Kirche, Sexualität und Sünde
Der Papst hat Recht: Sexueller Missbrauch von Kindern ist allemal ein Verbrechen und für Christen eine "erschütternde Sünde vor Gott". Auch das Vertuschen soll ein Ende haben. Aber das müsste dann auch für die nach weltlichem Recht erlaubten sexuellen Kontakte von Geistlichen gelten, was allerdings mit Sicherheit in einen widerlichen Voyeurismus ausarten würde. Zumal es kein Geheimnis ist, dass die Kirche zu keiner Zeit ihrer gepredigten Sexualmoral gerecht werden konnte, wohl aber ein Maß an psychischem Leid über unzählige Menschen gebracht und sie damit häufig zerstört hat, das sich nur ahnen lässt: Gewissensqualen, Schuldangst, Glaubenszweifel, Strafbedürfnis. Die Inquisition und ihr Hexenwahn lebten nicht zuletzt von der sexuellen Denunziation, deren Opfer vorwiegend Frauen waren.
Pädophile Priester sind nur ein Symptom, nicht das Übel. Das Übel ist das negative Menschenbild der Kirche, das zum Ausdruck kommt in der Abwertung der Sexualität (und, damit stets verbunden, der Frau). Die Kirche, vom Mönch bis zum Papst, hat nie verhindern können, dass ihre strenge Sexualmoral die Amtsträger überforderte und in eine Doppelmoral ausartete, ergo in Heuchelei. Das war - und ist - beileibe kein individuelles Problem nach dem Motto "Auch im Klerus gibt es Sünder", sondern ein Systemproblem; daher lastet auch die Vergangenheit schwer. Es gab Päpste, die starben an Syphilis, hatten, wie viele Bischöfe, hunderte Mätressen (oft gemeinsam). Bischof Heinrich von Lüttich zeugte einst 61 Kinder, viele seiner Amtsbrüder vor und nach ihm unterhielten Bordelle. Nicht selten baten die Männer einer Gemeinde ihre Priester, sich doch bitte Konkubinen zuzulegen und ihre Frauen und Töchter in Ruhe zu lassen.
Obwohl wegen der Überforderung auch der Zölibat täglich zu Grabe getragen wird, hält der Vatikan an der Ehelosigkeit und lehramtlich an der strengen Sexualmoral fest und damit die Kirche in der Krise. Wie und mit welchen Folgen bewältigen die Geistlichen diese erzwungene Enthaltsamkeit psychisch? Priester, die ausgestiegen sind, schätzen die Homosexualiät immerhin auf 30 bis über 50 Prozent.
Das der kirchlichen Sexualmoral zu Grunde liegende Menschenbild hat die Kulturentwicklung Europas schwer beeinträchtigt. Es beruht auf der grotesk körperfeindlichen Lehre der griechischen Philosophen Platon und Aristoteles ("Der Leib als Gefängnis des Geistes", die Frau als "Quell des Übels"), die die Kirchenväter von Origines bis Albertus Magnus übernahmen. Mag auch vieles zurechtgerückt und korrigiert sein, mag die seelsorgerliche Praxis nichts oder nur wenig von der Anthropologie eines Platon enthalten die Lehre der katholischen Kirche beruht immer noch auf diesem teils dogmatisierten Unsinn.
Die Psychologie hat die überragende Bedeutung nicht gegängelter Sexualität für die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit längst nachgewiesen. Und jetzt behaupten viele Anthropologen und Evolutionstheoretiker, die einzigartige Ausdehnung der Sexualität von einer begrenzten Brunftzeit zu einem lebenslangen Vermögen habe zur Menschwerdung entscheidend beigetragen, weil sie die Entwicklung eines komplexen Sozialverhaltens und damit des Bewusstseins anregte. Das "Ebenbild Gottes" beruhte demnach nicht zuletzt auf einer evolutionsspezifischen Sexualentwicklung des (Vor-)Menschen.
Was immer man von einzelnen solcher Thesen halten mag, deutlich wird, dass sich die Kirche abermals - und das spätestens seit Sigmund Freud - auf einen Konflikt eingelassen hat, jetzt mit den Humanwissenschaften, den sie, wie zuvor schon bei den Naturwissenschaften, nicht gewinnen kann. Sie wird ihre Haltung zur Sexualität korrigieren müssen, nicht nur, weil in einer Spaßgesellschaft sexuelle Askese keinen Platz hat. Dabei sollte nicht nur der Zölibat verschwinden, im ganzen Lehrgebäude wäre kräftig aufzuräumen.
Die Kirche würde sich dadurch nicht nur eines alten, zähen Konflikts entledigen, sie würde neuen Schwung und Kraft gewinnen, um bei der ethischen Gestaltung der Welt glaubwürdig mitreden zu können. Eine solche Kirche wäre unverzichtbar, zumal die alberne Kommerzialisierung und geile Voyeurisierung des Sexus, abstruserweise als seine Befreiung gefeiert, nicht der Weisheit letzter Schluss sein sollte. (Anton-Andreas Guha)
Aus: Frankfurter Rundschau, 25.4.2002