Mixas müssen naturgemäß auch vor
dem Hintergrund der Affäre um den Großhabersdorfer Pfarrer Bernhard Kroll
gesehen werden. Der Bischof, der seinen Schäflein anlastet, zu sehr an der
Kirche zu leiden, leidet offensichtlich - wie einige seiner Amtsbrüder -
sehr an der öffentlichen Kritik, die in den vergangenen Monaten auf ihn
niederprasselte. Kirche tut sich von jeher schwer mit dem Widerspruch.
Besonders mit dem aus den eigenen Reihen.
Die Kirchenführer, gerade auch manche in dieser Region, ignorieren dabei
bisweilen, dass im Deutschland des 21. Jahrhunderts devote Unterwürfigkeit
von den allermeisten Gläubigen nicht mehr zu erwarten ist. Dass sich
selbstbewusste Christen nicht durch kirchlichen Formalismus und Dogmatismus
von der Suche nach der Synthese zwischen Glauben und selbstständigem Denken
abbringen lassen. Dass - im Gegenteil - ihnen der Weg, der über die Freiheit
zum Glauben führt, als äußerst wichtig erscheint.
Kritik aus den eigenen Reihen so pauschal als Antiwerbung und Miesmacherei
abzutun, wie Mixa das tut, das ist nicht nachzuvollziehen. Wer an der Kirche
Kritik übt, beschäftigt sich immerhin (noch) mit ihr, sorgt sich vielleicht
um sie, kann auch aus Zuneigung handeln, um aufzurütteln. Kritik ist
insofern auch ein Stück Wahrhaftigkeit und Realismus. Realismus und ein
heftiges Aufrütteln aber hat die katholische Kirche in Deutschland dringend
nötig.
In diesen Tagen verkünden manche Pfarrer die Jahresbilanzen ihrer
Gemeinden - und diese fallen teilweise verheerend aus. Die Zahl der
Gottesdienstbesucher ging auch 2003 deutlich zurück. Eine Menge Leute traten
aus der Kirche aus, nur wenige ein. Und dies, obwohl viele Menschen auf der
Suche nach Spiritualität sind. Die Kirchen schaffen es derzeit aber nicht,
ihnen auf diesem Weg weiterzuhelfen. Wer dies aufzeigt, wer die Frage nach
dem Warum und die Forderung nach einer Kirche stellt, die auf dem Boden
dieser Zeit haftet, der ist noch lange kein Miesmacher. Kirche wird auch
hierorts lernen müssen, mit der Kritik umzugehen und sie positiv umzusetzen,
wenn sie je aus dem Tief herausfinden will. (ULRICH RACH)
Aus: Nürnberger Nachrichten, 3.1.2004
Quelle: http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=148803&kat=27