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Die reinen Fakten sind für die Kirchen alarmierend. So nimmt die Zahl
der Kirchenmitglieder stetig ab. Im Jahr 2001 sank die Zahl der
Protestanten von 26,6 auf 26,4 Millionen, die der Katholiken um 160 000 auf
26,6 Millionen. Was diesen Trend jedoch verstärkt und damit für die Kirchen
gefährlich macht: Die verbliebenen Kirchenmitglieder werden immer älter, die
Jüngeren aber halten Distanz zu den Kirchen.
Auf Grund dieser demographischen Entwicklung und als Folge der Steuerreform
sinken die Einnahmen aus der Kirchensteuer, weshalb auf allen
kirchlichen Ebenen nervige Spardiskussionen geführt werden und sich die Kirchen
von lieb gewordenen sozialen Dienstleistungen verabschieden müssen.
Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt ebenfalls; im Jahr 2000 gingen
noch 3,9 Prozent der Protestanten sonntags in die Kirche, 66
Zwar zeigt die neueste Untersuchung der Evangelischen Kirche zur
Kirchenmitgliedschaft, dass sich die Zahl derer, die sich mit ihrer Kirche eng
oder ziemlich verbunden fühlen, in den vergangenen zehn Jahren kaum
verändert hat; sie liegt bei rund 37 Prozent. Doch ist die Bereitschaft der
Kirchenmitglieder nur sehr gering, sich aktiv am Gemeindeleben zu beteiligen.
Außerdem tragen sich etwa 33 Prozent der Protestanten mit dem Gedanken, aus der
Kirche auszutreten. In den vergangenen dreißig Jahren kehrten 5,2 Millionen
Menschen der protestantischen Kirche den Rücken, während 1,2 Millionen in die
Kirche eintraten.
An diesen Zahlen lässt sich insgesamt eine langsame, aber stetige Erosion
einer in der Gesellschaft verankerten "Volkskirche" ablesen. Die
Zugehörigkeit zur Kirche wird immer weniger selbstverständlich. In der DDR gab
es diese Volkskirche nicht. Das SED-Regime bekämpfte beide christlichen
Kirchen. Die Bevölkerung gehörte in ihrer großen Mehrheit überhaupt keiner
Konfession an, ja lehnte die Religion zum Teil sogar strikt ab oder stand ihr
gleichgültig gegenüber. Das gilt bis heute. In den neuen Bundesländern
haben es die Kirchen daher besonders schwer, über den harten Kern der Christen
in den Gemeinden hinaus neue Mitglieder zu werben.
Aber auch die Zahl der Menschen, die sich noch als religiös bezeichnen,
nimmt ab. Der Online-Umfrage "Perspektive Deutschland" zufolge halten
sich noch 39 Prozent der Deutschen für religiös, während eine Studie der
Konrad-Adenauer-Stiftung eine Zahl von 43 Prozent nennt. Das durchaus
vorhandene Interesse an religiösen Fragen – der Wiener Religionssoziologe Paul
M. Zulehner spricht gar von einem "spirituellen Megatrend" – geht an
den Kirchen vorbei und verliert sich auf dem bunten Markt vielfältigster
Sinnanbieter. Kirche ist dabei nur ein Angebot unter vielen und nicht gerade
das beliebteste.
Gerade mal elf Prozent aller Deutschen setzten Vertrauen in die
katholische Kirche, 17 Prozent in die evangelische, heißt es in der
Online-Befragung. Auch eine Gallup-Umfrage bescheinigte den Kirchen in
Deutschland, am unteren Ende der Vertrauensskala zu liegen, noch hinter dem
Parlament und den derzeit so gescholtenen Gewerkschaften. Ein vernichtendes
Ergebnis auch deshalb, weil sogar nur jeder vierte Katholik und jeder dritte
Protestant der eigenen Kirche Vertrauen entgegenbringt. Wobei besonders
erhellend ist, dass zum Beispiel das Vertrauen der Katholiken in die
süddeutschen, speziell die bayerischen Bistümer, am geringsten ist: in das
urkatholische, traditionell-volkskirchliche Milieu also. HAM
20.10.03
Quelle: Frankfurter Rundschau S. 2