Kirche in Zahlen

Die reinen Fakten sind für die Kirchen alarmierend. So nimmt die Zahl der Kirchenmitglieder stetig ab. Im Jahr 2001 sank die Zahl der Protestanten von 26,6 auf 26,4 Millionen, die der Katholiken um 160 000 auf 26,6 Millionen. Was diesen Trend jedoch verstärkt und damit für die Kirchen gefährlich macht: Die verbliebenen Kirchenmitglieder werden immer älter, die Jüngeren aber halten Distanz zu den Kirchen.
Auf Grund dieser demographischen Entwicklung und als Folge der Steuerreform sinken die Einnahmen aus der Kirchensteuer, weshalb auf allen kirchlichen Ebenen nervige Spardiskussionen geführt werden und sich die Kirchen von lieb gewordenen sozialen Dienstleistungen verabschieden müssen.
Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt ebenfalls; im Jahr 2000 gingen noch 3,9 Prozent der Protestanten sonntags in die Kirche, 66000 weniger als im Vorjahr; bei den Katholiken sank die Quote von 16,5 auf 15,9 Prozent. Aber auch Trauungen (minus 10000 im Jahr 2001) und Taufen (minus 12000) werden immer weniger nachgefragt.
Zwar zeigt die neueste Untersuchung der Evangelischen Kirche zur Kirchenmitgliedschaft, dass sich die Zahl derer, die sich mit ihrer Kirche eng oder ziemlich verbunden fühlen, in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert hat; sie liegt bei rund 37 Prozent. Doch ist die Bereitschaft der Kirchenmitglieder nur sehr gering, sich aktiv am Gemeindeleben zu beteiligen. Außerdem tragen sich etwa 33 Prozent der Protestanten mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten. In den vergangenen dreißig Jahren kehrten 5,2 Millionen Menschen der protestantischen Kirche den Rücken, während 1,2 Millionen in die Kirche eintraten.
An diesen Zahlen lässt sich insgesamt eine langsame, aber stetige Erosion einer in der Gesellschaft verankerten "Volkskirche" ablesen. Die Zugehörigkeit zur Kirche wird immer weniger selbstverständlich. In der DDR gab es diese Volkskirche nicht. Das SED-Regime bekämpfte beide christlichen Kirchen. Die Bevölkerung gehörte in ihrer großen Mehrheit überhaupt keiner Konfession an, ja lehnte die Religion zum Teil sogar strikt ab oder stand ihr gleichgültig gegenüber. Das gilt bis heute. In den neuen Bundesländern haben es die Kirchen daher besonders schwer, über den harten Kern der Christen in den Gemeinden hinaus neue Mitglieder zu werben.
Aber auch die Zahl der Menschen, die sich noch als religiös bezeichnen, nimmt ab. Der Online-Umfrage "Perspektive Deutschland" zufolge halten sich noch 39 Prozent der Deutschen für religiös, während eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Zahl von 43 Prozent nennt. Das durchaus vorhandene Interesse an religiösen Fragen – der Wiener Religionssoziologe Paul M. Zulehner spricht gar von einem "spirituellen Megatrend" – geht an den Kirchen vorbei und verliert sich auf dem bunten Markt vielfältigster Sinnanbieter. Kirche ist dabei nur ein Angebot unter vielen und nicht gerade das beliebteste.
Gerade mal elf Prozent aller Deutschen setzten Vertrauen in die katholische Kirche, 17 Prozent in die evangelische, heißt es in der Online-Befragung. Auch eine Gallup-Umfrage bescheinigte den Kirchen in Deutschland, am unteren Ende der Vertrauensskala zu liegen, noch hinter dem Parlament und den derzeit so gescholtenen Gewerkschaften. Ein vernichtendes Ergebnis auch deshalb, weil sogar nur jeder vierte Katholik und jeder dritte Protestant der eigenen Kirche Vertrauen entgegenbringt. Wobei besonders erhellend ist, dass zum Beispiel das Vertrauen der Katholiken in die süddeutschen, speziell die bayerischen Bistümer, am geringsten ist: in das urkatholische, traditionell-volkskirchliche Milieu also. HAM

20.10.03

Quelle: Frankfurter Rundschau S. 2