Das Doppelgesicht der Kirche

Die Heiligsprechung des Opus Dei Gründers, Josemaría Escrivá -

Vor 40 Jahren eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil

MATTHIAS DROBINSKI:

Es gibt, innerhalb von nur einer Woche, zwei katholische Kirchenereignisse, die verschiedener nicht sein könnten. Da spricht am Sonntag Papst Johannes Paul II. den Gründer des umstrittenen Opus Dei, Josemaría Escrivá, heilig - nach einem beispiellosen Schnellverfahren. Einen Mann, geprägt vom spanischen Katholizismus der zwanziger Jahre und der Militanz des spanischen Bürgerkrieges. Der ein Werk gründete, das auch heute Geißel, Bußgürtel und verbotene Bücher kennt, das in vielem eine Geheimorganisation geblieben ist.

Eine Heiligsprechung bedeutet nicht, dass nun jeder Katholik den heiligen Josemaría verehren muss. Und doch lässt sich keine stärkere Aufwertung vorstellen: Welcher Bischof wird noch offen über die oft verquere Ideologie Escrivás reden? Welcher Bistumschef kann noch dagegen sein, wenn das Werk Bildungshäuser kauft, junge Leute wirbt, zu einem Machtfaktor wird? Mit der Heiligsprechung ist ein Stück Antimodernismus vom Rand ins Zentrum der katholischen Kirche gerückt. Katholisch - ein anderes Wort für rückwärts gewandt?

Am kommenden Freitag jährt sich ein Ereignis, das diesem Bild entgegensteht: Am 11. Oktober vor 40 Jahren eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. Gegen die reformscheue Kurie hielt er seine Eröffnungsrede: "Mutig und furchtlos" sollte die Kirche ihren Weg suchen, "im Licht der modernen Forschung und in der Sprache des heutigen Denkens". Das Konzil öffnete die Fenster zur Welt, ließ frische Luft durch den mittelalterlichen Muff der Kirche wehen.

Viele der euphorisch angegangenen Reformen sind stecken geblieben. Viele Dokumente sind Kompromiss-Texte, die man gegensätzlich interpretieren kann. Papst Johannes Paul II. ist häufig der konservativen Sichtweise gefolgt, vor allem, wenn es um die innerkirchliche Disziplin geht. Und doch zieht, außerhalb eines Randstreifens, kein Kirchenmann von Rang die Aussagen des Konzils in Zweifel: Die katholische Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, nicht Hierarchie um der Hierarchie willen; ihr Gottesdienst ist keine Geheimsache, sondern Angelegenheit des Kirchenvolks. Sie sucht die Verständigung mit den christlichen Konfessionen und den Dialog mit den Religionen. Und die Freuden und Sorgen der Menschen sind auch die Freuden und Sorgen der Kirche.

Der heilige Josemaría, das Konzil. Die katholische Kirche hat Heilige für fast alle Lebenslagen, und trotzdem fehlt ihr einer, den sie taufen und zu den Ehren der Altäre erheben sollte: Es ist Janus, das gute alte Doppelgesicht. Denn doppelgesichtig ist die katholische Kirche geworden, vorwärts- und rückwärts gewandt zugleich. Da geht Johannes Paul II. wie noch kein Papst vor ihm auf die Juden zu - und spricht dann Papst Pius XI. selig, eine Symbolfigur der kirchlichen Judenfeindschaft. Da begraben Katholiken und Lutheraner ihren Lehrstreit um die Rechtfertigung - und dann erklärt die Glaubenskongregation den Protestanten, dass sie im engeren Sinn gar keine Kirche seien. Da sind die Katholiken in Europa - vor allem die Frauen – frei und selbstbewusst wie nie in der Kirchengeschichte, was wohl die tiefst greifende Reform des Konzils ist. Und gleichzeitig zementiert der Vatikan das Nein zum Frauenpriestertum, beschränkt die Aufgaben der Laien, lässt Pfarrer einen demütigenden Treueeid schwören.

Die katholische Janusköpfigkeit lässt sich nicht einfach mit dem Spannungsverhältnis von Bewahren und Verändern, Tradition und Reform erklären, in dem gerade die katholische Kirche als Erinnerungsgemeinschaft stehen muss. Denn es gibt gar kein Verhältnis zwischen den Entwicklungen; sie stehen unverbunden nebeneinander, geschehen zur gleichen Zeit und sind doch seltsam ungleichzeitig. Das katholische Janusgesicht ist Abbild jener Übergangszeit, in der sich die katholische Kirche befindet, in der Altes und Neues gleichzeitig existiert, widerstreitende Interessen sich blockieren, der Blick sowohl nach vorne als auch nach hinten geht.

Eine Kirche im Übergang. Sie ist es, weil ihr Oberhaupt Johannes PaulII. nun schon so lange krank ist und doch nicht gehen will, weil seine Politik seit Jahren zwischen testamentarisch und visionär schwankt. Sie ist aber vor allem eine Kirche im Übergang, weil ihr Problemstau geradezu dramatisch angewachsen ist. In Asien, Afrika, Ozeanien sind die Kirchen selbstbewusst geworden und den römischen Zentralismus leid - sollen sie mehr Eigenständigkeit erhalten oder diszipliniert werden? In Europa und Nordamerika werden alle christlichen Kirchen an Mitgliedern und institutionellem Einfluss verlieren - soll sich die katholische Kirche dort auf den "heiligen Rest" konzentrieren - oder gerade in der Minderheitensituation sich auf die säkulare Welt einlassen?

Dieser Druck ist die Ursache für den gegenwärtigen kirchlichen Doppelblick - wird der Reformstau nicht aufgelöst, droht die Bewegungsunfähigkeit. Die katholische Kirche wird in den kommenden Jahren das Zweite Vatikanische Konzil weiter führen müssen, sei es in Form einer dritten vatikanischen Versammlung, sei es durch regionale Synoden. Sie wird erklären müssen, in welchem Geist sie durch die Zeit gehen will: im Geist Escrivás - oder im Geist Johannes XXIII.

Aus: Süddeutsche Zeitung, 7.10.2002

Quelle:

http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/getArticleSZ.php?artikel=artikel442.php