Katholische Kirche wohin?

Hilflos agieren die katholischen Kirchenführer

Erstmals hat sich der seit einem Jahr regierende Papst Benedikt XVI. politisch konkret geäußert. Bei seiner Osteransprache am 16.4.2006 bekräftigte der Papst das Existenzrecht Israels; gleichzeitig forderte er die internationale Gemeinschaft auf, das palästinensische Volk bei der Überwindung seiner prekären Lebensverhältnisse und beim Aufbau eines eigenen Staates zu unterstützen. Mit Blick auf den Streit um das iranische Atomprogramm rief er die Konfliktparteien zu »ernsthaften und aufrichtigen Verhandlungen« auf. Erwähnt hat der Papst auch den »besonderen Moment«, in dem sich Italien derzeit wegen des knappen Wahlausgangs und der Weigerung Berlusconis befinde, seine Niederlage anzuerkennen: »Der Herr möge jene Kräfte stärken, welche die Ziele der Eintracht und des Gemeinwohls verfolgen.«

Vor und während der Osterfeiertage gab es zahlreiche Kommentare zur Lage der Kirche und der Religion. Event-Charakter hatte die Sendung »Beckmann« in der ARD am Ostermontagabend, bei dem die Kardinäle Walter Kasper (Präsident des Päpstlichen Rates), Karl Lehmann (Bischof von Mainz), Georg Sterzinsky (Erzbischof von Berlin) und Friedrich Wetter (Erzbischof von München-Freising) zu Gast waren und die Situation des Pontifikats, der katholischen Kirche im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen kommentierten.

Das steigende Interesse an Religion, der Zulauf zu kirchlichen Events und Massenveranstaltungen wie dem Segen »Urbi et Orbi« sowie die Zunahme kirchlicher Wiedereintritte machen die Bischöfe blind dafür, dass sich dahinter ein Niedergang kirchlicher Religion verbirgt, für den sie maßgeblich mitverantwortlich sind. Nach wie vor interessieren sich nur 49 Prozent der Bevölkerung überhaupt grundsätzlich für Religion, daran haben auch die Trends der letzten Jahre nichts geändert. Davon interessieren sich die meisten nur sporadisch. In diesem Segment ist das religiöse Interesse stärker geworden, aber es führt nicht direkt zu kirchlicher Religion. Vielmehr lautet bei diesen und bei vielen bislang kirchlich Orientierten: Religion ja – Kirche nein. Daher kann auch von allen Bischöfen mit dramatisch sinkenden Gläubigenzahlen argumentiert werden, wenn es darum geht, Gemeinden zusammenzulegen, Kirchen zu schließen und zu verkaufen. Die Wiedereintritte fallen demgegenüber überhaupt nicht ins Gewicht. Und dass die Austrittszahlen zurückgehen, hat auch mit der demographischen Verschiebung der Altersgruppen zu tun, denn von weniger jungen Erwachsenen treten natürlich nominal auch weniger aus. Dafür treten zunehmend die Älteren über 50 aus, von denen man es vor Jahren noch am wenigsten erwartet hätte.

Was die Bischöfe in der Sendung »Beckmann« äußerten, wirkte – trotz der sehr harmlosen Fragen Reinhold Beckmanns nach Zölibat und Frauenpriestertum – eher realitätsfremd und hilflos. Die Zahlen der geistlichen Berufungen, also vor allem zum Priesteramt, würden im Gefolge des innerkirchlichen Aufbruchs und der neuen Sehnsucht nach Spiritualität wieder steigen, äußerte der Berliner Bischof Sterzinsky mit Blick auf den Weltjugendtag und die Zahlen in afrikanischen Ländern. Ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass der Eintritt in ein Priesterseminar in Afrika sozialen Aufstieg bedeutet, in Europa mittlerweile aber eher einen sozialen Ausstieg und ein gehetztes Managerleben. Ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass besonders junge Leute religiöse Events und Angebote inzwischen zu ihren kulturellen Surfmöglichkeiten zählen, aus denen aber nichts folgt, was Institutionsmitgliedschaft stärken oder Glaubenslehren in den Köpfen festigen könnte. Der Mainzer Bischof und Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, unterstrich die Gleichberechtigung und die gleiche Würde von Mann und Frau, um im nächsten Satz die Gleichheit der Geschlechter zu verneinen und unter Zustimmung von Kollege Wetter jedem Geschlecht unterschiedliche Aufgaben zuzusprechen, also den Frauen auf keinen Fall den Zugang zum Priesteramt. Und auch auf Nachfrage von Beckmann gab es keine Anzeichen für Sensibilität dafür, dass sich Frauen auch in Führungspositionen repräsentiert sehen wollen, zumal sie mindestens drei Viertel der Gottesdienstgänger und ehrenamtlichen Helfer stellen und ohne sie die Gemeinden und damit die Macht der Bischöfe längst implodiert wären. Stattdessen ein »Weiter so«, was nichts Gutes für die Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland hoffen lässt.

Politisch ambivalent wirkten auch die Ermahnungen des Papstes in seiner Osteransprache. Er rief zwar Konfliktparteien zu Verhandlungen auf, die Frieden bringen sollen, aber bislang hat er in keiner seiner Verlautbarungen und Texte seine Ermahnungen auf ein solides Konzept gestellt und Perspektiven für die Weltgesellschaft und das Zusammenleben der Völker und Religionen erarbeitet. So wirken die Ermahnungen eher hilflos und hängen in der Luft, denn Konfliktbeilegungen durch Verhandlungen können dort enden, wo sie die katholische Kirche nicht enden wissen sollte. Daher kann die Kirche nur dann eine ernst zu nehmende Stimme in der Weltgesellschaft sein, wenn sie sich deutlicher als bisher zur Stimme der Leidenden macht und aus ihrer Sicht Ansprüche an die Regierenden und Maßstäbe zum Fortschritt der Weltgesellschaft formuliert. So wie dies seinerzeit Papst Paul VI. in seiner Enzyklika »Populorum Progressio« (Vom Fortschritt der Völker) mutig anpackte, die im nächsten Jahr 40 Jahre alt wird. (nc)

Den Text von »Populorum Progressio« finden Sie hier

 

20.4.06

 

Quelle: Publik Forum Newsletter

http://www.publik-forum.de/f4-cms/tpl/pufo/display.asp?cp=pufo