Katholische Kirche wohin?
20.4.06 Quelle: Publik Forum Newsletter http://www.publik-forum.de/f4-cms/tpl/pufo/display.asp?cp=pufo
Vor und während der Osterfeiertage gab es zahlreiche Kommentare zur Lage der
Kirche und der Religion. Event-Charakter hatte die Sendung »Beckmann« in der
ARD am Ostermontagabend, bei dem die Kardinäle Walter Kasper (Präsident des
Päpstlichen Rates), Karl Lehmann (Bischof von Mainz), Georg Sterzinsky
(Erzbischof von Berlin) und Friedrich Wetter (Erzbischof von München-Freising)
zu Gast waren und die Situation des Pontifikats, der katholischen Kirche im
Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen kommentierten.
Das steigende Interesse an Religion, der Zulauf zu kirchlichen Events und
Massenveranstaltungen wie dem Segen »Urbi et Orbi« sowie die Zunahme
kirchlicher Wiedereintritte machen die Bischöfe blind dafür, dass sich dahinter
ein Niedergang kirchlicher Religion verbirgt, für den sie maßgeblich
mitverantwortlich sind. Nach wie vor interessieren sich nur 49 Prozent der
Bevölkerung überhaupt grundsätzlich für Religion, daran haben auch die Trends
der letzten Jahre nichts geändert. Davon interessieren sich die meisten nur
sporadisch. In diesem Segment ist das religiöse Interesse stärker geworden,
aber es führt nicht direkt zu kirchlicher Religion. Vielmehr lautet bei diesen
und bei vielen bislang kirchlich Orientierten: Religion ja – Kirche nein. Daher
kann auch von allen Bischöfen mit dramatisch sinkenden Gläubigenzahlen
argumentiert werden, wenn es darum geht, Gemeinden zusammenzulegen, Kirchen zu
schließen und zu verkaufen. Die Wiedereintritte fallen demgegenüber überhaupt
nicht ins Gewicht. Und dass die Austrittszahlen zurückgehen, hat auch mit der
demographischen Verschiebung der Altersgruppen zu tun, denn von weniger jungen
Erwachsenen treten natürlich nominal auch weniger aus. Dafür treten zunehmend
die Älteren über 50 aus, von denen man es vor Jahren noch am wenigsten erwartet
hätte.
Was die Bischöfe in der Sendung »Beckmann« äußerten, wirkte – trotz der sehr
harmlosen Fragen Reinhold Beckmanns nach Zölibat und Frauenpriestertum – eher
realitätsfremd und hilflos. Die Zahlen der geistlichen Berufungen, also vor
allem zum Priesteramt, würden im Gefolge des innerkirchlichen Aufbruchs und der
neuen Sehnsucht nach Spiritualität wieder steigen, äußerte der Berliner Bischof
Sterzinsky mit Blick auf den Weltjugendtag und die Zahlen in afrikanischen
Ländern. Ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass der Eintritt in ein Priesterseminar
in Afrika sozialen Aufstieg bedeutet, in Europa mittlerweile aber eher einen
sozialen Ausstieg und ein gehetztes Managerleben. Ohne zur Kenntnis zu nehmen,
dass besonders junge Leute religiöse Events und Angebote inzwischen zu ihren
kulturellen Surfmöglichkeiten zählen, aus denen aber nichts folgt, was
Institutionsmitgliedschaft stärken oder Glaubenslehren in den Köpfen festigen
könnte. Der Mainzer Bischof und Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz,
Karl Lehmann, unterstrich die Gleichberechtigung und die gleiche Würde von Mann
und Frau, um im nächsten Satz die Gleichheit der Geschlechter zu verneinen und
unter Zustimmung von Kollege Wetter jedem Geschlecht unterschiedliche Aufgaben
zuzusprechen, also den Frauen auf keinen Fall den Zugang zum Priesteramt. Und
auch auf Nachfrage von Beckmann gab es keine Anzeichen für Sensibilität dafür,
dass sich Frauen auch in Führungspositionen repräsentiert sehen wollen, zumal
sie mindestens drei Viertel der Gottesdienstgänger und ehrenamtlichen Helfer
stellen und ohne sie die Gemeinden und damit die Macht der Bischöfe längst
implodiert wären. Stattdessen ein »Weiter so«, was nichts Gutes für die
Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland hoffen lässt.
Politisch ambivalent wirkten auch die Ermahnungen des Papstes in seiner
Osteransprache. Er rief zwar Konfliktparteien zu Verhandlungen auf, die Frieden
bringen sollen, aber bislang hat er in keiner seiner Verlautbarungen und Texte
seine Ermahnungen auf ein solides Konzept gestellt und Perspektiven für die
Weltgesellschaft und das Zusammenleben der Völker und Religionen erarbeitet. So
wirken die Ermahnungen eher hilflos und hängen in der Luft, denn
Konfliktbeilegungen durch Verhandlungen können dort enden, wo sie die
katholische Kirche nicht enden wissen sollte. Daher kann die Kirche nur dann
eine ernst zu nehmende Stimme in der Weltgesellschaft sein, wenn sie sich
deutlicher als bisher zur Stimme der Leidenden macht und aus ihrer Sicht
Ansprüche an die Regierenden und Maßstäbe zum Fortschritt der Weltgesellschaft
formuliert. So wie dies seinerzeit Papst Paul VI. in seiner Enzyklika
»Populorum Progressio« (Vom Fortschritt der Völker) mutig anpackte, die im
nächsten Jahr 40 Jahre alt wird. (nc)
Den Text von »Populorum Progressio« finden Sie hier