Kindergrabmal in Hanau
Die Initiative des kath. Krankenhauspfarrers Werner Gutheil wird vom Ökumenisches Spendenkuratorium unterstützt. Ein Trauernetzwerk wird entwickelt.
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Die bundesweite Initiative REGENBOGEN
"Glücklose Schwangerschaft" mit Sitz in
Schorndorf berichtete im Frühsommer 1998 in
Zusammenarbeit mit einem TV-Sender über das Thema der
Bestattungspraxis bundesdeutscher Friedhöfe und
demzufolge auch über das entsprechende Procedere
deutscher Kliniken. Ein Aufschrei ging durch die
Gesellschaft, als bekannt wurde, dass fehlgeborene Kinder
wie andere menschliche Exkremente in vielen Kliniken
entsorgt wurden. Als Reaktion darauf konnte in unbürokratischer Weise eine Regelung mit dem Klinikum der Stadt Hanau und den zuständigen städtischen Ämtern getroffen werden, so daß ab August 1999 eine generelle Bestattung aller fehlgeborenen Kinder, die nicht bestattungspflichtig sind, in Hanau ermöglicht und auch erstmalig im September 1999 durchführt wurde. Diese Maßnahme griff einer Empfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom September 1999 vor. |
| Kindergrabmal auf dem Hanauer Hauptfriedhof |
Als Reaktion darauf konnte in unbürokratischer Weise eine Regelung mit dem Klinikum der Stadt Hanau und den zuständigen städtischen Ämtern getroffen werden, so daß ab August 1999 eine generelle Bestattung aller fehlgeborenen Kinder, die nicht bestattungspflichtig sind, in Hanau ermöglicht und auch erstmalig im September 1999 durchführt wurde. Diese Maßnahme griff einer Empfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom September 1999 vor.
Nach der neuen Regelung konnten die Eltern nun erfahren, dass ihr Kind zusammen mit anderen Kindern auf dem Hanauer Friedhof bestattet wird. Den Eltern blieb es nun überlassen auf dem Friedhof zu erfragen, wo ihr Kind bestattet ist. Hierzu mußten sie sich auf den Weg zur Friedhofsverwaltung machen, um den genauen Ort benannt zu bekommen. Dort wurde im Büro in einer Liste nachgeschaut, wann und wo ihr Kind bestattet wurde. Auf einem Plan bekamen sie den genauen Platz gezeigt, wo die in der Zwischenzeit eingesetzte Reihengrabfläche liegt. Mit dieser Information können die Eltern dann das Grabfeld und das Grab in der angegebenen Rasenfläche finden.
Diese Schritte erschienen Klinikpfarrer Werner Gutheil zu viel. Im Kontakt mit betroffenen Eltern wurde für den Klinikpfarrer deutlich, dass die anonyme Bestattung in der herkömmlichen Form die Eltern eher schwer belastet als hilfreich in der Bewältigung der Trauer ist. So entsteht eine erste Idee für ein "gestaltetes gemeinschaftliches Kindergrabfeld" als Ort der Trauer für betroffenen Eltern im Kreis der Klinikseelsorger. Bei der Suche nach Verbündeten trifft Gutheil auf Verena Reelfs von der Baumschule Main Garten, die wiederum den Kontakt zum Steinbildhauer Volker Rode aus Gelnhausen herstellt. Das von ihm entwickelte Modell wurde im März 2000 im Rahmen der Ausstellung "Der Mensch sein Grabmal" in der Katholischen Stadtpfarrkirche Mariae Namen der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Rahmen dieser Ausstellung stimmte Frau Oberbürgermeisterin Margret Härtel dem Vorbhaben Kindergrabmal grundsätzlich zu und veranlaßte die Unterstützung durch die zuständigen städtischen Ämter.
Um dem Projekt eine möglichst breite Zustimmung zu sichern, gründete Gutheil ein ökumenisches Spendenkuratorium, dem der evangelische Dekan Kugler, der kath. Stadtpfarrer Zwergel, die Geschäftsfrau Rellfs, der Bankkaufmann Eckenroth und Klinikseelsorger Gutheil angehören.
Ziel dieses Kuratoriums war es, die Realisierung des Kindergrabmales auf dem Hauptfriedhof in Hanau zu fördern. Künftig sollen in dieser Grabstätte zwei Bestattungsmöglichkeiten bestehen:
Nach Gesprächen mit der Stadt und mit betroffenen Eltern konnte ein revidierter Modellvorschlag der Öffentlichkeit vom Kuratorium präsentiert und in einer gemeinsamen Pressekonferenz zusammen mit der Oberbürgermeisterin von Hanau Margret Härtel vorgestellt vorgestellt werden. Im September 2000 konnte mit einem Segnungsgottesdiens der Bau des Kindergrabmals begonnen werden.
Im November 2000 konnten erstmalig für den zurückliegenden Zeitraum fehlgeborene Kinder beigesetzt werden. Deshalb ist die erste Bestattung für das Klinikum Stadt Hanau mit einem Stern mit der Aufschrift: November 2000 kenntlich gemacht. Eine gemeinschaftlichen Bestattungen sollen nach Wunsch des Kuratoriums im Rahmen einer öffentlichen Beisetzung erfolgen. Das Klinikum Stadt Hanau hat deshalb jeweils den ersten Mittwoch im Quartalsmonat der Bestattungen um 15.00 Uhr einen festen Termin vereinbart. Die Beisetzungen wird von evangelischen und katholischen KliniksselsorgerInnen begleitet. Anschließend sind alle zu einer Begegnung und zum Gespräch in das Gemeindehaus der St. Josefspfarrei eingeladen gewesen. Das St. Vinzenzkrankenhaus hat zwischenzeitlich immer wieder in aller Stille und anonym beigesetzt. Seit Januar erfolgten die Beisetzungen auch auf dem Kindergrabmalfeld.
Ökumenischer Gedenkgottesdienst
Seit zwei Jahren (1999) wird zu einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Stadtpfarrkirche Mariae Namen mit anschließender Begegnungsmöglichkeit in der kath. Familienbildungsstätte, Im Bangert eingeladen. Der Ort wurde damals gewählt, weil sich hier bereits seit einigen Jahren Trauergruppen für betroffene Eltern und der Leitung von Dipl. Psychologin Monika Wiedemann, Leiterin der ask Familienberatungsstelle in Hanau treffen. Sicherlich wird auch im Jahr 2001 ein solcher Gottesdienst am Totensonntag angeboten werden.
Aktion Mosekorb Verabschiedung von verstorbenen Kindern
Die Arbeitsgemeinschaft Hospiz Träger Caritas Verband für den Main Kinzig Kreis hat im Februar 2001 auf die Wichtigkeit und Bedeutung eines hilfreichen Abschieds beim Tod eines Kindes hingewiesen und das Bemühen der Schwestern und Ärzteschaft unterstützt, den Trauerprozeß zu fördern. Hierzu wurden den Kliniken im Main Kinzig Kreis schön gestaltete "Mosekörbe" übergeben, in denen die Kinder angeschaut und fotografiert werden können, um so eine "Erinnerung" an "ihr Kind" zu haben.
Projekt "Kindersärge"
Eine in Deutschland wohl einmalige Kooperation sind das ökumenische Projekt "Kindergrabmal" und die Schreinerklasse der Ludwig Geißler Schule eingegangen. Die Schüler haben im Rahmen des Unterrichts Särge entworfen und gebaut, die zur Beisetzung totgeborener Kinder, für die keine Bestattungspflicht besteht, benutzt werden können.
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Entwerfen und Tischlern von Särgen ist
für angehende Schreiner keine übliche Beschäftigung.
"Klar geht man mit einem anderen Bewusstsein an die
Sache." Vor einigen Jahren hat die angehende
Schreinerin Nicole Pilsel selbst Erfahrungen mit dem
frühen Tod gemacht. Nun entwarf sie mit acht ihrer
Kollegen kleine Kindersärge. Sie konnten ihrer Phantasie
freien Lauf lassen. Das überraschende an der Sache war
für Gutheil, dass die Schüler immer wieder Zeichen aus
der Mythologie in ihren Arbeiten verwendeten. Ob es ein
achteckiger Sarg war, oder die auf Deckel geschnitzten
Ornamente. Neben der praktischen Arbeit in der Werkstatt erfolgte ein Begleitunterricht im Fachbereich Religion/ Ethik. "Fragen, Gefühle und Gedanken, die den Menschen aufwühlen, wenn man sich handwerklich mit einem solchen Thema auseinandersetzt, sollten bearbeitet werden", sagte Schulseelsorger Wolfgang Bauer. |
Die Schüler führten Gespräche mit Klinikseelsorgern, schauten sich das neu entstandene Kindergrabmal auf dem Hanauer Hauptfriedhof an. Dort werden seit Herbst des vergangenen Jahres Fehl- und Totgeburten beigesetzt, die weniger als 500 Gramm wogen. Bislang wurden diese Kinder anonym "entsorgt".
Mit ihren Entwürfen haben die Schüler versucht, sich, von der Form üblicher Särge zu trennen. Zwei Typen sind übrig geblieben, ein Würfel und ein sechseckiger Behälter. Beides gibt es in unterschiedlichen Größen und mit verschiedenen Ausstattungsdetails. So verwenden die Berufsschüler die Form des Sterns, die die Gestaltung des Kindergrabmals bestimmt, als Motiv beim Deckel der Särge.
"Es ist ein komisches Gefühl, wenn man sich überlegt, dass wir hier Särge bauen, in denen bald kleine Menschen liegen." So wie Nicole denken viele ihrer Mitschüler. Die meisten waren eifrig am Werk und kamen zudem zu der Erkenntnis: Die Beerdigung ist eine wichtige Sache, weil sie einen Abschluss markiert, der Tote aber in den Gedanken der Lebenden weiter lebt.
nach: GNZ, 30.3.01, und Hanau Post, Nr. 76, 30.3.01
Die Übergabe des Kindergrabmals an die Öffentlichkeit
Am 1.6.01 ist das Kindergrabmal bei einer ökumenischen Segnungsfeier in die Obhut und Pflege der Stadt Hanau übergeben worden. In eindrücklichen Worten schilderte Verena Reelfs vom ökumenischen Spendenkuratorium bei der Feierstunde die Beweggründe ihres Engagement. In ihrem früheren Beruf sei sie Krankenschwester gewesen. Damals sei es unter anderem ihre Aufgabe gewesen, totgeborene und nicht lebensfähige Babys ",zu entsorgen". Sie sei sehr nun dankbar, dass sie in dem ökumenischen Projekt mitarbeiten konnte, um ihre eigene Vergangenheit besser bewältigen und gleichzeitig die Situationen betroffener Eltern verbessern zu können.
Oberbürgermeisterin Margret Härtel würdigte bei dem Gottesdienst am Kindergrabmal vor 200 Menschen das Engagement des katholischen Klinikpfarrers Werner Gutheil, der das Projekt initiiert, organisiert und vorangetrieben hat. Härtel drückte ihr Mitempfinden mit jenen Eltern aus, die nie nachvollziehen könnten, was mit ihren Kindern geschehen sei. "Es ist unendlich wichtig für Eltern, ihre Trauer abzuarbeiten", meinte die Oberbürgermeisterin.
Monsignore Dr. Norbert Zwergel dankte als Vertreter der Hanauer Kirchen und des ökumenischen Spendenkuratoriums all jenen großzügigen Spender, ohne die die Bildhauerentwürfe nicht möglich gewesen wären. Bei dem von Steinbildhauer Volker Rode geschaffenen Kindergrabmal symbolisiere der begehbare Torbogen die Verbindung zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Laut des römischen Kirchenlehrers Augustinus werde nämlich das "Band der Liebe auch nicht durch den Tod zerschnitten".
Martina Severitt von der Initiative Regenbogen gab ihrer Hoffnung Ausdruck, das noch viele Kliniken und Kommunen dem Beispiel Hanau folgten, um von der gängigen Praxis der "Entsorgung" von fehl- und totgeborenen Kindern Abstand zu nehmen. Die Verantwortlichen der Stadt Hanau hätten, im Vorfeld sehr schnell ihre Kooperationsbereitschaft signalisiert, um den Zustand zu ändern.
Für die evangelischen Kirchen gestalteten Pfarrerin Ines Fetzer (Maintal) und Beate Kemmler (Klinikpfarrerin, Klinikum Stadt Hanau) in Zusammenarbeit mit dem kath. Krankenhauspfarrer Werner Gutheil den Gottesdienst.
An der Übergabe des Kindergrabmals nahmen auch betroffene Eltern teil, die ein Kind verloren haben. Die Teilnehmer der Eröffnungsfeier konnten ihr Mitgefühl und ihre Verbundenheit mit den Trauernden dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie Blumensamen in eine Schale pflanzten. Die Blumenschale soll künftig fester und symbolischer Bestandteil des Kindergrabmals sein. Im Bereich des Kindergrabmals können Steine mit Namen angebracht werden von früher verstorbenen oder gemeinschaftlich bestatteten Kindern.
nach: Hanauer Anzeiger, Nr. 128, 5.6.01
Beschreibung des Kindergrabmales
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Auf einer rechteckigen Rasenfläche mit einem Baum in der Mitte und einer Heckenpflanzung an zwei Seiten der Anlage steht in der Mitte ein aus Bausteinen gestaltetes Tor, das Richtung Osten gerichtet ist. |
| Durch dieses "Tor in eine andere Welt" führt ein gepflasterter Weg, der als "Weg der Erinnerung" für namentliche Gedenksteine sowohl für früher, als auch für künftig verstorbene Kinder einen Gedenkort bietet. | ![]() |
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Im Osten steht eine Lampe mit einer Bank. Um diese Mitte sind die eigentlichen Grabstätten für künftige Bestattungen. |
Um diese Mitte sind die eigentlichen Grabstätten für künftige Bestattungen. Die auf dem Kindergrabmalfeld verlegten Sterne werden sowohl den Kliniken (vier mal im Jahr, immer im Januar, April, Juli und Oktober) zur Verfügung gestellt, als auch den Eltern, die eine individuelle Bestattung wünschen. Die Idee, die verstorbenen Babys durch einen Stern auf dem Grabfeld namentlich zu kennzeichnen, ist naheliegend: Viele Betroffene erinnern sich ihrer verstorbenen Kindern gern als einen Stern am Himmel, der ihnen leuchtet. Das Modell von Steinmetz Volker Rode aus Gelnhausen, das man mit seinem Torbogen als "Tür in eine andere Welt" und die Grabflächengestaltung als das Weltall mit Sonne, Mond, Sternen und Sternschnuppen ansehen kann, verdient ein besonderes Lob für die einfühlsame Idee.
Vernetzung des Beratungsangebotes und Ausweitung des Trauerangebotes
Im Rahmen des Projektes "Kindergrabmal" wird für betroffene Eltern ein Netzwerk an Hilfeangeboten geknüpft werden. Derzeit laufen entsprechende Gespräche mit Beraterinnen und Beratern und werden in hoffentlich absehbarer Zeit ein entsprechendes Angebot miteinander vereinbaren. Sicherlich wird auch das Trauergruppenangebot künftig noch erweitert werden. Das bereits bestehende Angebot von Dipl. Psychologin Monika Wiedemann soll ausgebaut werden.
Hierzu zählt auch die Gruppe: Leere Wiege Tod am Anfang des Lebens. Es handelt sich um eine Gruppe für Mütter/Eltern, die ihr Baby in der Schwangerschaft oder um den Geburtstermin herum verloren haben. Wie kann man mit einem solch schmerzlichen Ereignis weiterleben? Wie schaffen es andere? Viele wünschen sich eine Gruppe mit Müttern/Eltern, die ähnliche Erfahrungen wie sie selbst gemacht haben. In diesen und ähnlichen Fragen sollen Müttern/Eltern Unterstützung und Hilfen angeboten werden. Die Gruppe wird sich jeweils einmal im Monat in Hanau treffen.
Weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/Trauer_index.htm
Quelle: Pressematerial des Ökumenischen Projektes Kindergrabmal
Bearbeitung: H-A Link
Weitere Informationen:
| Ökumenisches
Projekt " Kindergrabmal" |
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Koordination Pfarrer Werner Gutheil Jahnstr. 20 63450 Hanau Tel. 06181/ 74 01 74 Oder per E-mail: Wgutheil@t-online.de Citiphone: 06181/ 999 419 (funktioniert im Stadtbereich von Hanau) |