Nationale Konferenz fordert höheres
Arbeitslosengeld II / "Mehr als drei Millionen Haushalte sind
überschuldet"
Die Situation von Arbeitslosen in Deutschland
hat sich durch die Einführung von Hartz IV deutlich verschlechtert. Nach
Angaben der Nationalen Armutskonferenz (NAK) breitet sich die Armut aus.
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Berlin · Dramatische Auswirkungen habe die
Hartz-IV-Reform insbesondere für Kinder, stellte die NAK am Dienstag in Berlin
fest. Die Konferenz ist ein Zusammenschluss von zahlreichen Wohlfahrtsverbänden
und Hilfsorganisationen.
Nach ihren Angaben lebten Ende 2005 in Deutschland etwa 1,5 Millionen Kinder
unter 15 Jahren auf Sozialhilfeniveau. Das seien 500 000 mehr als im Vorjahr.
Als Folge der steigenden Armut verzeichneten Kleiderkammern und Essenstafeln
verstärkten Zulauf, sagte NAK-Sprecher Hans-Jürgen Marcus. Auch
Beratungsstellen für Schuldner und Erwerbslose berichteten, dass sie im
vergangenen Jahr stärker als sonst frequentiert worden seien.
Das Problem liege in der zu niedrig bemessenen Regelleistung des
Arbeitslosengeld II von 345 Euro pro Monat, so Marcus. Dieser Betrag reiche für
viele nicht aus. Auch die Pauschalzahlungen für einmalige Anschaffungen wie
Kinderwagen oder Schuhe seien zu gering. Sie würden deshalb von vielen für den
täglichen Bedarf aufgewendet. Wenn dann eine Anschaffung anstehe, sei ein
Kredit fällig. Auf diese Weise "werden Kinder bereits mit Schulden
geboren."
Derzeit gibt es laut Armutskonferenz in Deutschland etwa 3,1 Millionen
überschuldete Haushalte. Aus diesen Gründen lehnten die Verbände eine etwaige
Absenkung des Regelsatzes ab, sagte Marcus. Eine Anhebung um rund 20 Prozent
auf 420 Euro sei geboten, auch weil ärmere Menschen von der für das kommende
Jahre geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer besonders getroffen würden.
Keine Jobs für Langzeitarbeitslose
Die Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt - eines der
ursprünglichen Ziele der Hartz IV-Reform - gelinge nicht, sagte Marcus. Zum
einen stünden ohnehin keine Arbeitsplätze zur Verfügung, und zum anderen
herrsche in Deutschland "Ideenlosigkeit und Fixierung auf
Ein-Euro-Jobs". Statt auf Weiterbildung und Qualifizierung der
Ein-Euro-Jobber zu setzen, versuche die Regierung, auch dort noch Geld zu
sparen.Marcus kritisierte zudem den hohen Anteil unverständlicher und teils
falscher Bescheide, der den Betroffenen zugehe. 90 Prozent aller Bescheide bis
Ende Januar, die der Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und
Sozialhilfe-Initativen vorlägen, seien falsch gewesen.
Von dem geplanten Hartz-IV-Optimierungsgesetz zum Sozialgesetzbuch befürchtet
die NAK, dass es dabei vorrangig um eine "finanzielle Optimierung der
Ausgaben des Bundes zu Lasten der Förderung und Qualifizierung arbeitsloser Menschen"
gehe. In der Regierung seien die Instrumente des Forderns weit besser ausgebaut
als die Instrumente des Förderns. Martin Hampel
Frankfurter Rundschau, 29.3.06, S. 5
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/nachrichten/?cnt=835973&