Die Sachwalter des Religiösen büßen ihre ureigenste
Kompetenz ein
Die Lage ist widersprüchlich: Immer mehr
Menschen wenden sich von der Kirche als Institution ab, räumen ihr aber
gleichzeitig einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert ein.
VON HARTMUT MEESMANN (WIESBADEN)
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Die Kirche wird nach wie vor als unabhängige moralische Instanz
wahrgenommen, wenn auch ihr Ruf inzwischen merklich angeknackst ist. Die Kirche
wirkt als Symbol für ein Miteinander, wie es "eigentlich" sein könnte
oder sollte - auch wenn dieselben, die sich eine kirchliche Orientierung
wünschen, diese entrüstet zurückweisen, wenn sie ihren eigenen Ansichten
widerspricht.
Bei aller Tendenz, die Religion in die privaten vier Wände zu verbannen,
wünschen viele sich weiterhin, dass die Kirchen etwa zu Fragen von Krieg und
Frieden, der Bioethik oder der Sterbehilfe Stellung nehmen. Dieselben Leute
aber haben anscheinend keine Ahnung (mehr) vom Innenleben dieser Institutionen.
Denn wenn nach einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung nur 18 Prozent der
Bevölkerung die aktive Sterbehilfe "deutlich" ablehnen, viele ihrer
Befürworter nun aber eine ethische Erklärung zu diesem Thema von den Kirchen
erwarten, dann zeigt dies, wie diffus bis unrealistisch die Erwartungen an die
Kirchen sind. Deren Stellungnahme wird in jedem Fall gegen die aktive
Sterbehilfe gerichtet sein. Warum wünschten sich viele Zeitgenossen eine
Verurteilung zum Beispiel des Irak-Krieges durch die Kirchen, während von einer
kritischen Bewertung des derzeitigen Wirtschaftssystems nirgends die Rede ist?
Geht es da etwa nicht um ethische Fragen?
Vertrauensverlust, Überalterung und Desinteresse - das sind die Trends, die die
althergebrachte Volkskirche erschüttern und die dazu führen, dass die
christlichen Kirchen an Prägekraft in der Gesellschaft einbüßen. Die Gemeinden,
die bereits aus Spargründen und wegen des Pfarrermangels zusammengelegt werden,
bluten langsam aus. Der "heilige Rest" steht in der Gefahr, sich
abzuschotten und am eigenen Ofen zu wärmen.
Damit aber wird das Gemeindeleben für Außenstehende uninteressant - nicht nur
für junge Menschen. Zwar gibt es, wie nicht nur die aktuelle
Mitgliederuntersuchung der Evangelischen Kirche verdeutlicht, nach wie vor ein
nachgewiesenes Interesse vieler Menschen an ritueller Begleitung durch die
Kirchen an den so genannten Lebenswenden: Geburt, Hochzeit, Tod. Doch auch hier
sind die Zahlen rückläufig.
Religiöse und quasi-religiöse Rituale sind in der Gesellschaft zwar mehr denn
je gefragt. Doch ist das Riten-Monopol der Kirchen längst gebrochen. Die
Sachwalter des Religiösen verlieren ihre ureigene Kompetenz an freie (religiöse
und nichtreligiöse) Anbieter, so genannte Riten-Designer. Nur durch die Qualität
ihrer Seelsorge kann die Kirche noch überzeugen. Selbstverständlich ist (fast)
nichts mehr - noch nicht einmal die kirchliche Beerdigung.
Hinzu kommt: Auch all jene kirchlichen Initiativen, die ihre Organisation
lebensnäher, zeitgemäßer und damit moderner machen wollen, haben es schwerer
als noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren. Denn: Nur vier Prozent der Bevölkerung
und gerade mal ein Drittel der Katholiken und etwas weniger Protestanten halten
Reformen in den Kirchen für dringlich. Die jungen Leute sind an der real
existierenden Kirche fast gar nicht mehr interessiert. Das bedeutet: Auch
Reformbewegungen wie die katholische Kirchenvolks-Bewegung oder die ökumenische
"Initiative Kirche von unten" drohen - möglicherweise sehr bald schon
- zu vergreisen. Sie verlieren ihr junges Unterstützerpotenzial, was schon
heute auf ihren Treffen zu beobachten ist. Wenn aber die internen Reformanstöße
versanden, dann bleibt irgendwann allein der harte, überwiegend konservative
Kern übrig, der den Abschied von der Volkskirche beschleunigen dürfte.
Mit innerkirchlichen Reformthemen sind nur noch wenige Menschen zu
interessieren. Selbst wenn zum Beispiel die katholische Kirche morgen
Priesterinnen hätte oder die evangelische Kirche auch einmal eine Bischöfin an
ihre Spitze wählte - was beides durchaus zu begrüßen wäre -, ihre schwieriger
gewordene Rolle in der Gesellschaft würden die Kirchen dadurch nicht
verbessern.
Vielleicht bleibt wirklich nur der Weg des ausgewählten, uneigennützigen
politisch-diakonischen und religiös-therapeutischen Dienstes an der
Gesellschaft, um wieder mehr Resonanz zu erzielen.
Aber noch eine andere Frage wird künftig kaum zu unterdrücken sein: Ob nämlich
den Kirchen angesichts ihres schwindenden Einflusses weiter eine bevorzugte
Rolle in der Gesellschaft zustehen soll, die sich in ihrem Status als
Körperschaft des öffentlichen Rechts zeigt. Organisationen der Konfessionslosen
und Humanisten heben diese Frage immer wieder auf die Tagesordnung. Noch gibt
es in den politischen Parteien, den großen allzumal, kaum sonderliches
Interesse, an den bestehenden Kirche-Staat-Verträgen zu rütteln. Aber das
könnte sich ändern - in vierzig, fünfzig Jahren vielleicht.
20.10.03
Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 2