Der Mega-Konzern Kirche

 

Die evangelische und die römisch-katholische Kirche in Deutschland sind vom
Umbau des Sozialstaates und der Reform-Agenda 2010 unmittelbar betroffen.
Sie gelten als die größten nichtstaatlichen Arbeitgeber und beschäftigen
zusammen mit ihren Sozialwerken über 1,3 Millionen Menschen. Damit sind sie
auch die größten Anbieter sozialer Dienstleistungen und wichtige Träger von
Bildungseinrichtungen. Der mit ihren Unternehmungen erzielte Gesamtumsatz
beträgt nach Schätzungen des Finanzexperten Carsten Frerk mindestens 125
Milliarden Euro.

Weitere Zahlen und Fakten: Die evangelische und die römisch-katholische
Kirche in Deutschland haben zusammen mehr als 53 Millionen Mitglieder und
repräsentieren 65 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Einnahmen aus
Kirchenlohn- und Einkommensteuer betrugen im Jahr 2000 bei der EKD 4,38 und
bei der römisch-katholischen Kirche 4,7 Milliarden Euro. Die
römisch-katholische Kirche gliedert sich in sieben Erzbistümer, 20 Bistümer
und 13 214 Gemeinden, die evangelische Kirche in 24 Landeskirchen und 16 896
Gemeinden. Ihr Gesamtvermögen wird auf 500 Milliarden Euro geschätzt. Die
beiden Wohlfahrtsverbände Caritas (katholisch) und Diakonie (evangelisch)
sind das Dach über jeweils mehr als 20 000 selbstständigen Unternehmen. Sie
erzielen einen Umsatz von jeweils mindestens 25 Milliarden Euro. Darüber
hinaus verfügen die beiden Kirchen über zahlreiche Finanzbeteiligungen und
auch über mehr als ein Dutzend eigener Banken.

Stark zu kämpfen haben die Kirchen mit einem wachsenden Mitgliederschwund:
1970 gehörten noch über 90 Prozent der Bundesbürger einer der beiden großen
Kirchen an, jetzt sind es nur noch etwa zwei Drittel. Weniger Mitglieder
bedeuten weniger Kirchensteuer. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen aus
dem Erwerbsleben ausscheiden oder arbeitslos werden. Deshalb rechnen die
Kirchen mit weiter sinkenden Einnahmen und einer Verschlechterung der
finanziellen Situation. Beispiel Nordelbische Landeskirche: Verglichen mit
dem Haushalt 2002 rechnet die Kirche für 2004 mit Steuerausfällen von rund
25 Prozent. Deshalb wurde als Sofortmaßnahme jetzt das Pensionsalter der
Pastoren um ein Jahr auf 63 erhöht. Auch bereitet eine Expertenkommission
bereits ein Konzept vor, damit es der Kirche gelingt, bis zum Jahr 2010 nur
noch mit der Hälfte ihres heutigen Etats in Höhe von 312 Millionen Euro
auszukommen.

Aus: Welt am Sonntag, 29.6.2003
Quelle: http://www.wams.de/data/2003/06/29/126135.html