Frühjahr 2004

KirchenVolksBewegung

 

 

 

 

 

Kirche ohne Geld und Vertrauen?

 

 

D

ie Zeichen der Krise sind unübersehbar! Mit elf Prozent rangiert die katholische Kirche am untersten Ende der Vertrauensskala der deutschen Bevölkerung. Über vier Millionen Mitglieder sind in den letzten zehn Jahren aus beiden Volkskirchen ausgetreten. Der riesige Schuldenberg im Erzbistum Berlin ist nur die Spitze eines Eisbergs, der nach und nach auch in den anderen Bistümern Deutschlands sichtbar wird. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die christliche Kirche ein konkursbedrohter Sanierungsfall!

Der leichtfertige Umgang mehrerer Bischöfe mit den Finanzen der Bistümer – die ja zum Wesentlichen aus den Kirchensteueraufkommen der Kirchenmitglieder resul­tieren – ist auch ein Zeichen einer schweren geistigen und geistlichen Krise. Auf der Suche nach Sparmöglichkeiten bleibt die pastorale Verantwortung nun auf der Strecke. Die Zahl der Seelsorgeeinheiten wird der Zahl der verfügbaren Priester angeglichen. Die kühle Abkündigung der bischöflichen Sparmaßnahmen befremdet die Menschen in den Pfarrgemeinden. Viele fühlen sich in dieser Kirche nicht mehr beheimatet. Die Kluft zwischen „denen da oben“ und der Kirchenbasis wird immer noch größer.

Vor diesem Hintergrund haben die Forderungen des KirchenVolksBegehrens nach mehr Beteiligung des Kirchenvolkes und nach weiteren Reformen eine ganz neue brennende Aktualität gewonnen. Gemeinden und diözesane Gremien wehren sich jetzt – und zu Recht – gegen die aufoktroyierten Sparpläne.

Wenn die deutschen Diözesen ihre Haushalte und Stellenpläne unter dem Druck zurückgehender Einnahmen durchforsten, geht es dabei auch um Grundsatzentscheidungen für den weiteren Weg der Kirche in unserer Gesellschaft. Die derzeitige Entwicklung führt zu einer schleichenden Reklerikalisierung des Kirchenbetriebes, sie ist ein weiterer Schritt in der Abkehr von den Prinzipien des Zweiten Vatikanischen Konzils.

 

Kirche ohne Vertrauen

Die weltweit größte gesellschaftspolitische Online-Umfrage „Perspektive Deutschland“ (www.perspektive-deutschland.de) dokumentiert einen gefährlichen Vertrauensverlust der Kirchen. Auf einer Skala des „Vertrauens“ in die wichtigsten Institutionen landen die Kirchen weit im unteren Drittel. Der Umfrage zufolge haben nur noch 11 Prozent Vertrauen in die katholische Kirche, bei der evangelischen Kirche sind es immerhin noch 17 Prozent der Befragten. Eine deutlich kritische Sicht der Kirchen, gleichzeitig aber ein nur sehr geringes Interesse an Reformbemühungen – dies reflektiert die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft.

Durch ihr mangelndes Eingehen auf die Probleme unserer Zeit haben die Kirchen so viel an Vertrauen verloren, dass nur 4 Prozent der Bevölkerung Reformen in beiden Kirchen überhaupt noch als ein vordringliches gesellschaftliches Thema ansehen. In Regionen mit einem hohen Katholikenanteil ist das mangelnde Vertrauen besonders ausgeprägt. Der Vertrauensschwund reicht weit in den Kern ihrer Mitglieder hinein.

Als große Arbeitgeberin ist die Kirche jetzt zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, um daneben noch ihrer Aufgabe, Anwältin der Ausgegrenzten unserer Gesellschaft zu sein, gerecht zu werden. Das letzte Impulspapier „Das Soziale neu denken“ der deutschen Bischöfe ist ein deutlicher Rückschritt hinter das „Gemeinsame Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage“ der großen Kirchen in Deutschland von 1997.

 

Kirche ohne Mitglieder

Seit 1991 geht die Zahl der Katholiken und Katholikinnen jährlich im Durchschnitt um knapp 0,6 Prozent zurück auf 26,5 Mio. im Jahr 2002. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt bundesweit jetzt 32 Prozent. Innerhalb von elf Jahren gab es allein 1,4 Mio Nettoaustritte (d.h. bereinigt um Übertritte und Wiedereintritte). Langfristig kann dieser Trend zu einem Rückgang auf 19 Mio. im Jahre 2050 führen, bei zusätzlich schrumpfender Bevölkerung sogar auf 16,4 Mio. Katholiken und Katholikinnen.

Auch wenn die Einnahmen aus der Kirchensteuer in den letzten Jahren noch vergleichsweise stabil blieben und die Zahl der Kirchenaustritte sank – die Finanznot wird immer größer. Die Steuerprognosen sind schlecht: Die Zahl der im Arbeitsprozess stehenden Kirchenmitglieder wird sinken, die der Rentner, die keine Kirchensteuer zahlen, wird steigen – mit dramatischen Folgen für die Kirchensteuereinnahmen.

 

Kirche ohne Geld

In allen deutschen Bistümern werden die Einnahmen und Ausgaben in den nächsten Jahren auch wegen der Steuerreform und Kirchensteuerentwicklung ständig stärker auseinander klaffen. Die Tendenz ist eindeutig. Pfarreien werden ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen zur Kooperation in Pfarrverbänden oder Seelsorgeeinheiten gezwungen. Einstellungsstopps sind an der Tagesordnung, Kindergartenfinanzierungen werden gestrichen, Universitäten stellen die Ausbildung von LaientheologInnen ein, Fachhochschulen zur Ausbildung von GemeindereferentInnen werden geschlossen. Die in Jahrzehnten aufgebauten pastoralen Strukturen werden jetzt rigoros zusammengestrichen:

·       Im 400-Mio.-Etat des Bistums Aachen droht ein Defizit von 50 bis 60 Mio. Euro. Über 300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollen entlassen werden. Die Sparpläne haben zu einem beispiellosen Aufstand aller Laiengremien geführt. Der Kirchensteuerrat weigerte sich bislang, den vorgelegten Bistums-Etat 2004 zu verabschieden.

·       Im Erzbistum Bamberg werden bis auf weiteres keine PastoralreferentInnen mehr ausgebildet und eingestellt. Im gleichen Atemzug aber beschloss die Ordinariatskonferenz, das Gebäude des Priesterseminars für 26 Mio. Euro zu renovieren.

·       Im Erzbistum Berlin sind Schulden in Höhe von 148 Mio. Euro angehäuft worden. Durch die Finanzspritze der anderen Bistümer und den Verkauf von Immobilien (zu den derzeit äußerst schlechten Bedingungen) konnten erst 70 Mio. Euro abgetragen werden. Insgesamt soll es mehr als 400 Entlassungen geben, die Zahl der Gemeinden wird halbiert, ein Treuhandausschuss wacht nun über die Finanzen.

·       Im Bistum Eichstätt werden Ausbildung und Einstellung der Pastoraltheologen und der Diakone im Hauptberuf eingestellt, das Förderprogramm für ausländische Priester läuft aus und die Zahl der GemeindereferentInnen wird einer Prüfung unterzogen. Gleichzeitig wird der Kauf eines Klosters für 10 Mio. Euro beschlossen.

·       Im Bistum Hildesheim werden gemäß den „Eckpunkten 2020“ die jetzt 350 Pfarreien zu 120 Pfarreien fusioniert, die durchschnittliche Zahl der Gläubigen steigt damit von 1.800 auf 4.300, und das in der „Diaspora“-Situation des Flächenlandes Niedersachsen.

·       Im benachbarten Bistum Magdeburg, ebenfalls ein weitläufiges „Diaspora“-Bistum, soll es statt der bisherigen 200 langfristig zur noch 50 bis 70 Pfarreien geben.

·       Die zunächst wegen ihrer Höhe kritisierten Ausgaben für den Weltjugendtag 2005 in Köln sollen nach jüngsten Meldungen die 100-Millionen-Euro-Grenze zwar „erheblich unterschreiten“. Trotzdem müssen alle Bistümer enorme Mittel für dieses einmalige Großereignis beisteuern, während gleichzeitig wegen knapper Finanzen viele Jugendeinrichtungen in den Bistümern dauerhaft geschlossen werden. Wer ein eventuelles Defizit übernehmen wird, steht noch nicht fest.

Diese Liste lässt sich – leider – für alle deutschen Bistümer fortsetzen.

 

Kirche ohne Personal

Textfeld: Pastorale Berufe in Deutschland 2002 *
Priester insgesamt
16.777
im aktiven pastoralen Dienst
12.089
      davon Pfarrseelsorge
9.368
      davon Kategorialseelsorge
2.721
Beurlaubte / im Ruhestand
4.688
Ständige Diakone
2.461
      davon im Hauptberuf
974
      davon mit Zivilberuf
1.487
Gemeindeassistent(inn)en /
Gemeindereferent(inn)en

4.410
      männlich
1.013
      weiblich
3.397
Pastoralassistent(inn)en /
Pastoralreferent(inn)en

2.921
      männlich
1.866
      weiblich
1.055
* Angaben der Deutschen Bischofskonferenz
 
Die Zahl der Priester ist zwischen 1992 und 2002 von 19.266 auf 16.777 zurückgegangen. Von diesen sind nur noch 72 Prozent im aktiven pastoralen Dienst. Auf Grund der schon jetzt hohen Altersstruktur wird dieser Prozentsatz weiter rapide sinken. Die Zahl der pastoralen MitarbeiterInnen liegt auch heute noch deutlich unter der Zahl der Priester. Angesichts der schlechten Berufsaussichten hat die Zahl derer, die sich für einen Beruf als Gemeinde- oder PastoralreferentInnen entscheiden, in den vergangenen Jahren wieder stark abgenommen.

Die Zahl der „Pfarreien und sonstigen Seelsorgestellen“ ist zwischen 1992 und 2002 nur vergleichsweise wenig zurückgegangen von 13.331 auf 13.099. Doch diese Zahl täuscht, denn viele Pfarreien und sonstigen Seelsorgestellen werden schon jetzt nur noch nebenamtlich verwaltet und sind nicht mehr besetzt. Die eigentliche Welle der Zusammenlegungen und Schließungen steht jedoch noch bevor. Erst kürzlich hat die Bischofskonferenz eine Arbeitshilfe zur Umnutzung von Kirchen herausgegeben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die „Zeichen der Zeit“ erkennen !

Die Situation ist dramatisch ernst. Die vorliegenden Fakten sind von prophetischer Klarheit und Deutlichkeit. In dieser Situation helfen weder Resignation, noch die Flucht in die Selbstberuhigung oder Spiritualisierung.

·    Der jetzt stattfindende „Kirchenumbau“ darf nicht veraltete Strukturen stabilisieren, sondern muss an den wirklichen Herausforderungen der Zeit und Bedürfnissen der Menschen Maß nehmen.

·    Bei allen Prioritätensetzungen und aus Sachzwängen begründeten Entscheidungen ist danach zu fragen, welche spirituellen und pastoralen Implikationen sie haben, wie nah die Kirche den Menschen bleibt.

·    Unbedingte Offenheit und Transparenz sind wesentliche Voraussetzungen, auf lange Sicht wieder das Vertrauen der Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen zurück zu gewinnen.

·    Die Kirchenleitungen werden sich für Reformen öffnen müssen, die heute noch kaum vorstellbar sind, wie die Stärkung der Frauenpartizipation und eine neue Berufungstheologie.

·    Nur wenn die Kirchenmitglieder an den Entscheidungsprozessen mitwirken können, werden sie die notwendigen Änderungen auch mittragen und mitverantworten, getreu dem frühchristlichen Leitsatz „Was alle angeht, muss von allen besprochen und entschieden werden!“ und dem Subsidiaritätsprinzip.

·    Eine mehr auf ehrenamtliche Kräfte begründete Kirche ist auch eine prophetische Chance.

·    Kirchen und ihre Strukturen sind kein Selbstzweck sondern immer daran zu messen, ob und wie sie den Grundfunktionen Liturgia, Martyria, Diakonia und Koinonia (d.h. Gemeinschaftsbildung) dienen.

·    Die Communio-Theologie des Zweiten Vaticanums darf nicht ausgehöhlt werden.

·    Die gegenwärtige Finanzkrise kann neue christliche Phantasie frei setzen, die keineswegs einem realistischen und nüchternen Umgang mit Geld widerspricht.

·    Ein wirklicher Aufbruch wird nur dort möglich sein, wo Menschen die Liebe Gottes sehr konkret in ihren Lebenssituationen glaubhaft vermitteln und den Mut haben, auf Gott zu setzen.

 

Zum Weiterlesen:

Rainer Bucher (Hg.): Die Provokation der Krise. Zwölf Fragen und Antworten zur Lage der Kirche. 2004, Echter Verlag, 256 S., 14,80 Euro

Paul M. Zulehner: Kirche im Umbau. Für eine Erneuerung im Geist des Evangeliums. In: HerderKorrespondenz, März 2004, Seite 119-124

 

16.3.04

C h r i s t i a n W e i s n e r

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