Kirchen
Von allen guten Geistern verlassen
Jede dritte Kirche ist von Schließung, Verkauf
oder Abriss bedroht. Selbst Atheisten erschrecken vor der sich ausbreitenden
Leere
Im ganz normalen Leben wäre die christliche
Kirche ein konkursbedrohter Sanierungsfall. Veraltet das Verkaufskonzept,
erodierend der Kundenstamm und die Umsätze im Sturzflug: ein Mischkonzern, der
überall investiert hat, im Sozialen, im Kulturellen, im Politischen. Der an
ewiges Wachstum glaubte und viel zu viele Filialen eröffnete, immer mehr
Kindergärten, Gemeindehäuser, immer mehr Kirchen. Allein in Hamburg wurden
davon in den letzten 60 Jahren mehr gebaut als in den 600 Jahren zuvor. Und
selbst als in den Achtzigern die sinkende Nachfrage nicht mehr zu verhehlen
war, ging’s weiter wie bisher. Erst jetzt macht sich eisige Ernüchterung breit.
„Wir haben die dicken Bretter, auf denen wir standen, immer weiter
abgehobelt“, sagt der Hamburger Oberkirchenrat Ulrich Seelemann. „Nun bewegen
wir uns auf Furnier.“ Und selbst das wird noch dünner: Über vier Millionen
Mitglieder sind in den letzten zehn Jahren aus beiden Volkskirchen ausgetreten.
Die Einnahmen sinken entsprechend, die Finanzkraft des Kirchenkreises
Alt-Hamburg zum Beispiel um 83 Prozent binnen 30 Jahren. Die Steuerreform
brachte weitere Einbrüche, und so liegt in manchen Gemeinden das Budget 2004 um
die Hälfte niedriger als noch im vorigen Jahr.
Hektisch werden jetzt Stellen gestrichen, ganz wie in der
richtigen Wirtschaft. Und auch den Immobilienbestand will man verringern.
Gerade Kirchenbauten, einst Zeugnisse der Zuversicht, haben sich für etliche
Gemeinden zum Albtraum entwickelt. Oft fließt mehr Geld in die Heizung als in
die Kindergruppenarbeit, oft fressen die Reparaturen den gesamten Etat. In den
stark säkularisierten Gebieten Ostdeutschlands hat man bereits zahlreiche Kapellen
und Basiliken dichtgemacht – von den zwölf Kirchen im thüringischen Mühlhausen
zum Beispiel werden nur noch vier von den Gemeinden genutzt. Im Westen droht
nun Ähnliches. In Frankfurt am Main etwa bieten die evangelischen Kirchen
genügend Platz für 400000 Christen; es gibt aber nur noch 145000 Mitglieder.
„Die Hälfte aller Bauten muss abgegeben werden“, sagt Esther Gebhard, die
Vorsitzende des Frankfurter Kirchenparlaments.
Altar raus, Geldautomat rein
So radikal hat das bislang noch niemand formuliert; lieber sprach
man von Einzelfällen, die abgerissen werden müssten. Doch auch Matthias Ludwig
vom Kirchenbauinstitut Marburg prognostiziert nun dramatische
Schließungswellen: Er hält es für „durchaus realistisch“, dass jede dritte der
32000 Kirchen verkauft oder abgerissen werden muss. Es droht der Verlust
unzähliger Denkmäler – was lange selbstverständlich war, löst sich auf.
Noch allerdings ist die Zahl der Verkäufe überschaubar, denn um
keinen Preis wollen die evangelische und katholische Kirche in eine
Abwärtsspirale wie in Holland geraten. Dort hatte man schon vor 30 Jahren mit
dem Ausverkauf begonnen und musste bald merken, dass die Veräußerung einen
empfindlichen Verlust auf symbolischem Terrain mit sich brachte: Die
öffentliche Wahrnehmbarkeit der Gemeinden nahm ab, damit auch die
Mitgliederzahl, was wiederum zu weiteren Verkäufen führte. Von 44 Kirchen, die
es in Amsterdam vor 30 Jahren gab, wird heute nur noch die Hälfte für
Gottesdienste genutzt. In die anderen sind Supermärkte, Restaurants und Discos
eingezogen.
Mit derlei Verramschung mag sich in den deutschen Kirchenleitungen
– trotz aller Geldnot – noch niemand abfinden. Vereinzelt hat man es zwar
gewagt, im brandenburgischen Milow etwa, wo der Altar der Dorfkirche durch den
Geldautomaten der Sparkasse ersetzt wurde. Oder im sauerländischen Willingen,
wo in die Dorfkirche das Gasthaus Don Camillo einzog. Ansonsten aber ziert man
sich, will das eigene Ansehen nicht beschädigen – erst recht nicht dadurch,
dass man am Ende auf den eigenen Angeboten sitzen bleibt. Hierzulande ist es
weit schwieriger, eine Kirche zu verkaufen, als in Holland. Das Angebot an
alten Umspannwerken, Herrenhäusern, Lagerhallen ist beträchtlich – wer sollte
da Interesse an einer neogotischen Kathedrale haben oder gar an einer Trutzburg
wie St. Agnes in Berlin, erbaut in den sechziger Jahren? Damals meinte man
noch, der Beton, mit dem man hier die fensterlosen Wände hochzog, stünde für
die Ewigkeit. 40 Jahre später hat sich in den Seitenschiffen eine Schar von
Putzeimern versammelt, eifrig hüpfen die Regentropfen. Eine Sanierung würde
drei Millionen Euro kosten. Niemand kann die Summe tragen.
Ein wenig scheu blickt sich Pfarrer Konrad Torwesten in seiner
Kirche um. Er hat hier viele erfüllte Jahre verbracht, die Bänke waren gut
gefüllt mit Katholiken aus Polen. Dass nun plötzlich Schluss sein soll, kann er
noch gar nicht begreifen. „Ich habe einen Brief vom Bischof bekommen und ihn
der Gemeinde vorgelesen“, sagt er. „Da stand drin, dass keine Kirche
geschlossen und keine abgerissen wird.“ Das war vor einigen Monaten. Seit
kurzem nun stehen sechs katholische Kirchen in Berlin zum Verkauf, und das
Schicksal von St. Agnes ist ungewiss. „Es kommen hier oft Architekturstudenten,
sogar aus England“, sagt Torwesten. Sie bestaunen den Kirchenbau von Werner
Düttmann, einem der wichtigsten Architekten der Nachkriegszeit, seine
bußfertige Ästhetik, das strenge, gleichwohl raffinierte Pathos seiner Räume.
Ohne Zweifel ist diese Kirche ein Denkmal der Architekturgeschichte. Doch gibt
es allein in Berlin noch weitere 80 Kirchen aus jener Zeit, viele
erfindungsreich im Entwurf, eigenwillig im Material. Geliebt werden sie meist
nicht, so wenig, wie man vor 40 Jahren die Gründerzeitkirchen liebte. Nur dass
man damals noch Geld hatte, auch das Ungeliebte zu erhalten.
Also doch Abriss für St. Agnes? In der Kirchenleitung hofft man,
dass sich noch ein Käufer findet, eine der vielen orthodoxen Gemeinden
vielleicht. Auch der Vorschlag eines ökumenischen Kirchenmuseums wird
diskutiert. Allerdings weiß man sehr genau, dass solche Umnutzungen sich nur
selten bewähren. Ein paar Straßenecken von St. Agnes entfernt, in der
evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche, ist es immerhin im Ansatz gelungen. Anfang
der Neunziger hatte man dort beschlossen, die Kirche in einen
Veranstaltungssaal umzuwandeln, der nun auch an Dritte vermietet wird. Zudem
wurde in die Nischen der Backsteinhalle ein Glas- und Stahlgehäuse mit vielen
Räumchen eingefügt, in denen die Pastoren, die Altentreffs und die Asylberatung
unterkommen, alles, was vorher im Gemeindehaus war. Dieses konnte man dann
verkaufen.
Auch andere Gemeinden würden gerne, wenn sie könnten. Doch für
viele ist ein Umbau nach Heilig-Kreuz-Vorbild viel zu teuer. Zudem hat sich
herumgesprochen, dass mit Kultur nur selten zahlendes Publikum anzulocken ist.
Damit die Vermietung für Konzerte oder Kunstschauen überhaupt läuft, braucht es
professionelle Manager. Und die rechnen sich erst ab 200 Veranstaltungen im
Jahr. Diese Erfahrung musste man auch in St. Johannis in Hamburg-Altona machen,
die an sechs Tagen in der Woche vermietet wird – zum Verdruss nicht weniger
Christen. Sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer Kirche, seit dort Werbeleute
ihre Weihnachtsfeier abhalten oder Modeschauen irgendein Tralala vorführen.
„Als wir vor fünf Jahren anfingen“, erzählt Ilse-Marie Rüttgerodt-Riechmann vom
Kirchenvorstand, „sind gleich zwei Ehrenamtliche ausgeschieden. Sie hatten das
Gefühl, die Seele des Raums würde verletzt.“ Man könnte es auch Säkularisierung
von innen nennen.
Die Heilig-Kreuz-Kirche holt sich wundersame „Klänge des Ayurveda“
ins Haus, ein „Shanty Festival“ oder eine „Diashow Australien“; es finden sich
mehrere Gymnastik- und Handarbeitskurse, und zweimal die Woche trifft sich die
Mieterberatung; hingegen gibt es nur einen Bibelkreis, und den auch nur alle
zwei Wochen. Je mehr Kirchen zu reinen Freizeitstätten verkommen, umso größer
wird die Gefahr der Verwechsel- und Verzichtbarkeit.
Die Chance auf Neubesinnung
Was aber bleibt den Gemeinden, wenn der Verkauf nicht gelingt und
Umnutzungen fragwürdig sind? Manche Kirchenleitung sieht im Abriss den letzten
Ausweg, doch auch der ist nicht selten versperrt. So wie in Frankfurt, wo die
Matthäus-Kirche nahe der Messe niedergemacht werden soll, die Gemeinde sich
aber mit allen medialen und rechtlichen Mitteln wehrt. Selbst eiserne Atheisten
spüren plötzlich die drohende Leere und entdecken ihr Herz für das alte Gemäuer
– eine Erfahrung, die fast überall gemacht wird, wo Abriss droht. Offenbar ist
in den Kirchen mehr aufgehoben als nur Altar, Kanzel und Gesangbücher. Offenbar
birgt die Bedrohung der Bauten auch eine Chance auf Neubesinnung.
Doch wie die Chance nutzen? Die meisten Landeskirchen klammern
sich lieber an den weltlichen Besitzstand, statt über neue Formen der
Gemeindearbeit nachzudenken. Sie kämpfen um Dachpfannen, rationalisieren
Pastoren weg und stellen sich nicht der entscheidenden Frage im Verkaufs- und
Abrisszwist: ob denn die symbolische Bedeutung der architektonischen Hüllen
wichtiger ist als Verkündigung und Gemeindearbeit. Sie erkennen nicht, dass
nicht mehr die Rede sein kann von Volks- und Erfolgskirche – und die Gemeinden
lernen müssen, mit der verlorenen Größe umzugehen.
Eigentlich ist es hohe Zeit für Ketzer, für Leute wie Marcus
Nitschke. „Es muss dringend ein paar Abrisse geben“, sagt er und meint es
ernst. „Die Kirche darf nicht am Vertrauten kleben, sie muss auch Neues bauen,
dort, wo die Menschen heute hinziehen.“ Nitschke ist Theologe und hat zusammen
mit Architekten und Immobilienprofis das Büro D:4 gegründet, das Gemeinden bei
Umbau oder Abriss berät. „Anfangs geht’s da nur um Architektonisches“, sagt
Nitschke. „Aber bald ist man beim Eigentlichen: Was will die Gemeinde? Was ist
ihr wichtig? Wofür braucht sie ihre Bauten?“ Sie sprechen über den Kern, über
das, was einer christlichen Minderheit in der nichtchristlichen
Mehrheitsgesellschaft noch bleibt. Und plötzlich sind die Hüllen nur noch
Hüllen. Nicht mehr, nicht weniger.
Quelle: http://www.zeit.de/2004/11/Kirchenleerstand