"Sexualität zulassen und gestalten"

Psychotherapeut Dr. Wunibald Müller zeigt Hintergründe zur aktuellen Debatte um pädophile Priester auf

Würzburg (POW) "Die Kirche muss gegenwärtig erkennen, dass sie hinter dem eigenen moralischen Anspruch weit zurückliegt." Dies hat der Buchautor, Theologe, Psychologe und Psychotherapeut Dr. Wunibald Müller am Montagabend, 13. Mai, im Matthias-Ehrenfried-Haus in Würzburg betont. Müller leitet das Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach und betreut dort Priester in Krisensituationen. Angesichts in jüngster Zeit bekannt gewordener Fälle von Kindesmissbrauch durch katholische Priester, die Papst Johannes Paul II. als "verbrecherische Vergehen" verurteilte, äußerte sich Müller grundlegend zum Verhältnis von Priestertum, Zölibat und Sexualität.

Sexualität sei ein Geschenk Gottes, das jeder Mensch annehmen, zulassen und gestalten müsse, forderte Müller. Sie unterdrücken zu wollen bedeute, Quellen des eigenen Lebens und der eigenen Spiritualität zu verschütten. Es gelte vielmehr, sie als normale Kraft im Lauf des Lebens zu entwickeln und so zu entfalten. Diese Entwicklung habe bei Männern, die Minderjährige missbrauchten, häufig nicht stattgefunden. Bezogen auf ihre emotionale Reife seien sie häufig im Stadium 13-jähriger Kinder stehen geblieben. Dieser Stillstand habe seine Ursache vielfach in Tabuisierung und negativer Einstellung zur Sexualität in der Familie.

Eine Entscheidung zum Zölibat könne allerdings gerade nicht heißen, die eigene Sexualität zu unterdrücken, erläuterte Müller. Vielmehr müsse sie angenommen und gelebt werden. Es gelte, die eigene sexuelle Identität zu finden, um so entscheiden und gestalten zu können. Christliche Moral heiße nicht, die eigenen Gefühle zu verleugnen, sondern verantwortlich mit ihnen umzugehen. Gerade der Priester müsse an der eigenen Fähigkeit zur Intimität arbeiten. Das bedeute einerseits, fähig zu tiefer inniger Beziehung zu anderen Männern und Frauen zu werden. Andererseits heiße es aber auch, die eigene Intimsphäre schützen und die der anderen respektieren zu können. Dies sei unabdingbar, um sich in andere Menschen einzufühlen zu können.

Einem solchen Prozess emotionaler Reifung müsse sich auch derjenige stellen, der den Zölibat leben wolle, unterstrich Müller: "Wer den Zölibat lebt, muss das Leben wagen." Ebenso wie in der Ehe müsse um die Sexualität ein Leben lang gerungen werden. Nur wer die eigene Sexualität erfahren habe, könne den Zölibat leben. Aber auch derjenige, der den Weg des Zölibats verantwortet wähle, brauche die Wärme und Geborgenheit eines Netzes von Beziehung. Eckpunkt eines solchen Netzes sei für den Priester die "persönliche, innige und direkte Beziehung zu Gott", hob Müller hervor. Intimität mit Gott sei der einzige Weg, den Zölibat erfüllt zu leben. Fehle das Verlangen nach ihr, sei das ein Alarmzeichen.

Müller verdeutlichte, dass in vielen gerade neueren kirchlichen Verlautbarungen und Texten eine durchaus positive Einstellung zur Sexualität zum Ausdruck komme. Auch in der Priesterausbildung habe sich hier vieles zum Positiven gewendet. Darüber hinaus bedürfe es aber eines neuen "aggiornamento" (Aufbruchs) im Verhältnis der Kirche zur Sexualität: Es gelte, "die Fenster zu öffnen und frischen Wind einzulassen". Konsequenz eines in dieser Weise veränderten Verhältnisses müssten dann auch die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priestertum sein. Müller verwies weiterhin auf die mystische Tradition der Kirche, in der darauf aufmerksam gemacht werde, dass in der Sexualität ein "Transzendenzpotential" stecke. Daher sollten Sexualität und Spiritualität nicht getrennt werden. Spiritualität werde sonst zur "Trockenübung".

 

15.05.2002

Quelle: www.katholische-kirche.de