Bei der Sexualmoral herrscht heute Funkstille"
Der Luzerner Ethik-Professor Hans Halter tritt in den Ruhestand

Luzern, 17.6.04 (Kipa). Solange in der katholischen Kirche der Grundsatz
gelte, dass jeder Geschlechtsverkehr für die Fortpflanzung offen sein müsse,
sei im Bereich der Sexualmoral kaum ein Fortschritt möglich, meint der
Luzerner Ethik-Professor Hans Halter (65)im Interview mit der Presseagentur
Kipa: "Es ist bedauerlich, das die Kirche mit ihrer kompromisslosen Haltung
die eigentlich dringend notwendige Diskussion um sexualethische Fragen
nahezu zum Erliegen gebracht hat." - Hans Halter tritt nach fast 30-jähriger
Lehrtätigkeit in den Fachbereichen Moraltheologie und Theologische Ethik in
den Ruhestand.

Kipa: Hans Halter, die Position des kirchlichen Lehramtes in Rom scheint in
Fragen der Sexualmoral unverrückbar zu sein. Stimmt der Eindruck, dass in
den vergangenen Jahrzehnten in diesem Bereich nur noch ein Treten an Ort
stattgefunden hat?

Hans Halter: Dieser Eindruck ist generell zutreffend. Es wäre allerdings
falsch zu sagen, dass sich hier gar nichts verändert hat. Immerhin ist die
frühere Sicht der Kirche, wonach die Sexualität einzig für die Fortpflanzung
da ist, wenigstens teilweise revidiert worden. Mit Beginn der Neuzeit hat
man mehr und mehr eingesehen, dass die Sexualität auch als Ausdruck und
Bestärkung einer Partnerschaft und damit einer Lebens- und
Liebesgemeinschaft zu verstehen ist.

Kipa: Trotzdem ist die Kirche in ihrer Haltung zur Frage der künstlichen
Verhütungsmittel oder der Homosexualität keinen Millimeter von ihrer
Position abgerückt ...

Halter: Die Problematik der katholischen Sexualmoral liegt darin, dass von
der Prämisse ausgegangen wird, dass jede sexuelle Betätigung grundsätzlich
für Fortpflanzung offen bleiben muss. Das bedeutet nicht, dass die Menschen
möglichst viele Kinder haben sollten. Auch die Kirche ist heute für
Geburtenkontrolle, umstritten ist jedoch die Methode, mit der diese
Geburtenkontrolle umzusetzen ist.

Kipa: Wo liegt das Problem?

Halter: Wenn am Grundsatz nicht gerüttelt werden kann, dass jeder
Geschlechtsverkehr für Fortpflanzung offen bleiben muss, dann sind in
bestimmten Bereichen keine Fortschritte möglich. Das gilt beispielsweise für
die Frage der Selbstbefriedigung oder der Homosexualität, wo die Diskussion
bereits seit Jahren blockiert ist.

Kipa: Auch unter aufgeschlossenen Moraltheologen scheint die Diskussion zu
diesem Thema verstummt zu sein. Warum?

Halter: Nach der päpstlichen Enzyklika "Humanae vitae" sind viele
Moraltheologen kirchlich unter Beschuss geraten und haben zum Teil wegen
abweichenden Positionen sogar ihre Stelle verloren. Ein bekanntes Beispiel
war Stephan Pfürtner, ehemaliger Professor für Moraltheologie in Freiburg
(Schweiz). Dies hat dazu geführt, dass die Moraltheologen in der
Öffentlichkeit nichts mehr zu diesem Thema sagen geschweige denn schreiben.
Deshalb herrscht in diesem Bereich heute absolute Funkstille.

Kipa: Wäre es aber nicht gerade in unserer aktuellen gesellschaftlichen
Situation sehr wichtig, auch in diesem Bereich eine zeitgemässe
Orientierungshilfe anzubieten?

Halter: Zweifellos wäre dies heute eine wichtige Aufgabe der Kirche und der
theologischen Ethik, den Menschen in Fragen der Sexualmoral neue
Orientierungshilfen anzubieten. Denn es ist unbestritten, dass es sich hier
um einen wichtigen Bereich im menschlichen Leben handelt: Man bekommt es ja
an jedem Kiosk zu sehen, dass die Sexualität für die Menschen auch heute ein
zentrales Thema darstellt. Umso bedauerlicher ist es, dass die Kirche mit
ihrer kompromisslosen Haltung die eigentlich dringend notwendige Diskussion
um sexualethische Fragen eher zum Erliegen gebracht hat. (kipa/bbü/job)

Interview: Benno Bühlmann / Kipa

Quelle: http://www.kipa-apic.ch/meldungen/sep_show_de.php?id=1785