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Ulm · 20. Juni · ap · Mit einem feierlichen Gottesdienst
ist der 95. Deutsche Katholikentag am Sonntag in Ulm zu Ende gegangen. Der
Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, appellierte
an die mehr als 20 000 Gläubigen, sich persönlich zu Gott zu bekennen. Nur so
könne man auch mit der Kraft Gottes in Kontakt kommen. Seit Mittwoch hatten
zehntausende Christen an dem Laientreffen unter dem Motto "Leben aus
Gottes Kraft" teilgenommen.
Bereits am Samstag hatten die Organisatoren des Katholikentags ein positives
Fazit gezogen. Sie betonten den starken ökumenischen Akzent der Veranstaltung,
hoben aber auch die ausgeprägte spirituelle Dimension hervor.
Einer der Höhepunkte des Katholikentages war am Samstag ein Podiumsgespräch
zwischen Kardinal Lehmann und dem Tübinger Theologen Hans Küng, dem 1979 vom
Vatikan unter anderem wegen seiner Kritik an der Unfehlbarkeit des Papstes die
Lehrerlaubnis entzogen worden war. Rund 6000 Zuhörer waren zur ersten
öffentlichen Diskussion der beiden Theologen in die Donauhalle gekommen.
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Erscheinungsdatum 21.06.2004
URL: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=457145
KOMMENTAR: KATHOLIKENTAG
VON MARKUS BRAUCK
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Manches am Niedergang der katholischen Kirche mag an den Zustand der SPD
erinnern. Eines aber nicht. Die Kirche hat keine Agenda 2010. Nicht einmal eine
für das Jahr 2005. Mühsam sendet sie vom Ulmer Katholikentag das Signal, sie
lebe noch. Doch das ist auch schon alles. Wozu es sie in Zukunft noch geben
soll und was sie eigentlich vorhat, darauf weiß sie keine Antwort. Inzwischen
erwartet es auch kaum einer mehr von ihr.
Das ist nicht in erster Linie eine Schuld der Laien. Zu oft wurden ihre
Versuche stranguliert, eine Kirche von morgen zu denken. Sie erhoffen nichts
mehr von ihrer Kirche. Sie fragen sich nur noch, was es denn war, das sie sich
einst erhofft haben. Für die Zukunft gibt es keine Ideen, in der Gegenwart
bewegt sich nichts, also wühlt man ein wenig in der Vergangenheit. So kommt es,
dass es innerkirchlich geradezu als Sensation gilt, dass die Grünen auf dem
Katholikentag erstmals zum Empfang laden. Ja, früher war das mal ein großes
Thema, als der inzwischen verstorbene Kardinal Joseph Höffner die Ökopartei als
für Katholiken unwählbar bezeichnete. Auch dass der vor Jahrzehnten vom Vatikan
gemaßregelte Theologe Hans Küng in diesem Jahr mit Kardinal Karl Lehmann
öffentlich diskutierte, wird als Zeichen des Aufbruchs gedeutet. Ja, früher
wäre es das gewesen. Aber ist es heute noch eins?
Die Kirche ist in Gefechten der Vergangenheit verstrickt, ohne die Kraft, eine
Vision zumindest für sich selbst zu entwickeln, und sie wundert sich trotzdem,
dass sie gesellschaftlich nicht mehr durchdringt. Nicht nur wegen der
Fußball-EM ging dieser Katholikentag an den Medien nahezu vorbei. Wie soll eine
Institution, die für sich selbst nicht weiß, wo sie hin will, anderen die
Zukunft erklären? Da nutzt es nicht viel, dass die Laien sehr ernsthaft über
Bioethik diskutieren und viele Katholiken sich im Alltag für die Schwachen
abmühen.
Allein, es fehlt die Hoffnung. Selbst der gastgebende Bischof Gebhard Fürst,
eigentlich kein verzagter Mann, sprach von "Durststrecken" und einer
"winterlichen Kirche". Das katholische Christentum, das lebendiges
Wasser sein möchte, ist festgefroren. Und Eiskristalle sind zu sperrig, um in
die Ritzen der Gesellschaft einsickern zu können.
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Erscheinungsdatum 21.06.2004
URL: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/die_seite_3/?cnt=457112
Gemeinsam
nur im Notfall
Die Ökumene war das dominierende Thema in Ulm. Die katholische Kirche
ist
schon mit kleinen Schritten zufrieden. Reformer und Protestanten nicht
AUS ULM BERNHARD PÖTTER
Wer sich in der Bibel auskennt, hat gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen.
Und so gibt es am Schluss Standingovation des Publikums im völlig
überfüllten Einstein-Saal des Kongresszentrums Ulm. Vorn steht Walter
Kasper, der bis vor fünf Jahren als Bischof auch für Ulm zuständig war, und
genießt sein Heimspiel. Jetzt ist Kasper Chef der "Kongregation für die
Einheit der Christen" in Rom und damit Ökumene-Minister des Vatikans. Was
er
sagt, gilt.
Und Kasper hat viel gesagt in seiner einstündigen "Theologischen
Grundlegung - Ökumene des Lebens". Natürlich hat er den "Skandal der
Trennung" gegeißelt, natürlich hat er vor einer
"Wischi-Waschi-Ökumene"
gewarnt und die Ungeduldigen gemahnt, wer das gemeinsame
evangelisch-katholische Abendmahl fordere, müsse Geduld haben und kleine
Schritte gehen: "Wer immer gleich das Ganze will, wird gar nichts
erreichen". Eine allgemeine Einladung für Nichtkatholiken könne es nicht
geben.
Aber die Leute, die bereits eine Stunde vor der Veranstaltung vor den Türen
warteten, jubeln nicht wegen dieser altbekannten Ablehnung des gemeinsamen
Abendmahls. Sie klatschen, weil Kasper versteckt in seinem langen Referat
drei zentrale Dinge gesagt hat: Er zitiert den Papst und das Kirchenrecht,
nach denen "in bestimmten außerordentlichen Situationen ein
nichtkatholischer Christ zur Kommunion zugelassen werden kann". Er
vertraut
darauf, dass "unsere Priester genügend Feingespür besitzen, um Lösungen zu
finden, die der jeweiligen persönlichen Situation und der Vielfalt des
Lebens gerecht werden". Und er kritisiert, es gebe zu dieser Frage
"zu viel
mit Druckerschwärze versehenes Papier". Für katholische Ohren klingt das
so:
Das gemeinsame Abendmahl ist nicht grundsätzlich verboten. Der einzelne
Priester kann entscheiden. Und die deutschen Christen sollten Rom nicht so
wichtig nehmen.
Das sagt auch Walter Bayerlein, Vizepräsident des Zentralkomitees der
deutschen Katholiken (ZdK), das den Katholikentag veranstaltet. Wie ist
seine Reaktion auf die jüngste Instruktion aus dem Vatikan, die die Feier
der Messe harsch reglementiert? Er habe "nicht den Eindruck, dass die
deutschen Bischöfe bei der Umsetzung besonders leidenschaftlich sind",
sagt
Bayerlein. Ihn störe der Grundton, aber "wir sollten nicht aufgeregt auf
ein
Papier reagieren, von dem in ein paar Monaten niemand mehr redet".
Die Signale für die Besucher des 95. Deutschen Katholikentags waren somit
klar: Ein Jahr nach dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin, nach
Aufbruchstimmung und dem Skandal um das illegale gemeinsame Abendmahl,
sollte das Katholikentreffen die neue Normalität zeigen. Auf 800
Veranstaltungen wurde debattiert über Bioethik, über die Agenda 2010, über
Welthandel, Politik, Gott und die Welt. Und immer wieder über das zentrale
Thema Ökumene, auch mit der orthodoxen Kirche, vor allem aber in der
deutschen Form evangelisch-katholisch. Die katholische Marschrichtung: Wir
machen weiter, hin zur Ökumene, langsam und stetig. "In Ulm bestätigt sich
die Hoffnung auf christliche Gemeinsamkeit durch die seit langem gewachsene
ökumenische Zusammenarbeit der Christen", wusste ZdK-Präsident Hans
Joachim
Meyer schon vor Beginn der Veranstaltung.
Und in der Tat zeigte Ulm deutliche Spuren von Berlin: Fast zehn Prozent der
Besucher waren evangelisch (normalerweise besuchen die Veranstaltung etwa
drei Prozent), sehr viele Podien waren paritätisch besetzt; zum ersten Mal
praktizierten die Katholiken die protestantische Sitte der morgendlichen
Bibelarbeiten; Protestanten erwärmten sich für die katholische
Heiligenverehrung, für Fastenzeiten und für Fragen der
Gottesdienstgestaltung; überall auf dem Messegelände tröteten
protestantische Posaunenchöre; und auch die Katholiken sprachen nicht ihr
Tischgebet, bevor sie ihre Gabel im Verpflegungszelt in die Nudeln mit
Putengeschnetzeltem stachen. Die schwierigste Frage der Ökumene, so witzelte
die Kabarettgruppe Ruhama, lautete: "Gehen wir zu dir oder zu mir?"
Krawall und Skandal gab es in Ulm nicht. Das lag auch am Ort. In Ulm sind
nur 40 Prozent der Bevölkerung katholisch, 30 Prozent evangelisch und 30
Prozent "Sonstige". Im Münster, der zentralen Kirche der Stadt mit
dem
höchsten Kirchturm der Welt, genossen die Katholiken nur Gastrecht. Die
Bürger der Stadt hatten sich 1530 in der Reformation mit 87 Prozent für den
Protestantismus entschieden. Die Geschichte von Ulm ist ein deutliches
Signal des Volkes an die römische Kirche: "Wir können auch anders!"
Die aufmüpfigen Basisgruppen hielten in Ulm relativ still: Die "Initiative
Kirche von unten" (IkvU) tagte abseits des Getümmels im eigenen
ökumenischen
Zentrum. Die Reformer von "Wir sind Kirche", die das gemeinsame
Abendmahl in
der Berliner Gethsemane-Kirche organisiert hatte, diskutierten ihre Anliegen
am eigenen Stand auf dem Messegelände - eingezwängt zwischen der
katholischen Militärseelsorge, dem "Forum Studienjahr Jerusalem" und
dem
"China-Zentrum". Nur eine Veranstaltung außerhalb des offiziellen
Programms
und einen Gottesdienst ohne Priester hatte "Wir sind Kirche"
organisiert.
"Über das gemeinsame Abendmahl von Berlin redet ja hier sowieso noch
jeder",
meinte "Wir sind Kirche"-Sprecher Christian Weisner.
Und doch war die gefühlte Einheit größer als die tatsächliche. Denn ein Jahr
nach dem Ökumenischen Kirchentag traten die Unterschiede der Kirchen und
ihre Probleme bei der Annäherung deutlich hervor. So sind die unbotmäßigen
Priester Gotthold Hasenhüttl und Bernhard Kroll weiterhin von ihren
katholischen Bischöfen mit voller Härte belangt, suspendiert oder in Rente
geschickt worden. Hasenhüttl, der nicht klein beigeben will, forderte ein
"Ende der Heuchelei": Schließlich werde er nur verfolgt, weil er
öffentlich
zum gemeinsamen Mahl stehe, das jeden Sonntag tausendfach praktiziert, aber
verschwiegen werde.
Die theologische Debatte in der katholischen Kirche ist seit Berlin keinen
Millimeter vorangekommen. Das beklagt vor allem die evangelische Seite.
Elisabeth Raiser, Präsidentin des Ökumenischen Kirchentags von Berlin,
gestand, ihr fehle inzwischen jede Hoffnung, dass das gemeinsame Abendmahl
in den nächsten Generationen kommen werde. Die hannoversche Landesbischöfin
Margot Käßmann erklärte, man sei "im Streit mit den katholischen Bischöfen
manchmal zu höflich. Luther wäre auch nicht weiter gekommen, wenn er gesagt
hätte: Jetzt ist mir das zu unangenehm, jetzt lasse ich das." Andere
Protestanten warnten vor einer "Kuschel-Ökumene auf der obersten
Ebene", die
den Hardlinern in Rom in die Hände spiele.
Solche Debatten hat die "Kirche von unten" längst hinter sich
gelassen. "Wir
feiern das gemeinsame Abendmahl mit evangelischem und katholischem Priester,
und das ist völlig selbstverständlich", sagte IkvU-Sprecher Tim Schmidt.
Die
Aktivisten kümmerten sich in ihrem Ökumenischen Zentrum um Themen wie Asyl
und Zuwanderungsgesetz, Kopftuchstreit, Sozialabbau oder Homosexuelle in der
Kirche.
"Ich kenne keine ökumenische Friedensinitiative, die sagt, bei der Messe
dürfen nur die Katholiken zur Kommunion", meinte Schmidt. "Die
Ökumene auf
dem Katholikentag ist ein netter Anstrich. Aber der Beton darunter ist der
alte."
taz Nr. 7388 vom 21.6.2004, Seite 5, 200 Zeilen (TAZ-Bericht), BERNHARD
PÖTTER
Katholikentag
streitet über Kirchenfinanzen
Zentralkomitee kritisiert Sparpraxis
Küng und Drewermann treten auf
Ulm, 17.6.2004. Die akute Finanzkrise der Kirchen in Deutschland
überschattet den 95. Deutschen Katholikentag, der gestern Abend in Ulm
eröffnet wurde. In der Kritik stehen Bischöfe und ihre Finanzexperten. In
der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)
beklagten Delegierte "Stillosigkeit" bei der Realisierung von
Sparkonzepten.
Die frühere Berliner Bürgermeisterin Hanna-Renate Laurien bedauerte, dass
mit den betroffenen Menschen erst geredet werde, "wenn man beschlossen
hat".
Das schüre Resignation und mache eine öffentliche Debatte über den Stil
notwendig. ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer vermisste ein "deutschlandweites
Konzept" bei der Lösung der kirchlichen Finanzprobleme. Meyer verlangte
"Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit". Das ZdK sei bereit, über eine
"neue
Gestalt der Kirche in Deutschland" mit nachzudenken, "die den realen
Ressourcen entspricht". Das "geänderte Kleid" der Kirche müsse
aber auf
jeden Fall dem Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechen.
Meyer, Laurien und andere Sprecher des ZdK befürchten, die derzeitigen
Finanznöte könnten einen kirchlichen Kurswechsel, ein Zurück zu einer
"priesterzentrierten" Kirche, bewirken. Von den Sparmaßnahmen sind in
der
Regel Laien betroffen. Das Konzil hatte aber eine Aufwertung der Mitarbeit
von Laien beschlossen.
Die neu aufgebrochene Diskussion über das Kirchenbild wird auch den
spektakulärsten Programmpunkt des Ulmer Katholikentages bestimmen: das
Podiumsgespräch am Samstag zwischen Kardinal Karl Lehmann, Hanna-Renate
Laurien und dem 1979 vom Vatikan gemaßregelten Tübinger Theologen Hans Küng.
Eine Rehabilitierung des weltbekannten Ökumeneexperten durch Rom ist bisher
nicht zu Stande gekommen, auch der deutsche Episkopat blieb zu Küng, der
sich zur "loyalen Opposition Seiner Heiligkeit" zählt, strikt auf
Distanz.
In Ulm wird dieser Bann nun durchbrochen.
Der Katholikentag zeigt sich offen: Auch der Paderborner
"Kirchenrebell"
Eugen Drewermann und der von Rom aus seinem Amt gedrängte französische
Bischof Jacques Gaillot bekommen ein Podium. Der scharfe Gegensatz zwischen
der "Kirche von unten" und dem offiziellen Katholikentag ist
aufgehoben. Der
betont traditionalistische Flügel des deutschen Katholizismus verfolgt diese
Entwicklung mit Misstrauen, und auch bei Kurienkardinal Joseph Ratzinger
gibt es Unmut. (Gernot Facius)
Aus: DIE WELT, 17.6.2004
Quelle: http://www.welt.de/data/2004/06/17/292423.html
Katholikentag:
Lob, Begeisterung und Irritationen
Ulm, 19.6.2004 (KNA). Für Irritationen haben am Samstag beim Katholikentag
in Ulm negative Äußerungen des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick über das
Christentreffen gesorgt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz,
Kardinal Karl Lehmann, bedachte das Treffen mit Lob und ging auf Distanz zu
Schick.
Wie schon am Donnerstag und am Freitag kamen erneut Zehntausende zu den
Katholikentags-Veranstaltungen. Auf das Interesse von gut 3.000 Zuhörern
stieß eine Diskussion über die Zukunft der Kirche zwischen Lehmann und dem
Tübinger Theologen Hans Küng, dem 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen
wurde. Es war das erste öffentliche Gespräch zwischen beiden seit Küngs
Maßregelung. Aus der Politik waren am Samstag unter anderen
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und
SPD-Chef Franz Müntefering nach Ulm gekommen. Das Christentreffen endet am
Sonntag.
Schick hatte nach einem Besuch des Katholikentreffens erklärt, wieder einmal
stelle sich die Kirche als "Debattierklub über alles und jedes" dar.
Den
berufsmäßigen Kirchenkritikern werde die größte Aufmerksamkeit geschenkt.
Der Katholikentag trage mehr zur Orientierungslosigkeit bei, als dass er
"Durchblick" auf Jesus Christus gebe. Dagegen würdigte Lehmann den
Katholikentag als "auf seine Weise auch fromm". Die Gottesdienste
seien sehr
gut besucht gewesen, und er habe rücksichtsvolle, sachliche Diskussionen
erlebt. Von einer Orientierungslosigkeit des Katholikentags könne er nicht
sprechen.
Auch der Präsident des die Katholikentage veranstaltenden Zentralkomitees
der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, wies die Kritik zurück.
Er begreife sie nicht, sagte Meyer. Der ZdK-Präsident unterstrich,
Katholikentage seien und blieben Orte des öffentlichen Dialogs. Wer meine,
dies stehe im Gegensatz zu den Grundlagen christlichen Glaubens, gehe den
Weg in die Sekte.
Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20040620t095527828.htm
Katholikentag
in Ulm trägt 'zur Orientierungslosigkeit bei'
Erzbischof Ludwig Schick übt Kritik am Treffen in Ulm
"Wo bleiben Jesus Christus und sein Evangelium?"
"Den berufsmäßigen Kirchenkritikern wird die größte Aufmerksamkeit
geschenkt"
Bamberg, 19.6.2004 (kath.net/bbk/red). Der Katholikentag 2004 bietet nach
Meinung des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick zu viel, er trage mehr zur
Orientierungslosigkeit bei, als das er Durchblick auf den gebe, der "Leben
aus Gottes Kraft" schenke: Jesus Christus. Über 800 Veranstaltungen
befassten sich mit Sozialpapieren, der wirtschaftlichen Lage in Deutschland,
mit den Sozialsystemen in der Bundesrepublik, der Bioethik, Wertung
gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, der finanziellen Situation in den
deutschen Diözesen. "Wo bleiben Jesus Christus und sein Evangelium",
fragte
der Erzbischof nach einem Besuch des Katholikentages in Ulm. Sicher kämen
sie vor, aber als Hauptpunkte und Mitte würden sie von dem Veranstalter zu
wenig thematisiert. Es gelte das Sprichwort "Man sieht vor lauter Bäumen
den
Wald nicht mehr".
Schick: "Zu sehr stellt sich wieder einmal die Kirche als Debattierklub
über
alles und jedes dar. Den berufsmäßigen Kirchenkritikern wird die größte
Aufmerksamkeit geschenkt". Auch einige Schlagworte, die bereits bei der
Eröffnung gefallen seien, müssten kritisch hinterfragt werden: "Was
bedeutet
zum Beispiel Gefahr der Reklerikalisierung der Kirche und was wird den
Katholiken und auch den Nichtkatholiken mit dieser Frage vermittelt? Es wird
der Eindruck erweckt, dass der Klerus, das sind nach allgemeinem
Sprachgebrauch die Priester und Diakone, für die Kirche gefährlich sind".
Dagegen betonte Erzbischof Schick, dass Priester und Diakone nötig seien,
damit das Herzstück der Kirche, die Liturgie überall gefeiert werden könne.
Kleriker seien keine Gefahr, sondern ein Segen. Klerus vom Wortsinn her
bedeute auch: Teilhabe am Los des Herrn Jesus Christus. Es sei sehr zu
wünschen, dass alle Getauften mehr am "Los des Herrn", nämlich an
seiner
Liebe zu Gott und zum Nächsten teilhätten. "In diesem Sinn ist eine
Reklerikalisierung der ganzen Kirche sogar sehr zu wünschen", sagte der
Erzbischof wörtlich.
Weiter stellte er die Frage, was ein Zentralkomitee der deutschen Katholiken
zur Lösung der Finanzprobleme der Diözesen, der Orden und anderer
Institutionen beitragen könne? Sowohl die strukturellen, finanziellen und
personellen Gegebenheiten in den Bistümern als auch die wirtschaftlichen und
konjunkturellen Situationen in den jeweiligen Regionen seien sehr
unterschiedlich. Außerdem gebe es bereits vielfältige Konsultationen,
Absprachen und auch Hilfen "Schuster, bleib bei deinem Leisten",
komme einem
diesbezüglich in den Sinn.
Quelle: http://www.kath.net/detail.php?id=7913
Der
Rebell von der Saar hofft auf Mitstreiter
Hasenhüttls Auftritt am Rande des Kirchentags in Ulm
Gotthold Hasenhüttl, in Ungnade gefallener Seelsorger und unerwünschte
Person beim Katholikentag in Ulm, sucht den Beistand der Kirchenbasis. Roms
Erlaubnis zur ökumenischen Abendmahlfeier, sagte er jetzt, müsse durch
"zivilen Ungehorsam" herbeigezwungen werden. Als während der
Podiumsdiskussion der Kirchenvolksbewegung ein Zuhörer fragt, weshalb die
Gläubigen nicht einfach über gemeinsame Abendmahlgottesdienste abstimmen
könnten, da fährt es aus Hasenhüttl heraus. "Ja, das nützt überhaupt
nichts.
Abstimmungen oder Umfragen interessieren die Bischöfe nicht. Sie halten sich
von Gottes Gnaden ins Amt gesetzt, nicht von Volkes Gnaden."
Die Zeit des höflichen Argumenteabtauschs in Sachen Ökumene ist nach Ansicht
des 70-jährigen emeritierten Professors aus Saarbrücken vorbei. Sein Rezept
lautet anders. "Der zivile Ungehorsam müsste immer stärker werden. Erst
wenn
sie nicht mehr anders können, sagen die Bischöfe dann irgendwann: na, so
haben wir selber ja immer schon gedacht." Die Macher des Katholikentags
hatten den streitbaren Pfarrer aus Saarbrücken von vornherein aus ihrem
offiziellen Programm ausgesperrt. Also haben die Reformer, die sich in der
Kirchenvolksbewegung zusammengetan haben, selber nach einem
Veranstaltungsort gesucht. Unter Mühen wurde jener Hörsaal 22 der Ulmer
Universität gefunden, in dem Hasenhüttl nun sitzt und spricht.
Seit dem Ökumenischen Kirchentag im vergangenen Jahr, als Hasenhüttl gegen
das Verbot des Papstes Protestanten die Kommunion reichte, ist er nicht mehr
zur Ruhe gekommen. Der Trierer Bischof Reinhard Marx suspendierte den
abtrünnigen Pfarrer und erteilte ihm Lehrverbot. Doch Hasenhüttl legte
Beschwerde beim Vatikan ein, erreichte so, dass die Suspendierung zunächst
außer Kraft gesetzt wurde. Inzwischen, so war am Wochenende zu erfahren,
habe Marx zum zweiten Mal schriftlich bekräftigt, dass er seinen
unbotmäßigen Hirten aus dem Amt entfernen wolle.
Hasenhüttls Streit mit der Kurie, das ist das Problem der Reformer, die den
Strauchelnden stützen wollen, spielt sich auf einem theologischen Niveau ab,
dem Laienchristen kaum noch folgen können. Es geht um Wortlaut und Auslegung
der Papst-Enzyklika, in der das Verbot des gemeinsamen Abendmahls enthalten
ist. "Die Laientaufe wird von der katholischen Kirche anerkannt. Aber wie
kann ich einem Menschen, der zum Leib Christi gehört, den Leib Christi
verweigern?" fragt Hasenhüttl und beruft sich auf das Konzil von Chalkedon
im 5. Jahrhundert.
Reformer, die zu Hasenhüttl halten, versuchen, ihm zu helfen, indem sie nach
volksnahen Bildern für den Konflikt suchen und danach trachten, den Worten
die Schärfe zu nehmen. So sagt Urs Baumann, Professor am Institut für
ökumenische Forschung in Tübingen, in Richtung katholische Kirche: "Je
weiter man nach oben blickt, desto mehr sieht man den Schnee des Alters, der
versucht, sich auf die Blüten zu legen. Doch er schafft es nicht, den
Frühling zu verhindern." Das Publikum applaudiert solchen poetischen
Bildern
vom Machterhalt. Als der Moderator der Diskussion, die keine wirkliche
Diskussion ist, weil fast nur Befürworter der Ökumene gekommen sind, fragt,
ob auch andere Pfarrer hier sind, heben sich vier Hände.
Fraglich, ob sich Gotthold Hasenhüttl mit dieser Veranstaltung aus seiner
bedrohlichen Situation ein Stück hat heraushelfen können. Allemal hat er
Zustimmung und Mitgefühl erfahren. Die Münchner Hochschulpfarrerin Brigitte
Enzner-Probst, die den folgenreichen Berliner Gottesdienst 2003
mitzelebriert hat, sagt, was viele denken: "Es tut mir sehr weh, was Herrn
Hasenhüttl passiert ist." (Rüdiger Bäßler)
Aus: Stuttgarter Zeitung, 21.6.2004
Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/751986
Klüngel
trifft Offenheit
Katholische und Evangelische Kirche passen nicht zusammen
Protestanten und Katholiken passen einfach nicht zueinander. Das hat der
Katholikentag in Ulm wieder einmal gezeigt. Nein, es geht nicht um
theologische Spitzfindigkeiten. Mit der Ablehnung des gemeinsamen Abendmahls
durch die katholische Kirche ist es wie mit der Ablehnung der
Frauenordination oder mit dem Festhalten am Zwangszölibat: Bestenfalls kann
man theologisch darüber streiten. Doch wirklich schwer wiegende Gründe für
eine derart einschneidende Trennung der Christenheit gibt es nicht.
Deshalb geht es bei diesen Themen nicht hauptsächlich um Theologie, sondern
um Machtpolitik und Einfluss innerhalb der Kirchen und zwischen den
Konfessionen. Auch das wäre legitim, würde es offen diskutiert. Das ist aber
gerade bei den Katholiken nicht der Fall. Sie erklären sich selbst als
einzige wirkliche Kirche.
Die Gläubigen kennen das: "Rom ist weit" ist kein unbekanntes Wort in
der
katholischen Kirche. Wegducken und weitermachen, heißt oft die Devise. Und
wenn Verstöße nicht an die große Glocke gehängt werden, wird oft ein Auge
zugedrückt. Protestanten haben mit dieser katholischen Art so ihre Probleme.
Sie vertreten eine Kultur des Wortes, der klaren Grundsätze und des "Hier
stehe ich und kann nicht anders". Deswegen schätzen Katholiken und
Protestanten die Fortschritte bei der Ökumene in Deutschland so verschieden
ein. Gar nicht schlecht, sagen die Katholiken. Ein Desaster, meinen die
Protestanten.
Das Problem: Die katholische Kirche fordert bei anderen demokratische
Strukturen, aber verhindert selbst eine offene Kirche, die Wahl der Bischöfe
durch die Gläubigen, Transparenz in Finanzdingen und eine Gerichtsbarkeit,
in der nicht der Papst zugleich Richter und Ankläger ist. Dass die
wesentlich demokratischer verfasste evangelische Kirche mit so einem
undurchschaubaren Apparat ihre Probleme hat, ist verständlich. Ob sie mit
einem solchen vordemokratischen System eng liiert sein will, muss sie selbst
wissen. Aber in einer engen Beziehung sollten beide Partner zumindest die
gleiche Sprache sprechen. (BERNHARD PÖTTER)
Aus: taz, 21.6.2004, Seite 11
Quelle: http://www.taz.de/pt/2004/06/21/a0184.nf/text.ges,1
Brückenschlag
zwischen den Konfessionen
Der Wunsch vieler Katholiken nach einem gemeinsamen Abendmahl mit
Protestanten bleibt unerfüllt
ULM, 21.06.2004. Zum Abschluss des 95. Katholikentags in Ulm haben gestern
mehr als 20000 Menschen einen Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert.
Erstmals in der Geschichte der Katholikentage wurde die Schlussmesse mit
einer Ökumenischen Segensfeier verbunden. Der Bamberger Erzbischof Ludwig
Schick provozierte die Katholikentags-Besucher mit seinem abfälligen Urteil:
Die Kirche habe sich in Ulm bloß als "Debattierclub" dargestellt und
zur
allgemeinen Orientierungslosigkeit beigetragen. Wie Schick denken auch
andere konservative Bischöfe, die erst gar nicht nach Ulm gekommen waren -
darunter der Kölner Kardinal Joachim Meisner. Sein innerkirchlicher
Gegenspieler, Kardinal Karl Lehmann, nutzte dagegen das fünftägige Treffen
erneut dazu, Brücken zu bauen - zwischen Klerikern und Laien, Jung und Alt,
konservativen und reformkatholischen Christen.
Auch zwischen Katholiken und Protestanten wurden Brücken geschlagen - mehr
als auf jedem anderen Katholikentag in der 156-jährigen Geschichte des
Laienforums. Symbolträchtig endete die Open-Air-Messe gestern erstmals mit
einer Ökumenischen Segensfeier. Der Wunsch vieler Christen nach einem
gemeinsamen Abendmahl blieb aber weiter unerfüllt - Roms Haltung dazu ist
unverändert.
Manche stellen sich die Frage, warum es überhaupt noch konfessionell
getrennte Kirchentage gibt. Im Vergleich zum ersten Ökumenischen Kirchentag
in Berlin mit mehr als 200000 Teilnehmern wirkte das Ulmer Treffen mit 25000
Dauergästen und jeweils etwa 10000 Tagesgästen wie ein Familientreffen
engagierter Katholiken; immerhin zehn Prozent der Teilnehmer waren
Protestanten. Die ökumenische Sehnsucht und Selbstverständlichkeit zeigte
sich bei einem gemeinsamen Gottesdienst im (protestantischen) Ulmer Münster,
das wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Kritiker verweisen aber
darauf, dass auf theologischer Ebene zwischen Vatikan und protestantischen
Kirchen keine Fortschritte erkennbar seien.
Anders als in Berlin waren hochrangige Politiker in Ulm kaum zu sehen. Die
Parlamentswoche in Berlin dürfte ein Grund für Absagen gewesen sein - und
wenn Prominenz nach Ulm fand, dann interessierten sich wie im Falle des
SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering oder des IG-Metall-Vorsitzenden Jürgen
Peters meist nur wenige Besucher für sie. Kaum ein Beobachter wollte daher
dem Präsidenten des veranstaltenden Zentralkomitees der deutschen
Katholiken, Hans Joachim Meyer, zustimmen. Nach seiner Ansicht war das Ulmer
Treffen wie frühere Kirchentage - etwa in Zeiten der Nachrüstungsdebatte -
"eine Zeitansage".
Im Vordergrund standen innerkirchliche Themen - etwa der Reformstau, den die
meisten Katholiken gelöst sehen wollen. Überfüllt und mit kräftigem Applaus
begleitet waren denn auch die Veranstaltungen mit den Kirchenkritikern Eugen
Drewermann und Jacques Gaillot über das "Ende der Klerikerkirche"
sowie das
mit 6000 Zuhörern am stärksten besuchte Podium über die Zukunft der Kirche.
Lehmann diskutierte mit dem 1979 vom Vatikan gemaßregelten Theologen Hans
Küng und dem ZdK-Mitglied Hanna Renate Laurien. Der Kardinal hatte beim
Publikum trotz spürbarer menschlicher Sympathien einen schweren Stand,
offizielle Positionen zu vertreten. Das Zölibat oder das Verbot des
Frauenpriestertums ist vielen nicht mehr vermittelbar.
Selbstvergewisserung, Gewissensbildung und religiöse Erfahrungen machten für
viele den wahren Charakter des Katholikentages aus. Rund 12000 Menschen
beteten, sangen und meditierten bei der "Taizé-Nacht der Lichter".
Zum
Mittagsgebet mit dem Benediktinerpater Anselm Grün kamen mehr als 5000, ein
internationaler Gottesdienst lockte über 2000 Christen an. Das geistliche
Zentrum, Messen, Bibelstunden und seelsorgerische Beratungsangebote fanden
großen Anklang. "Ich will mich finden", sagte eine Teilnehmer.
"Es war ein
frommer Katholikentag", resümierte denn auch Lehmann. (Bernward Loheide
und
Matthias Hoenig)
Aus: Wiesbadener Kurier, 21.6.2004
Quelle:
http://www.wiesbadener-kurier.de/politik/objekt.php3?artikel_id=1517929