Kirchen in Finanznot

Schwindsucht im Klingelbeutel - Auch die Kirchen müssen sparen, und die Rücklagen "reichen nicht bis in alle Ewigkeit"

Seht die Lilien auf dem Feld", sagte einst Jesus von Nazareth, um seine Jünger daran zu erinnern, dass Gott schon für sie sorgen werde, wie für jedes Geschöpf. Die Zeiten sind vorbei, als dies die ökonomische Maxime der christlichen Kirchen in Deutschland sein konnte: Sie sind große Institutionen geworden, mit quasi verbeamteten Pfarrern, mit Zehntausenden Angestellten, mit Kirchen, Gemeindehäusern, Schulen und Kindergärten. Sie finanzieren sich über ein weltweit einmaliges und effizientes Steuersystem, das ihnen über Jahrzehnte hinweg verlässliche Einnahmen gebracht hat, 1999 den Katholiken 8,6 Milliarden Mark, den Protestanten 8,2 Milliarden Mark. In den vergangenen Jahren hatte es zwar immer wieder Rückgänge bei den Kirchensteuern und Sparhaushalte gegeben - am dramatischsten bei der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, wo in den kommenden Jahren jede dritte Stelle eingespart werden soll. Aber insgesamt waren die schlimmsten Schreckensszenarien ausgeblieben.

Doch nun erfasst die Finanzkrise, die derzeit alle öffentlichen Haushalte beutelt, auch die Kirchen. Das katholische Erzbistum Berlin mit seinen mittlerweile 75 Millionen Euro Schulden ist ein Extremfall (siehe unten). Doch auch das Bistum Limburg muss dieses Jahr zehn Millionen Euro Defizit aus Rücklagen ausgleichen, "und die reichen nicht bis in alle Ewigkeit", sagt Bistumssprecher Michael Wittekind. Das Bistum Rottenburg- Stuttgart möchte sechs Millionen Euro einsparen, auch hier geht es an die Rücklagen; ein Personalabbau - ohne Kündigungen - ist geplant. Selbst das angeblich so reiche Erzbistum Köln fährt mittlerweile strikten Sparkurs.

Die evangelischen Landeskirchen haben die härtesten Einschnitte vielfach schon hinter sich. Aber auch Eckhart von Vietinghoff, der Präsident des evangelischen Landeskirchenamtes, redet vom "geordneten Gleitflug", der den Landeskirchen bevorstehe: "Es lässt sich nicht vorhersagen, wie sich in den kommenden Jahren die Kirchensteuer entwickeln wird", sagt er. Sorgen bereiten dabei weniger die Kirchenaustritte - sie sind eine theologische, weniger eine finanzielle Frage. Problematisch ist schon eher die sinkende Zahl der Christen besonders in den Ballungsgebieten, wo immer weniger Kinder geboren werden und der Zuzug von Nichtchristen anhält. Vor allem aber machen die schwächelnde Konjunktur, die Massenarbeitslosigkeit und die schwer vorhersehbaren Steuerpläne der Regierung den Finanzverwaltern zu schaffen.

So werden Bistümer und Landeskirchen sich in der Politik des engen Gürtels üben müssen. Was die Kirchenverwaltungen vor praktische und auch ethische Probleme stellen wird: Sie können nicht sonntags eine gerechte Sozialpolitik anmahnen und montags Angestellte entlassen. Andererseits weisen Kirchenhaushalte eine Personalquote von bis zu 80 Prozent auf; wer nicht beim Personal spart, stößt bald an Grenzen.

Bleiben die Bau- und Unterhaltungskosten - "wir gehen noch an der Gebäudeverwaltung Bankrott", klagte jüngst der Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff, einer der erfahrensten Finanzverwalter der katholischen Kirche. Das finanzschwache Bistum Limburg möchte bis zu 25 Prozent der Gebäude verkaufen; das Nürnberger evangelische Stadtdekanat hat der Kommune das Heilig-Geist-Haus zum Kauf angeboten. Nur: Jede Kirche, die zum Verkauf steht, bringt bittere Konflikte mit sich. Eine dritte Möglichkeit ist die viel diskutierte Verschlankung von Strukturen: Einige katholische Bistümer holen sich mittlerweile Rat bei den Unternehmensberatern von McKinsey (siehe nebenstehenden Artikel); andere, wie Limburg oder Speyer, haben sich dagegen ausgesprochen. "Wir können das allein", sagt der Limburger Bistumssprecher Wittekind; das Bistum möchte langfristig alle fünf Bezirksbüros abschaffen.

Eine Reihe evangelischer Landeskirchen versucht mittlerweile, die Abhängigkeit von der Kirchensteuer zu verringern: durch ein Kirchgeld bei so genannten religionsverschiedenen Ehen. Das soll Familien treffen, bei denen der allein verdienende Partner aus der Kirche austritt, um Steuern zu sparen, der andere bleibt, um die Leistungen zu sichern. Es kann aber auch den muslimischen Mann treffen, der eine christliche Frau heiratet. Rainer Meusel, der Vorsitzende des Haushaltsausschusses der Evangelischen Kirche in Deutschland, hält das Kirchgeld für erfolgreich: "Allein in Sachsen hat es sechs Millionen Euro gebracht." (Matthias Drobinski)

 

Kirchen in Finanznot

Die Lasten der Einheit - In der Begeisterung der Nach-Wende-Zeit haben Berlins Katholiken über ihre Verhältnisse gelebt

Der Fernsehturm auf dem Alexanderplatz sollte ein Prestigeobjekt der Deutschen Demokratischen Republik sein. Die Kommunisten ließen ihn errichten, damit er von der Überlegenheit ihres politischen Systems künde. Zum Verdruss seiner Erbauer aber leuchtete auf der Turmkugel schon bald ein riesiges Kreuz, wenn sich das Sonnenlicht auf den Aluminiumplatten brach. Alles versuchten die DDR-Größen, um das christliche Symbol zu verbannen, doch ohne Erfolg. Die Berliner nannten den Turm schon bald die "Strafe Jottes".

Das Kreuz war ein kleiner Lichtblick für die Berliner Katholiken, die umgeben von Atheisten in der Diaspora lebten. Als die Mauer fiel und Berlin Hauptstadt wurde, hofften sie auf bessere Zeiten - und auf viele Glaubensbrüder aus dem Rheinland, deren Steuergelder die leeren Kassen füllen würden. In der Euphorie des Anfangs sanierten die Christen ihre Kirchen und schufen mehr Plätze in den katholischen Schulen. Zu viel Geld gaben sie zu schnell aus: Mittlerweile haben sich Schulden von 75 Millionen Euro angehäuft. Deutschlandweit ist das ein Spitzenwert. "Es ist Zeit, Alarm zu schlagen", sagt der Sprecher des Erzbistums, Andreas Herzig. Um "zukunftsfähig zu bleiben", habe man nun auch die Unternehmensberater von McKinsey eingeschaltet.

Die Krise kam bereits 1995. Das Geld war verbraucht, Schulden schienen der einzige Ausweg zu sein. Parallel dazu fingen die Katholiken zu sparen an. Inzwischen nimmt der Schuldendienst im Haushalt einen beträchtlichen Raum ein: Für das Jahr 2002 beläuft er sich auf 9,7 Millionen Euro bei einem Haushaltsvolumen von 154,5 Millionen Euro. Die Neuverschuldung ist auf 3,2 Millionen Euro veranschlagt. Pleite allerdings seien die Katholiken der Hauptstadt nicht, heißt es aus dem Erzbistum. Als Beweis dafür wird angeführt, dass auch in diesem Jahr wieder Weihnachtsgeld gezahlt werden soll. Auch sonst ist der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky ein vorbildlicher Arbeitgeber: Trotz der Finanzmisere ist bisher keinem Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt worden, und das, so hofft man, bleibt auch in Zukunft so. Vorruhestand und Einstellungsstopp sollten genügen, um Stellen abzubauen. "Mit einer solchen sanften Strategie stößt man natürlich irgendwann an Grenzen", sagt Herzig.

Die Berliner Protestanten kämpfen mit ähnlichen Problemen wie die Katholiken. Die evangelische Landeskirche allerdings hat einen drastischen Sparkurs eingeleitet und musste bislang keine Schulden aufnehmen. Vor allem macht den Kirchen zu schaffen, dass ihnen weniger Einnahmen, aber mehr Aufgaben zuteil werden - zum Beispiel die der Repräsentation. Schließlich sind mit dem Regierungsumzug Politiker und Lobbyisten nach Berlin gekommen. Bei vielen Anlässen darf auch die Kirche nicht fehlen, und so lautet die Frage: Wer ist der höchste Geistliche am Ort? Bis zu fünf Einladungen an einem Tag erhalte Kardinal Sterzinsky, die er stellvertretend für die katholische Kirche wahrnehmen solle, sagt Herzig. Daher plädieren die Berliner schon lange dafür, dass die Bischofskonferenz vom Rhein an die Spree umzieht. Vor zwei Jahren aber hat sich das Gremium für Bonn entschieden, und damit ist die Hoffnung auf Entlastung erloschen. "Jetzt können wir nicht mehr fordern, sondern nur noch klagen", sagt Herzig.

Abgesehen davon hatten die Kirchen, ähnlich wie die Stadt, in den vergangenen Jahren mit zwei eigenständigen Verwaltungen zu kämpfen. Schließlich waren Erzbistum und Landeskirche zu DDR-Zeiten faktisch geteilt. Diese Doppelverwaltung abzubauen, kostet Geld. Auf der Haben-Seite wirkt sich der neue Status Berlins indes nicht übermäßig positiv aus. Zwar sind die Einnahmen an Kirchensteuer in der Hauptstadt relativ hoch, doch dürfen die Berliner das Geld nicht ganz für sich behalten. Diesen Umstand hat Berlin dem Steuerrecht zu verdanken: Danach nämlich wird die Kirchensteuer am Ort des Arbeitsplatzes eingezogen, verbleibt aber letztendlich am Ort des ersten Wohnsitzes. Und viele Bonner, die mittlerweile an die Spree gekommen sind, haben ihren ersten Wohnsitz am Rhein behalten. Zudem fällt die Prognose für die Höhe der Kirchensteuer insgesamt negativ aus. Bei der evangelischen Landeskirche führt man das auf die hohe Zahl der Kirchenaustritte in Großstädten zurück, aber auch darauf, dass auch die Christen immer älter werden, aufhören zu arbeiten und keine Steuern mehr zahlen.

Bis Mitte 2003 sollen die Unternehmensberater der katholischen Kirche den rechten Weg weisen - jedenfalls den aus der Finanzkrise. Gebraucht würden "objektive Zahlen", um sie der Bischofskonferenz vorlegen zu können, sagt Herzig. Die Hoffnung nämlich haben die Katholiken noch nicht aufgegeben. Mittlerweile sind es die anderen Bistümer, auf deren Solidarität sie bauen. (Christiane Wirtz)

 

Kirchen in Finanznot

Seelsorge ja, aber kostengünstig Rechenhilfe vom Profi-Berater

Dürfen die das? Die Frage beschäftigt Bischöfe, Kirchenmitarbeiter, Theologen, einfache Gemeindemitglieder; im Frühjahr auch eine ganze Serie lang das Feuilleton der SZ. Dürfen die Kirchen ausgerechnet die Unternehmensberatung McKinsey holen, auf dass smarte Jung-Controller Strukturen verbessern, Kosten senken, Personal abbauen? Oder verraten sie damit den Geist ihres Gründers, der zu den Menschen gerade nicht über Effizienz geredet hat? Werden die Kirchen selbst zur Firma, verwechselbar, auswechselbar, am Ende übernahmereif?

Die Frage hat sich mehr oder weniger von selbst beantwortet: McKinsey ist drin in der Kirchenverwaltung. Zu Beginn des Jahres zum Beispiel bei der katholischen deutschen Bischofskonferenz; kostenlos durchforsteten die Unternehmensberater das Sekretariat in Bonn nach ineffizienten Arbeitsabläufen, Verkrustungen, Parallelstrukturen. Nun gibt es dort nicht mehr eine unüberschaubare Vielzahl an Kommissionen, die alle inhaltlich arbeiten und sich darüber hinaus auch noch selbst verwalten, sondern vier Fachabteilungen und eine Verwaltungseinheit.

Erfahrung reicht nicht mehr

Im Juni waren die Bistümer Mainz und Osnabrück dran. In Mainz sollen die Kirchenmitarbeiter künftig Telefon- und Tarifgebühren sparen, die Bildungshäuser sollen mehr Geld bringen, die Gemeinden sich stärker selbst verwalten. Immobilienverkäufe, ein "moderater Stellenabbau" ohne Kündigungen und die Konzentration auf religiöse und soziale Kernaufgaben sollen die Bistümer des Bischofskonferenz-Vorsitzenden Kardinal Karl Lehmann und des Jugendbischofs Franz-Josef Bode zukunftsfähig machen. "Selbst kleine und mittlere Unternehmen können nicht mehr nur mit Erfahrung und gesundem Menschenverstand geleitet werden", sagte Lehmann bei der Vorstellung des Konzepts im Juni - passiert ist im Bistum Mainz seitdem aber nicht mehr viel. Nun widmen sich seit dem gestrigen Mittwoch vier Berater der Sanierung des überschuldeten Erzbistums Berlin und gehen "jede Position in unseren Büchern durch", wie Bistumssprecher Andreas Herzig formuliert.

McKinsey hat mittlerweile fast sieben Jahre Erfahrung mit der Beratung von Kirchen. Damals empfahl der Münchner McKinsey-Direktor Peter Barrenstein dem evangelischen Dekanat München, sich auf seine "Kernkompetenzen" Glaubensvermittlung, Mission, Seelsorge und soziale Arbeit zu konzentrieren, interne Abläufe zu verbessern und den Umgang mit den Mitarbeitern zu professionalisieren. Im katholischen Bistum Essen wurde die Sache knifflig: Das Ruhrbistum war schon damals von einer heftigen Finanzkrise gebeutelt. Die als hart verschrienen Sanierer schafften es immerhin, dauerhaft 33 Millionen Euro einzusparen, 370 Stellen wurden gestrichen. Mittlerweile gibt es im Düsseldorfer Büro der weltweit tätigen Beratungsfirma mit dem 36-jährigen Betriebswirt Jochen Messemer einen Spezialisten für Aufträge aus den Kirchen, über deren Kosten beide Seiten schweigen.

Problemlösung statt Erlösung

Ein Erfolg? McKinsey ist selbst eine Religion, und ihr Dogma ist das Geld, sagen die Kritiker. Die McKinsey-Consultants seien "Problemlöser", argumentiert der Management-Berater und katholische Theologe Jürgen Werner: "Problemlöser sind Menschen, die es nicht darauf ankommen lassen wollen, dass man auf Erlösung angewiesen ist." Was der McKinsey-Mann Barrenstein, selbst Vorstandsmitglied im "Arbeitskreis evangelischer Unternehmer", so nicht auf sich sitzen lassen will: Man wolle den Kirchen "ermöglichen, ihren Auftrag und ihre Aufgabe besser zu erfüllen", indem man "Vorgehensweisen erfolgreicher Unternehmen für die Kirche nutzbar macht". (Matthias Drobinski)

Alle Artikel aus: Süddeutsche Zeitung, 14.11.2002

Quelle: http://www.sueddeutsche.de