Kirchen mahnen gerechtere Familienpolitik an
Sozialpolitischer Aschermittwoch der Kirchen in Essen
Das Bistum Essen und die
Evangelische Kirche im Rheinland haben beim Sozialpolitischen Aschermittwoch in
Essen die zunehmende Verarmung von Kindern, Jugendlichen und deren Familien
beklagt. Immer mehr Kinder lebten unterhalb der Armutsgrenze, sagte Ruhrbischof
Dr. Felix Genn vor über 400 Vertretern aus Kirche, Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft in der evangelischen Auferstehungskirche in Essen. Viele Kinder
litten in besonderer Weise unter der Langzeitarbeitslosigkeit und
Perspektivlosigkeit ihrer Eltern.
Genn machte darauf
aufmerksam, dass viele Kinder in den ärmeren Stadtteilen des Ruhrgebiets
lebten. Die Pfarrgemeinden in diesen Stadtteilen seien dort faktisch
Sozialstationen. Eine Politik gegen die Armut müsse daher in erster Linie
Familienpolitik sein, forderte Genn. „Die strukturelle Rücksichtslosigkeit
gegenüber Familien zerstört die notwendige Basis unseres Zusammenlebens.“ Der
Ruhrbischof mahnte einen gerechteren Familienlastenausgleich, eine verbesserte
Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine familiengerechtere Infrastruktur
in den Städten an. Genn: „An der Stellung der Familien in Deutschland wird sich
mitentscheiden, ob eine gerechte Verteilung materieller und immaterieller
Ressourcen in unserer Gesellschaft vor dem Aus steht.“
Der Präses der
evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, wies auf die mangelnden
Zukunftschancen der Jugendlichen hin. „Diese Perspektivlosigkeit zeigt Wirkung
bei den Betroffenen.“ Die Jugendlichen fühlen sich als „Menschen ohne
Marktwert“, so Schneider. „Zu viele junge Menschen haben gar nicht die
Möglichkeit, ihren Einsatzwillen und die Selbstverantwortung unter Beweis zu
stellen, weil sie in unverschuldeten Warteschleifen stecken.“ Nachdrücklich
rief der Präses die Unternehmen und Betriebe dazu auf, genügend
Ausbildungsplätze bereitzustellen, „damit jeder Jugendliche eine Chance
bekommt“.
Der Bochumer
Sozialwissenschaftler Professor Ernst-Ulrich Huster hatte zuvor darauf
aufmerksam gemacht, dass inzwischen jedes siebte Kind unter 18 Jahren in
Deutschland unter der Armutsgrenze lebe und mehr als eine Million Kinder von
der Sozialhilfe abhängig seien. Depressionen, Schulversagen und Auffälligkeiten
im Sozialverhalten beeinträchtigten oftmals den weiteren Entwicklungsprozess
dieser Kinder in einem so starken Maße, dass sich die Armut im weiteren Leben
fortsetze.
Mit dem Sozialpolitischen
Aschermittwoch wollen die katholische und die evangelische Kirche einen
„Kontrapunkt“ zum Politikspektakel der Parteien setzen. Seit 1998 laden das
Bistum Essen und die Evangelische Kirche im Rheinland Vertreter aus Kirche,
Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Verbänden zum „Sozialpolitischen
Aschermittwoch der Kirchen“, um sich in einem liturgischen Rahmen öffentlich
für Solidarität und Gerechtigkeit in der Gesellschaft einzusetzen. (ul/dr)
25.2.04
Quelle: http://katholische-kirche.de/